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Porträt Der sympathischste aller als unsympathisch geltenden Politiker

20.01.2009 ·  Auch wenn er im kleinen Kreis Ansprachen hält oder Bürger ehrt, geht sein Blick oft auf den Boden oder ins Luftleere. Auf manche Menschen wirkt das wenig herzlich, Koch gilt vielen als arrogant. Wer mit ihm näher zu tun hat, preist dagegen seine Fürsorglichkeit und Treue. Kalt scheint er keinen zu lassen.

Von Peter Lückemeier
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Montag, der 19. Januar 2009, kurz vor 17 Uhr. Im Kabinettssaal der Wiesbadener Staatskanzlei stehen die Minister in lockeren Gruppen beieinander. Finanzminister Reinhard Kahl und Wirtschaftsminister Hermann Scheer reden leise über die Frage, ob nicht auch die hessische Landesregierung vielleicht ein Konjunkturprogramm gegen die Krise auflegen sollte. Wissenschaftsminister Lothar Quanz liest verärgert ein Umfrageergebnis über seinen immer noch extrem geringen Bekanntheitsgrad.

Die beiden Grünen-Politiker im Kabinett, Kultusministerin Priska Hinz und Umweltminister Tarek Al-Wazir, tuscheln ein wenig über die Rede Andrea Ypsilantis beim Frankfurter IHK-Neujahrsempfang, bei der sie am vergangenen Donnerstag zur leisen Belustigung des Saals Kapitalrendite und Eigenkapitalrendite verwechselt hatte – da wird es still. An der Seite des Leiters der Staatskanzlei Norbert Schmitt betritt die Frau, die am 4. November mit den Stimmen von SPD, Grünen und der Linkspartei bei Enthaltung der SPD-Abgeordneten Dagmar Metzger zur Ministerpräsidentin gewählt worden war, mit einem fröhlichen Lächeln den Kabinettssaal.

Politische Alphatiere

So hätte es sein können. Hätten sich nicht am 3. November 2008 die SPD-Abgeordneten Silke Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter plötzlich der Haltung Dagmar Metzgers angeschlossen. Roland Koch blieb als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt. Seit gestern darf er, wenn er will, dieses Amt für weitere fünf Jahre bekleiden, nein: ausfüllen. Aus seinem Leben wird man einst Dramen schreiben – Dramen von Skandal, von strahlendem Sieg, von demütigender Niederlage und vom abermaligen Aufstieg, Ende offen. Dass ausgerechnet dieser eher zurückhaltende Verstandesmensch, der selten Emotionen zeigt, seelische Belastungsproben auszuhalten hatte, die jeden Zweiten überfordern müssten, zählt zu den Launen der Geschichte. Geschichte – ist das nicht ein zu großes Wort? Nicht mehr. Seitdem Koch am 18. Januar 2009 seine Qualität als Aufstehmann unter Beweis gestellt hat, zählt der Eschborner endgültig zu jenen Nachkriegspolitikern, die man einst nennen wird.

Er selbst muss verwundert sein über diese jüngste weitere Volte in seiner politischen Karriere. Die Monate zwischen dem 27. Januar 2008 und dem 18. Januar 2009 enthielten für den Mann aus Eschborn so viele Seelen-Kinnhaken, wie andere sie in einem ganzen Leben nicht hinnehmen müssen. Allein, dass einer wie er, von dem sehr früh gesagt wurde, er sei aus dem Stoff, aus dem man Kanzler macht, eine solch krachende Niederlage hinnehmen musste und beim Wiederanlauf auch nicht überwältigend bestätigt wurde – davon würden sich andere politische Alphatiere lange nicht erholen. Vor allem – diese Behauptung sei gewagt – hätte kein anderer CDU-Ministerpräsident eine solche Zwölf-Prozentpunkte-Katastrophe jemals überstanden. Warum Koch?

System der Aktenführung

Wer diese Frage beantworten will, muss den Führungsstil Kochs kennen und ein wenig in die Geschichte dieser Partei zurückblicken. Vier Jahrzehnte lang, von 1946 bis 1987, blieb die CDU in Hessen chancenlos. Bei der Landtagswahl vom 6. November 1966 war der Tiefpunkt erreicht: 26,4 Prozent, Notstand, Diaspora. Es war Alfred Dregger, der damals beschloss: So kann es nicht bleiben. Er scharte um sich eine Reihe weiterer Politiker wie Walther Leisler Kiep, Christian Schwarz-Schilling, Heinz Riesenhuber, Walter Wallmann, Manfred Kanther. Obwohl zwischen ihnen auch Konkurrenz und nicht immer die reine Liebe herrschte (Kiep und Dregger, Kanther und Wallmann konnten zum Beispiel nicht so gut miteinander), wussten alle Beteiligten, dass sie nur eine Chance hatten, wenn sie eisern zueinanderstehen würden.

Aus dieser Phase stammt die einmalige und legendäre Geschlossenheit der hessischen CDU, und sie wurde eine politische Generation später verstärkt, als sich Roland Koch, Volker Bouffier, Karlheinz Weimar und ein paar andere in der Jungen Union engagierten, wofür man in den wilden Zeiten nach 68 Mut brauchte, denn dem Zeitgeist stand nach Auflehnung und Drogen, nach freier Liebe und Smoke on the Water, nicht nach den politischen Vorstellungen eines Juristensohns, der mit 14 in seiner Vaterstadt den Ortsverband der Jungen Union gegründet hatte und mit 21 Jahren im Main-Taunus-Kreis CDU-Kreisvorsitzender wurde. Damals übrigens, es war im Jahr 1979, soll ein bewährter CDU-Mann Zweifel gehegt haben, ob ein Einundzwanzigjähriger das Zeug haben könnte, einen veritablen Kreisverband mit festangestellten Mitarbeitern zu führen. Er sprach mit dem jungen Koch und war begeistert, selbst das System der Aktenführung des jungen Mannes schien perfekt.

Fraktionsvorsitzender mit 32

Perfektionismus, glänzendes Gedächtnis, jederzeit abrufbares Fachwissen – der Jurist Koch sei in der Lage, drei engbeschriebene Seiten eines Vermerks über ein kompliziertes Thema zu lesen, zu verstehen, zu speichern und einige Zeit später beinahe komplett abzurufen, sagen Menschen, die ihn gut kennen. Stimmt. Koch kennt sich mit adulten Stammzellen ebenso aus wie mit der Oberstufenreform, er weiß in der Flughafenausbau-Diskussion um Dezibelbelastungen und Flugrouten, er hat zusammen mit Peer Steinbrück Steuerreformpläne erarbeitet, er hat die Fraktion in Sachen Schenkungsteuer schon mal schwindlig geredet. Nur von Kultur versteht er nichts, er ist auch nicht im altmodischen Sinne gebildet, auch sein ästhetisches Empfinden in Sachen eigener Kleidung hat sich erst jüngst ein wenig verbessert.

Keiner seiner Gegner streitet Koch seinen Fleiß und seine analytische Ausnahmebegabung ab. Seine Freunde tun dies schon gar nicht. Ein Minister seines Kabinetts, dessen Selbstbewusstsein nicht an Magersucht leidet, sagt über seinen Parteifreund, Koch sei in der Lage, jederzeit jedes Fachressort zu übernehmen (andere behaupten gar, er könne jeden Fachminister sehr schnell zum Stottern bringen). Und ein anderer Weggefährte, gefragt, warum er sich als Machtmensch dem jüngeren Koch so schnell und bedingungslos untergeordnet habe, hat das einmal so begründet: „Weil er mehr in der Birne hat als ich und Sie zusammen.“ Dreieinhalb Jahre brauchte Koch nur, bis seine Kollegen ihn zu ihrem Fraktionsvorsitzenden wählten, da war er 32.

Ungewöhnlich beliebt

Und Koch hat die Niederlage überlebt, weil sein Führungsstil geschickt und rücksichtsvoll ist. Koch kann zuhören und die richtigen Fragen stellen, er kann Diskussionen laufen lassen und bündeln, er ist kollegial und nicht ehrpusselig, er vergeudet nicht so viel Zeit wie andere Politiker und Unternehmensführer mit Machtgebärden, er ging als Vorsitzender von Aufsichtsräten auch auf Arbeitnehmerinteressen ein, machte aber gleichwohl klar, wo für ihn ein Ende des Harmoniestrebens erreicht war. Mancher Gewerkschafter redet mit Respekt von ihm, auch Redaktionen linker Tageszeitungen sollen sich nach einem Konferenzbesuch des Ministerpräsidenten beeindruckt gezeigt haben.

Was bei den Fernstehenden Respekt ist, schlägt in der CDU oft in so etwas wie glühende Begeisterung und Heldenverehrung um. Was nicht nur an der jetzt mehr als drei Jahrzehnte währenden Durchdringung der Partei durch Koch liegen kann, sondern auch etwas mit seiner Verlässlichkeit, ja Treue zu tun hat. „Koch lässt keinen fallen“, schallt es durch die Partei (und manchmal ist dann ein geseufztes „Leider“ zu hören, womit dann meist die ehemalige Kultusministerin Karin Wolff gemeint ist, manchmal auch sein Sprecher Dirk Metz, dem von etlichen in der Partei ein Großteil der Wahlniederlage beigemessen wird und der mit Koch so etwas wie eine Einheit bildet). Auch als Chef ist Koch ungewöhnlich beliebt, unbestritten ist, dass er von sich aus verdiente Mitarbeiter belohnt. Sie müssen nicht lange charmieren oder antichambrieren, Koch sorgt auch so für sie. Dann wird aus dem Büroleiter der Staatssekretär, aus dem Staatssekretär der Verfassungsrichter. Oder aus dem einst der Koalitionsräson geopferten Freund der Bundesverteidigungsminister. Kurzum: Koch ist wahrscheinlich der loyalste und überhaupt sympathischste aller als unsympathisch geltenden Politiker.

Krasse Fehlbesetzung

Und dennoch, bei allen seinen Vorzügen: Roland Koch geht auch mit gravierenden Nachteilen in jede Wahl. Er ist weit davon entfernt, ein Landesvater zu sein oder vielleicht sogar sein zu wollen. Derjenige, der dem Prototyp des Landesvaters vielleicht je am nächsten kam, der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel, streckte jedem seiner „Landeskinder“ seine Hand wie ein Geschenk entgegen, sein Blick ging direkt in die Augen des Gegenübers und signalisierte ihm, für diesen Augenblick der wichtigste Mensch Bayerns, wenn nicht des Universums zu sein. Roland Koch streckt seine Hand hin, als sei sie kein Teil von ihm, der Blick ist flüchtig, man muss zu dem Eindruck kommen, dass er Menschen eher ungern die Hand gibt, zwischen ihm und den anderen steht oft eine gläserne Wand.

Was vor allem für informelle Begegnungen gilt. Für unverbindlichen Small Talk ist der hessische Ministerpräsident eine krasse Fehlbesetzung. Der Mann, der zu fast jedem politischen Sachthema etwas Vernünftiges, oft Druckreifes von sich gibt, versagt, wenn es auf drei, vier belanglose Sätze übers Wetter ankommt. Zum Thema „Erderwärmung“ hätte er wahrscheinlich wieder viel zu sagen, da geht es ja um die Sache.

Fundiertes Urteil

Koch fehlt aber nicht nur das Landesväterliche, auch Charme und Herzlichkeit lässt er oft vermissen. Selbst wenn er in der Staatskanzlei im kleinen Kreis eine Auszeichnung überreicht, richtet er seinen Blick öfter auf den Boden oder ins Luftleere als auf die Hauptperson. Und wenn es darum geht, dass er dieses Bundesverdienstkreuz nicht nur mal eben im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten überreicht, sondern „durchaus auch mit meiner eigenen Zustimmung“, so denkt sich mancher Gast: Du liebe Güte, könnte er das nicht ein einziges Mal ein bisschen so nett machen wie Petra Roth?

Während solches Stirnrunzeln noch aus der Perspektive der Wohlwollenden stammen mag, gibt Roland Koch aber auch ein handfestes Feindbild ab. Auf eine erstaunlich emotional grundierte Ablehnung stößt er vor allem bei Frauen, bei Menschen außerhalb Hessens und bei Bürgern, die ihn nur aus dem Fernsehen kennen. Dieses Medium verstärkt alle seine weniger sympathischen Seiten, auf viele wirkt er nicht brillant, sondern besserwisserisch, arrogant und kalt (erst in dieser Ausgabe schlagzeilte der stern: „Kalt, kälter, Koch“). Dieser persönliche Eindruck deckt sich dann manchmal noch mit dem politischen. Kochs Politik erscheint vielen als zu kalkuliert, nicht dem innern Drange folgend, sondern bloßem Kalkül: hier eine auf Ressentiments zielende Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, da eine gegen kriminelle ausländische Jugendliche.

Nun also wirklich wieder Koch. Aber tatsächlich für fünf Jahre? Jemand, der ihn seit langem kennt und ihn oft im Kreis anderer Spitzenpolitiker ohne deren Berater erlebt hat, sagt, Koch sei der einzige unter ihnen, der fast alles aus eigener Kraft beurteilen könne. Und dann nennt er die Prozentzahlen, zu denen Merkel, Stoiber oder Steinbrück aus eigenem Recht sich ein fundiertes Urteil zu komplizierten Sachverhalten bilden könnten. Steinbrück schneidet mit 60 Prozent am besten ab. Für Roland Koch nennt er 95 Prozent.

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Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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