22.05.2009 · Wenn es Orte gibt, an denen das Phänomen Lafontaine II seinen Ursprung hat, dann sind es Orte wie der Saarbrücker Problemstadtteil Burbach. Wir da unten gegen die da oben, das ist das Gefühl, das der Parteichef der Linken beschwören kann wie kaum ein anderer, ohne Rücksicht auf populistische Verluste.
Von Oliver Georgi, SaarbrückenDer Weg zu einer gerechteren Gesellschaft führt vorbei an Victor Hugo. „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, steht auf den Plakaten, die an den Wänden der kahlen Halle kleben, was wohl heißen soll: Gegen die Revolution, die kurz bevorsteht, wird sich niemand erwehren können. Jetzt gerade aber lässt die Revolution noch auf sich warten; es ist Stau in der Stadt, ein Rockkonzert verstopft die Straßen. Draußen, an der Grillbude „Bruzzelstube“, stehen ein paar versprengte NPD-Anhänger und verteilen Flugblätter. „Möchten Sie einen neuen Honecker?“ steht darauf, und „Möchten Sie, dass die Bundesrepublik eingemauert wird?“
Ein paar Meter wartet die Junge Union, und knapp daneben diskutieren die Linken-Anhänger jetzt gerade, dass man der JU doch eigentlich die Flugblätter wegreißen müsste. Wenn Oskar Lafontaine kommt, lässt das kaum einen kalt in Burbach, diesem Saarbrücker Problemstadtteil, in dem sich Billigladen an Billigladen reiht und die Arbeitslosigkeit so hoch ist wie kaum sonst wo in der Stadt.
Nicht weit von hier steht die berüchtigte „Tosa-Klause“, in dem der kleine Pascal verschwunden ist; eine Trinkhalle ist in die brüchige Hütte gezogen, und dort stehen sie jetzt und trinken. Wenn es Orte gibt, an denen das Phänomen Lafontaine II seinen Ursprung hat, dann sind es solche wie dieser. Weil die Idee, deren Zeit gekommen sein soll, noch immer nicht da ist, wird drinnen in der Halle, braune Kunststoffvertäfelung, 80er Jahre, jetzt Abba gespielt, „The winner takes it all“.
„Das ist einer von uns“
Das mag programmatisch gemeint sein oder auch reiner Zufall, wer weiß das schon, aber der Frau mit der bunten Blumen-Bluse und den Dreiviertel-Leggings, die wippend an der Theke steht, gefällt es. „Passt doch gudd.“ Sie tänzelt. „Wissen Sie“, sagt sie dann, „der Oskar, der ist doch besser als die alle zusammen.“ Ihre Freundin neben ihr nickt wissend. „Das ist einer von uns.“ Auf den Oskar lassen sie hier eben nichts kommen, nur der ältere Mann vielleicht, der ein paar Meter weiter steht.
Lange hat er SPD gewählt, fand Lafontaine beeindruckend, bis er „einfach so abgehauen“ ist, sich „weggestohlen“ hat. Deshalb will sich er sich jetzt einfach mal anhören, ob der aus seiner Totalopposition heraus wirklich etwas zu sagen hat oder ob das alles nicht doch nur ein Rachefeldzug gegen die SPD ist. „Erzählen kann der doch viel, der macht's sich doch viel zu einfach.“ Der Mann setzt sich in die letzte Reihe. So viel Distanz muss sein.
Als Lafontaine dann endlich kommt und die 300 Menschen im Saal erleichtert klatschen, ist es wie fast überall, wo er auftritt hier im Land: Er kommt hinunter zum Volk wie ein König, der eine Audienz gewährt - und sein Hofstaat drängt sich in seiner Nähe, auf dass seine Bedeutung auch auf sie abstrahle. Auch Rolf Linsler ist so ein Fall, der ehemalige Verdi-Vorsitzende des Saarlandes, der erst spektakulär zur Linken wechselte und jetzt deren Vorsitzender ist. Er ist bekannt hier, sicher, aber ohne Lafontaine würde er jetzt nicht auf der Bühne stehen und den Anheizer machen. „Willkommen, liebe Freundinnen und Freunden“, ruft Linsler. Er sagt das immer so, und es stört niemanden mehr; auch nicht, dass er „die lieben Kandidaten für die Regionalparlamenten“ begrüßt.
„Die SPD kann Euer Vertrauen nicht mehr haben“
Über die Anlage läuft noch immer die Hintergrundmusik, jemand hat vergessen sie abzuschalten. Trotzdem klatschen alle, auch die Blumen-Bluse - die Freunden von Oskar Lafontaine haben doch Recht. Der Herr in der letzten Reihe schüttelt den Kopf. Dann, endlich, tritt „der Oskar“ ans Mikrofon, und wie immer ist der Unterschied zwischen seinen Vorrednern und ihm frappierend, obwohl er die nächste Stunde mehr darüber redet, was die Linke nicht sein will als darüber, was sie ist.
Überhaupt spricht Lafontaine fast ausschließlich über die anderen; über Franz Müntefering und Renate Künast etwa, „diese Verbrecher“, die die Agenda 2010 mit zu verantworten hätten und nun bei Gewerkschaftsdemos gegen Hartz IV mitliefen. „Ich hätte nie gedacht, dass meine alte Partei eine Nullrunde nach der anderen beschließt“, ruft der Oskar, und sein Gesicht rötet sich. „Die SPD kann Euer Vertrauen nicht mehr haben“.
Schon hat er den Saal, die Blumen-Bluse klatscht begeistert, und auch Rolf Linsler nickt kräftig. Dass direkt neben Lafontaine ausgerechnet ein Plakat mit der Internetadresse www.oskar-waehlen.de hängt, eine unverhohlene Reminiszenz an Willy Brandts berühmten Wahlslogan, kommt wohl nur dem Herrn in der letzten Reihe komisch vor, der bei Lafontaines Philippika nicht das Gesicht verzieht. Man empfindet sich eben als die bessere SPD, und auch Lafontaine geriert sich gern wie ein großer weiser Bruder, der die auf die schiefe Bahn geratene, geliebte Schwester wieder auf den Weg der Tugend führen will.
„Diese Regierung ist eine Schurkenregierung“
Wir da unten gegen die da oben, das ist das Gefühl, das Lafontaine beschwören kann wie kaum ein anderer, ohne Rücksicht auf populistische Verluste. Also wettert er gegen die Hartz-IV-Gesetze, die Millionen in die Armut getrieben hätten, geißelt die „zerstörte Rentenformel“, die die Lebensarbeitszeit längst nicht mehr angemessen berücksichtige, brüllt an gegen einen Niedriglohnsektor, den die Landesregierung unter Peter Müller so sehr ausgebaut habe, dass immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse entstünden.
Manchmal geht er dabei so in die Details, dass der Saal stumm zu werden droht; dann schlagen seine Fäuste geballt in die Luft und es wird wieder zugespitzt. „Wir wollen den Reichen ans Geld“, ruft Lafontaine dann, oder „Diese Regierung ist eine Schurkenregierung, weil sie keine Gerechtigkeit will“. Dann spricht er von „Westerwelle, dem Knecht der Millionäre im Bundestag“, von den „vereinigten Kräften der Reaktion, die uns in Grund und Boden schreiben“ oder wucherhaften Überziehungszinsen, die den kleinen Mann in Existenznöte brächten. Die Botschaften sind bekannt, so oft hat er sie schon gerufen: Weg mit Hartz IV, ein deutlich höherer Mindestlohn, kein Krieg in Afghanistan, eine Millionärssteuer. „Glaubt den Medien nicht“, ruft er jetzt, und die Fäuste klopfen wieder in die Luft, „die vertreten die Interesse des Geldes und kämpfen gegen uns, weil sie das Geld schützen wollen, Bims, BamS und Bums“.
„Der kann's, der Oskar“
Das kommt an im Saal, die Blumen-Bluse klatscht begeistert. „Wir lassen uns das nicht länger gefallen, deshalb haben wir die Linke gegründet.“ Der Herr in der letzten Reihe verzieht keine Miene, auch nicht, als Lafontaine betont, er sei wieder in die Politik eingestiegen, weil er „diese Sauerei“ nicht mehr habe mitmachen wollen - die Zeit für die Idee ist gekommen, würde Victor Hugo wohl sagen.
Zwischen Burbach und London, Überziehungszinsen und dem Krieg in Afghanistan bewegt sich Lafontaine - nur gegenüber Heiko Maas, dem Spitzenkandidaten der saarländischen SPD, mit dem er koalieren muss, wenn er nach der Landtagswahl an die Macht kommen will, ist er vielsagend milde. Lafontaines Gegner ist eindeutig Ministerpräsident Peter Müller, „das Pittsche“, wie er immer wieder spöttisch sagt. „Was hat das Pittsche denn für das Land gemacht? Nichts“, ätzt Lafontaine, um danach aufzuzählen, was er als Saarbrücker Oberbürgermeister und späterer Ministerpräsident alles erreicht habe. Als Lafontaine am Ende ruft, „wir werden unerbittlich für soziale Gerechtigkeit kämpfen, jetzt ist die Zeit“, springt die Blumen-Bluse begeistert auf - „der kann's, der Oskar“, raunt sie ihrer Freundin zu.
Als sie hinausgeht, summt sie noch einmal das Lied von Abba, „The winner takes it all“. Es handelt, grob gesagt, von hochfliegenden Erwartungen und tiefen Abstürzen, großen Träumen und enttäuschten Hoffnungen. Wenn der Herr in der letzten Reihe noch da wäre, man müsste ihn glatt fragen, was er denn von dem Lied hält. Doch der ist längst gegangen.
ein Mittel zum Zweck
Holger Muschal (Holly01)
- 21.05.2009, 15:21 Uhr
Immer Wieder....
heinz Kaiserbubu (Kaiserbubu)
- 21.05.2009, 15:39 Uhr
lafontaine
Peter Weingartz (PeterWeingartz)
- 21.05.2009, 15:47 Uhr
Links reden, rechts leben! Der Klassenkampf macht`s möglich!
Stefan Schaller (hnosteve)
- 21.05.2009, 15:54 Uhr
Ein Verirrter ohne Bodenkontakt
Martin Beckmann (marbec24)
- 21.05.2009, 16:37 Uhr