Home
http://www.faz.net/-geb-14152
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Jamaika im Saarland Das Ende eines Hahnenkampfes

13.10.2009 ·  Die Grünen haben sich für Jamaika entschieden - eines ihrer stärksten Argumente dafür war das Misstrauen gegenüber Oskar Lafontaine. Das Saarland rätselt nun, warum dieser plötzlich heimgekehrt ist.

Von Oliver Georgi, Saarbrücken
Artikel Bilder (2) Video Lesermeinungen (16)

Am Tag danach war Heiko Maas das Entsetzen noch deutlich anzumerken. Dass seine SPD in allerletzter Minute doch noch den Sprung in die saarländische Staatskanzlei verfehlt hat; dass ausgerechnet die Grünen, derer sich die Sozialdemokraten eigentlich so sicher waren, am Ende die ausgestreckte Hand ignorierten, das hat den einstigen Hoffnungsträger seiner Partei getroffen wie kaum etwas zuvor. Er, der sich im Wahlkampf noch selbstbewusst zum „neuen Mann“ stilisiert hatte, ist die tragische Figur in einem politischen Hahnenkampf, bei dem am Ende einer den entscheidenden Ausschlag gegeben haben mag: Oskar Lafontaine.

Mit seiner Ankündigung, er werde den Fraktionsvorsitz der Linkspartei im Bundestag niederlegen, um sich unter anderem voll der Fraktionsführung im Saarland zu widmen, habe er der SPD den Todesstoß versetzt – so sahen es am Montag viele in der Partei. Doch welches Motiv Lafontaine für seine Rückkehr gehabt haben könnte, die wohl einen starken Impuls zugunsten von Jamaika gegeben haben dürfte – darüber rätselt noch immer das ganze Saarland.

Böse Absicht oder Zufall?

Vor allem einige in den Reihen der gehörnten SPD werten Lafontaines plötzliche Heimkehr gleichsam als letzten Hieb eines Rachefeldzugs gegen die Sozialdemokraten, denen er mit seiner Linkspartei zur Macht hätte verhelfen können. Indem er seine Rückkehr so kurz vor dem Parteitag der Grünen öffentlich gemacht habe, von denen manchem schon Lafontaines bloße Anwesenheit im Landtag ein Ausschlusskriterium ist, habe er Rot-Rot-Grün möglicherweise bewusst verhindert, um der SPD ein letztes Mal zu zeigen, wie sehr sie von ihm abhänge. „Lafontaine“, sagt einer aus der SPD, dem man die Erschütterung über die letzten Tage noch immer ansieht, „hat Rot-Rot-Grün doch gar nicht gewollt. Das hat der nie wirklich ernst gemeint.“

In der Linkspartei weist man diese Spekulationen jedoch brüsk zurück. „Warum hätte Oskar Lafontaine so etwas machen sollen?“ sagt einer aus seinem näheren Umfeld. Schließlich sei es Lafontaines erklärtes politisches Ziel gewesen, seine Partei in die saarländische Landesregierung zu führen und damit auch im Westen ein Stückchen salonfähiger zu machen.

Lust an der Provokation

Aber nicht nur in der SPD gibt es Einige, die es für möglich halten, dass Lafontaine wieder einmal die Lust an der Provokation zu seinem Handeln bewogen haben könnte. Für möglich wird aber auch gehalten, dass er müde und mit seinen vielen Ämtern überfordert sei. Auch hieß es, der 66 Jahre alte Lafontaine sei gesundheitlich womöglich doch angeschlagener als bekannt.

Trotzdem bleibt die saarländische Linkspartei dabei, dass es keineswegs geplant gewesen sei, Lafontaines Rückkehr ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt öffentlich zu machen. Auch sei die Fraktionsklausur der Bundespartei schon seit Monaten auf diesen Termin festgelegt gewesen. Dass das Treffen mit dem Grünen-Parteitag im Saarland zusammengefallen sei, sei lediglich eine unglückliche Koinzidenz.

Schmierenkomödie und Provinztheater

Auch wundert man sich darüber, dass Lafontaines Rückkehr gerade jetzt für so viel Aufruhr sorgte - und nicht schon Anfang September. Damals hatte Lafontaine sich überraschend zum Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Landtag wählen lassen - wenn auch erst einmal nur für die Dauer der Sondierungs- und Koalitionsgespräche. „Wenn überhaupt, dann hätte es doch damals einen Aufschrei geben müssen, auch bei den Grünen“, sagt ein Vertrauter.

Lafontaine gab am Montag in Saarbrücken denn auch an, das Votum der Grünen habe ihn „nicht im Geringsten überrascht“. Schon seit Wochen habe für Ulrich festgestanden, dass er Jamaika wolle; deshalb habe er in der Partei auch so ziemlich jeden angerufen, um alle von seinem Plan zu überzeugen. Eine „Schmierenkomödie“ und ein „Provinztheater“ sei das, sagte Lafontaine, bevor er anfügte, dass er mit seiner Ankündigung, sich mehr dem Saarland zu widmen, doch eine Hauptforderung der Grünen nach einer größeren Verlässlichkeit der Linksfraktion erfüllt habe.

Erschrocken über die Grünen

Damit könnte Lafontaine implizit einen Hinweis auf seine Motivation benannt haben, der in seinem Umfeld in den vergangenen Tagen immer wieder genannt wurde: In den Sondierungsgesprächen mit den Grünen sei Lafontaine so „erschrocken“ über deren „Orientierungslosigkeit“ in vielen Punkten gewesen, dass er seine politische Erfahrung habe einbringen wollen, um eine mögliche rot-rot-grüne Regierung arbeitsfähig zu machen. Das dürfte wie so oft nur die halbe Wahrheit sein. Wahrscheinlich ist, dass es Lafontaine bei seiner Entscheidung weniger um die Verlässlichkeit der Grünen, sondern vor allem um jene seiner eigenen Fraktion ging, die äußerst heterogen ist und wegen unsicherer Mitglieder als schwierig gilt.

Es ist gut denkbar, dass Lafontaine mit seiner Rückkehr sicherstellen wollte, dass seine Linkspartei in der Opposition nicht in Bedeutungslosigkeit und Chaos versinkt - und auch über diese Legislaturperiode hinaus eine Chance bei den Wählern hat.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen