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Wahlpartys im Römer Weises Schweigen, vergiftetes Lob

18.01.2009 ·  Und ewig grüßt das Murmeltier – bei den Wahlpartys im Römer. Die Sieger kommen und gehen, aber der Ablauf ist immer derselbe.

Von Hans Riebsamen
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Schon wieder Wahlparty im Römer – nach einem Jahr. Ein Jahr kann in der Politik freilich eine Ewigkeit sein. Dieser Wahlabend hat es bewiesen: Der Weg vom strahlenden Sieger zum zerknirschten Verlierer ist zuweilen kurz. Aber immer schmerzhaft. Der SPD-Bewerber Turgut Yüksel glaubte damals, mit dem Glück unter einer Decke zu stecken. Schon nach der ersten Prognose weiß er, dass Fortuna eine launische Dame ist, die ihn grußlos verlassen hat. Dafür wähnt sich der CDU-Politiker Ulrich Caspar im politischen Himmel. Er hat die Scharte vom Januar 2008 ausgewetzt und seinen Wahlkreis, der bis dahin seit Menschengedenken an die Konservativen gefallen war, zurückerobert.

Äußerlich bot das Treffen der Sieger und Verlierer, der Funktionäre und der Basisarbeiter, der Besserwisser und der Gutgläubigen im Rathaus Römer das immer gleiche Bild. Und ewig grüßt das Murmeltier: So heißt ein Hollywood-Film, in dem ein Tag sich unentwegt wiederholt und immer wieder dasselbe passiert.

Ewig grüßt der Wahlkreis 38

Äußerlich glich der Ablauf auf den Römerfluren dem Handlungsmuster in besagtem Film. Nichts Neues unter den Porträts der Frankfurter Oberbürgermeister, mochte man glauben. Ein karges Buffet mit Frankfurter Würstchen und Kartoffelsuppe; Bildschirme allenthalben, die die Wahlberichterstattung des Fernsehens oder in Grafikform die Frankfurter Ergebnisse übertrugen; und natürlich die Prominenz aus dem Römer, die öffentlich gerne gegen den politischen Gegner wettert, privat aber dennoch mit ihm ein Bierchen trinkt.

Und ewig grüßt an diesem Abend nicht das Murmeltier, sondern Roland Koch. Schon einige Minuten vor Schließung der Wahllokale wussten einige Eingeweihte anhand von Wählerbefragungen vor den Wahllokalen mit fast hundertprozentiger Sicherheit, was eigentlich jeder wusste: dass nämlich der alte auch der neue Ministerpräsident sein wird. Dagegen verfügte der SPD-Bundestagsabgeordnete Gregor Amann tatsächlich über seherische Fähigkeiten – oder vielleicht auch nur über eine gute SMS-Verbindung in die Wiesbadener SPD-Zentrale. Um 18.15 Uhr werde Andrea Ypsilanti zurücktreten, behauptet er. Prompt legt die Frankfurter Abgeordnete, die ihr Direktmandat klar verloren hat, um 18.15 Uhr den Landes- und Fraktionsvorsitz nieder. Selbst unter den Politikern und Anhängern von CDU und FDP hört man bei dieser Nachricht seltsamerweise kaum Jubel. Vielleicht erinnern sie sich an jenen Wahltag vor einem Jahr, als sie die Bitternis der Niederlage selbst hatten zu spüren bekommen.

Und ewig grüßt der Wahlkreis 38. Während alle anderen fünf Frankfurter Wahlkreise klar an die CDU fallen, steht zweieinhalb Stunden nach Ende der Wahl für Bettina Wiesmann, die neue CDU-Kandidatin, und Michael Paris, den SPD-Platzhirschen, noch immer alles auf der Kippe. 39 Wählerstimmen beträgt der Abstand der beiden, die Ergebnisse von drei Wahllokalen stehen noch aus. Der einzige Sieger im Nordend, Ostend und in Bornheim ist zu diesem Zeitpunkt der Grüne Marcus Bocklet, der sich trotz seines dritten Platzes dank der Landesliste eines Mandats sicher sein kann. Dass Paris, der bunte Vogel in der grauen SPD, immer Stoff für Unterhaltung bietet, wissen nicht nur die Bornheimer. Dass Mister Abenteuerspielplatz aber als Jäger des schon fast verlorenen Wahlkreises den Besuchern der Römerparty einen aufregenden Abend bescheren würde, hätte er wohl selbst nicht für möglich gehalten. Erst gegen 21.45 Uhr ist klar: Die Siegerin heißt Wiesmann.

„So schlecht wie erwartet“

Und wieder grüßt die Niederlage. Die SPD hatte mit einer Schlappe gerechnet, aber ein wenig Hoffnung, dass sie nicht ganz so knüppeldick ausfallen würde, hegte zumindest Petra Tursky-Harmann, die Kandidatin im Süden. Ihr Sohn, der heute zum ersten Mal wählen durfte, hat gleich eine wichtige politische Erfahrung gemacht: „Richtig gewählt und dennoch verloren.“ SPD-Fraktionschef Klaus Oesterling schaut stumm und mit verschränkten Armen der Pressekonferenz seiner gescheiterten Vorsitzenden zu. „So schlecht wie erwartet“, sagt er über das Ergebnis seiner Partei. Dass die Grünen in Frankfurt der SPD so nahe kommen, hat er vermutlich doch nicht erwartet. Vergifteter Trost kommt vom FDP-Ordnungsdezernenten Volker Stein: Er finde es schrecklich, dass die große SPD, die in ihrer Geschichte so viel für Hessen erreicht habe, derart darniederliege. So sprechen Sieger.

Und ewig grüßt die Selbsttäuschung. Die CDU-Oberen feiern das Wahlergebnis als großen Sieg. Er freue sich über eine klare bürgerliche Mehrheit, verkündet der CDU-Vorsitzende Boris Rhein. Von einem „Sieg der CDU“ sagt er aber nichts. Vielleicht fühlt er innerlich wie eine Parteifreundin, die von einem miserablen Ergebnis für die CDU spricht. „Aber nennen Sie nicht meinen Namen“, fügt sie hinzu, „das kommt nicht gut an.“ Der Grünen-Verkehrsdezernent Lutz Sikorski braucht dagegen kein Blatt vor de Mund zu nehmen. Ministerpräsident Koch habe seine Niederlage vom Januar 2008 zementiert. „Mit dem kommt ihr nicht mehr auf einen grünen Zweig“, sagt er einem CDU-Stadtverordneten. Der schweigt dazu weise.

Und ewig zittert die FDP: Dieser Film ist abgesetzt im liberalen Kino. Dass die Partei sicher den Landtag kommen werde, das wusste auch Hans-Christian Mick im Voraus. Dass er selbst als Abgeordneter dort einziehen werde, hat er sich wahrscheinlich nur in seinen kühnsten Träumen vorgestellt. Jetzt weiß er: Die FDP hat sich aus dem Murmeltier-Film herauskatapultiert.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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