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CDU im Saarland Der Peter ist doch nicht müde

06.08.2009 ·  Gut drei Wochen vor der Landtagswahl ist der saarländische Ministerpräsident Peter Müller unterwegs auf Stimmenfang. Vor Oskar Lafontaine hat er keine Angst mehr. Stimmen hinzugewinnen dürften vor allem die Grünen.

Von Oliver Georgi, Beckingen
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Es gab diesen Moment, als die Kanzlerin Peter Müller zum zweiten Mal deutlich zeigte, wer das Sagen hat. Schon lange war ihr Josef Hecken aufgefallen, und jetzt wollte sie ihn unbedingt haben, als Präsidenten der Bundesversicherungsanstalt in Bonn. Also telefonierte Angela Merkel ein wenig, und die Sache war perfekt. Erst danach rief sie bei Müller an und sagte ihm, dass er sich einen neuen Gesundheitsminister für das Saarland werde suchen müssen. Müller war brüskiert - und stinksauer, wie schon drei Jahre zuvor. Damals, 2005, hatte sich der saarländische Ministerpräsident schon in Berlin gesehen, als Wirtschafts- und Arbeitsminister in einem künftigen Kabinett Merkel. Bis Edmund Stoiber auf den Plan trat, sich zum Superminister aufschwang und alle anderen beiseitefegen wollte. Die Kanzlerin schlug sich auf Stoibers Seite, und obwohl der dann in letzter Minute zurückzog, war der Kuchen in Windeseile anderweitig verteilt und Müllers bundespolitische Ambitionen jäh gescheitert. Der Peter, sagten sie danach im Saarland, als Müller nicht am Berliner Kabinettstisch saß, sondern weiter Ehrenmedaillen auf Marktplätzen überreichte, der Peter hat resigniert und eigentlich keine Lust mehr auf all das. Der Peter ist müde.

Vier Jahre später, an einem diesigen Tag im Juli, steht Müller wieder auf einem saarländischen Marktplatz, und wenn er müde sein sollte, dann vor allem körperlich. Es ist Wandertag - die Sommertour des Ministerpräsidenten, bei der Müller sich an fünf, sechs Tagen zu Fuß durch das saarländische Unterholz aufmacht, um seine Bodenständigkeit zu demonstrieren - und nebenbei den ein oder anderen Scheck an Landräte und Bürgermeister zu überreichen. Müller macht das jedes Jahr, doch wird der Routinewanderung in diesem Jahr weit mehr Bedeutung zugemessen: Nur noch gut vier Wochen sind es bis zur Landtagswahl, bei der Müller als Ministerpräsident wiedergewählt werden will, seinen sozialdemokratischen Rivalen Heiko Maas ausstechen möchte und - vor allem - Oskar Lafontaine. Der hat vielen im Land einen gehörigen Schrecken eingejagt mit seiner aufstrebenden Linkspartei. Vielleicht sind auch deshalb so viele gekommen, um mit Müller gut neun Kilometer durch die Gegend von Beckingen zu wandern, an die 200 Leute; Landräte, politische Funktionäre, aber auch viele Bürger. Wegen Manuel Andrack sind natürlich auch viele gekommen. Der ehemalige "Sidekick" der Harald-Schmidt-Show und Wanderbuch-Autor lebt schon seit einiger Zeit in Saarbrücken und hat sich von der CDU zum Mitlaufen überreden lassen.

Routinierte Volksnähe

Jetzt also steht Andrack als „Sidekick“ neben Müller auf dem Marktplatz und hört zu: Zur Feier des Tages hat sich der örtliche Musikverein aufgebaut und spielt „Das Wandern ist des Müllers Lust“, und dann noch ein Lied und noch eins. Müller steht da, die Arme verschränkt, den Kopf schief. „Toll“, sagt er immer wieder. Dann ist der Musikverein fertig, Müller geht zum Dirigenten und bedankt sich. „Toll“, sagt er noch mal, „und wenn ihr mal einen neuen Notensatz braucht: Schreibt einen Brief an die Staatskanzlei, dann kriegt ihr einen.“ Ich kenne eure Probleme, soll das heißen, wir sind für euch da. Auf Tuchfühlung gehen - das beherrscht Müller so routiniert wie vielleicht nur noch Kurt Beck. In solchen Momenten ist er Landesvater, fühlt sich wohl, da kann ihm keiner was, selbst ein Oskar Lafontaine nicht. „So nah an den Menschen ist sonst keiner“, sagt nach dem nächsten Anstieg ein Wanderer, „deshalb werden wir das auch schaffen bei der Wahl. Das Gerede, dass der Peter müde ist, ist doch Blödsinn.“ Der Peter beißt derweil in eine Bratwurst.

Die Stimmung bei den saarländischen Christdemokraten schwankt, zwischen massiven Zweifeln und vorsichtiger Zuversicht. Vor einem Dreivierteljahr noch, als die CDU in den Umfragen absackte, Lafontaines Linkspartei dafür zulegte und streckenweise vor der SPD auf dem zweiten Platz lag, herrschte in der Partei blanke Angst. Davor, dass Lafontaine mit der SPD eine rot-rote Koalition bilden könnte und Müller aufs Altenteil schicken. Da half es nur wenig weiter, dass Müller immer vorne lag, wenn gefragt wurde, wer der beste Ministerpräsident wäre. In den Reden, die Müller damals auf Parteitagen und Veranstaltungen hielt, griff er denn auch fast nur Lafontaine an; den Sozialdemokraten Heiko Maas erwähnte er so gut wie nicht. Seit die Linkspartei in den Umfragen aber Prozentpunkt für Prozentpunkt verliert und im April mit 18 Prozent eindeutig hinter CDU und SPD rangierte, hat die saarländische CDU wieder Hoffnung geschöpft. Glaubt man den Meinungsforschern, so werden SPD und Linkspartei bei der Wahl keine Mehrheit erhalten. Müller hat den ungeliebten Gegenspieler deshalb wieder aus seinen Manuskripten gestrichen - auf dem Wahlparteitag im Juni erwähnte er Lafontaine mit keiner Silbe mehr. „Die Menschen haben gemerkt, was Rot-Rot bedeuten würde, und wollen Oskar Lafontaine verhindern. Das gibt uns Kraft“, sagt Müller, während es steil durchs saarländische Gehölz geht.

Auf die Grünen angewiesen?

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist, dass Lafontaine viel schwächer agiert als erwartet. Seltsam verhalten bleibt der gnadenlose Zuspitzer im Wahlkampf, wirkt mitunter gar fahrig und nervös. Trotzdem hütet man sich in der Saar-CDU, Lafontaine schon abzuschreiben. Noch immer haben sie Respekt vor seiner Mobilisierungskraft, die sich auch noch in letzter Minute entfalten kann. Offen sagt das keiner. Das Wahlziel am 30. August lautet: eine bürgerliche Mehrheit aus CDU und FDP. Dabei bleibt Müller auch auf seiner Wandertour: „Wir werden eine solche Mehrheit erreichen“, sagt er. Die Umfragen geben ihr jedoch keine großen Chancen: Mit 36 Prozent für die CDU und 9 Prozent für die FDP hätte eine bürgerliche Koalition derzeit keine Mehrheit und wäre nur wahrscheinlich, wenn die Grünen nicht in den Landtag einziehen würden. Danach sieht es aber nicht aus - sie liegen stabil um die sieben Prozent. Von der Verteidigung der absoluten Mehrheit, mit der Müller seit 1999 regiert, träumt deshalb schon lange niemand mehr.

So könnten die Grünen am Ende wahlentscheidender werden als Lafontaines Linkspartei. Denn sollte es bei den derzeitigen Umfrageergebnissen bleiben und weder Rot-Rot noch Schwarz-Gelb eine Mehrheit erreichen, könnten sowohl CDU als auch SPD mit grüner Hilfe eine Regierung bilden - entweder als rot-rot-grüne, Ampel- oder als Jamaika-Koalition. Entsprechend pflegt der Grünen-Vorsitzende Hubert Ulrich derzeit auch einen ausnehmend freundlichen Umgang sowohl mit Müller als auch mit Maas. Und auch Müller selbst nimmt das Wort „Jamaika“ mittlerweile in den Mund - auch wenn er dementieren lässt, die CDU habe mit den Grünen unter der Hand bereits eine Koalition vereinbart, wie „de Oskar“ kolportiert.

Und noch etwas verbreitete Lafontaine: dass Müller und Maas Geheimverhandlungen für eine große Koalition geführt hätten. „Totaler Quatsch“, sagt Müller, als die Wanderer gerade den letzten Aufstieg gemeistert haben und die Ersten sich müde auf Holzbänke fallen lassen. Zerreißen würde so etwas doch die SPD, den endgültigen "Ermüdungsbruch" bedeuten, zwischen dem rechten und dem linken Flügel. Außerdem müsse man auf das Gerede von Lafontaine nichts geben, der werde doch sowieso nicht in die Niederungen der Landespolitik zurückkehren: „Das ist dem viel zu anstrengend.“ Peter Müller lächelt, holt sich ein Bier vom nahen Stand, wirkt zufrieden mit sich. Auch wenn er nun vielleicht wirklich ein wenig müde ist.

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Jahrgang 1977, Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

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