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Wahlkampf Hessen Landpartie im roten Schal

14.01.2009 ·  Thorsten Schäfer-Gümbel führt einen scheinbar aussichtslosen Wahlkampf. Doch aufgeben will er nicht. Eine Busfahrt mit dem Spitzenkandidaten der SPD.

Von Philip Eppelsheim
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Thorsten Schäfer-Gümbel lächelt in die Kamera, als er die ersten Fragen des Tages vor dem Wiesbadener Landtagsgebäude beantwortet. Ja, er habe wie immer kräftig gefrühstückt. Viel Kaffee getrunken. Kaffee, wird der SPD-Spitzenkandidat am Ende der Bustour durch die hessischen Verhältnisse sagen, sei das Einzige, was er schwarz genieße. Nachdem die Frühstücksfrage geklärt ist, steigt Schäfer-Gümbel in den Reisebus. Der Wahlkampftag sieht eine Pressebustour vor, Schwerpunkt Bildung. Und Schäfer-Gümbel präsentiert sich gut gelaunt, macht Witze, erzählt Anekdoten aus seinem Familienleben, will wieder einmal zeigen, was für ein Typ er ist.

Auf der kurzen Fahrt zum „Verdi Mindestlohncontainer“ auf dem Luisenplatz in Wiesbaden – einer Aktion für einen Mindestlohn für 7,50 Euro – scherzt Schäfer-Gümbel: „Wir gehen nicht ins Dschungelcamp, auch wenn die hessischen Verhältnisse den Anschein erwecken könnten.“ Ein Dschungelcamp ist es nicht, aber die Tour wirkt wie Big Brother.

Tempo erhöhen

Die Türen des Busses öffnen sich. Davor wartet ein kleines Grüppchen mit TSG-Buttons. Kurz darauf steht Schäfer-Gümbel im schwarzen Mantel mit rotem Schal vor den Kameras und lauscht den Gewerkschaftlern. „Wir wollen, dass die Menschen zu ordentlichen Löhnen arbeiten“, sagt er schließlich. Dann deutet er auf die Gucklöcher in dem Überseecontainer. „Sie können mich im Container suchen.“ Doch die Scheibe vor seinem Antlitz ist zugefroren. Habe das eine Bedeutung für die Wahl, will eine Fernsehreporterin wissen. „Nö, es ist eben kalt.“

Sechs Minuten nachdem sich die Bustüren geöffnet haben, geht die Tour weiter. „Mindestlohn reicht ja nicht einmal für eine Zigarettenlänge“, murmelt ein Journalist seinem Kollegen zu, während sich Schäfer-Gümbel in der ersten Reihe erhebt: „So. Zunächst herzlich willkommen, bei diesen außerordentlich kalten Temperaturen.“ Der Frost habe sich nicht in der SPD niedergeschlagen, sagt er und will gleich zu Beginn eines klarstellen: „Hat Schäfer-Gümbel aufgegeben? Nein, er hat nicht aufgegeben.“ Er werde das Tempo bis Sonntag noch erhöhen, kündigt der Spitzenkandidat an, während der Bus sich langsam den Taunus hinaufkämpft.

„Politiker oder Schauspieler?“

Schäfer-Gümbel sagt, man sei in einem normalen Reisebus unterwegs, weil man sich solche Busse, wie sie die Union habe, nicht leisten könne. Als der Bus sein nächstes Ziel – einen Kindergarten in Hünstetten-Görsroth im Rheingau-Taunus-Kreis – erreicht, begrüßt Bürgermeister Axel Petri (SPD) Schäfer-Gümbel. „Es ist immer schön, einen Spitzenkandidaten hier zu haben, aber es ist natürlich noch schöner, einen Ministerpräsidenten zu begrüßen.“ Daran arbeite er ja, erwidert Schäfer-Gümbel. Dann führt er den Tross durch die Räume des Kindergartens. Ein Blick auf die Tortellini in der Küche, einer in ein Buch „Montessori oder Waldorf?“ – „So, reicht es jetzt?“, fragt er. Doch die Journalisten sind unzufrieden. „Wo sind denn jetzt die Kinder?“ Und als endlich eine Kindergruppe erreicht ist: „Herr Schäfer-Gümbel, einmal auf so einem Kinderstühlchen Platz nehmen.“ Schäfer-Gümbel ignoriert die Bitte, erzählt stattdessen von seinen drei Kindern. Dann nimmt er doch noch Platz.

„Das ist der Bundespräsident“, sagt ein Junge. „Der ist ganz oft im Fernsehen.“ Ein anderer verkündet, diesen Mann noch nie gesehen zu haben. „Ist er vielleicht ein Politiker oder ein Schauspieler?“, fragt eine Journalistin. „Ein Schauspieler“, antwortet das Kind. Schäfer-Gümbel ruft: „Tschüs.“

Kampagnenschal

Während der Mittagspause in einer Kantine stellt sich Schäfer-Gümbel den Fragen der Journalisten. „Die TSG Hoffenheim hat auch keiner auf dem Zettel gehabt, jetzt sind sie Herbstmeister“, sagt er. Der Fußballfan liebt solche Vergleiche. Roland Koch habe am Sonntag einen Elfmeter und wenn er ihn verschieße, werde er vom Spielfeld geholt. Sich selbst bezeichnet Schäfer-Gümbel als Mittelstürmer. „Ich konzentriere mich gnadenlos darauf, ein gutes Ergebnis zu bekommen.“ Auch den SPD-Genossen aus der Gemeinde sagt Schäfer-Gümbel zum Abschied: „Ich kämpfe. An mir soll es nicht liegen.“

Die Reise durch die hessischen Verhältnisse geht weiter. Im Bus erzählt Schäfer-Gümbel wieder von seiner Familie und dem Leben auf dem Land, das für einen wie ihn, „der alles hat“, kein Problem sei. Die Gesellschaft für Beschäftigung und Weiterbildung im Rheingau-Taunus-Kreis, die Langzeitarbeitslose in den Arbeitsmarkt integriert, ist das nächste Ziel. Und wieder wandern Spitzenkandidat und Journalisten durch Gänge und Räume. „Fitnessstudio brauchen wir heute keins“, sagt Schäfer-Gümbel, den roten Schal in der Hand. Vor einigen Wochen hat er ihn von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie geschenkt bekommen, versprochen, ihn zu seinem Kampagnenschal zu machen.

Unterschiedliche Führungsnaturelle

Im Second-Hand-Kaufhaus, umgeben von Schränken, Tischen, Stühlen und Haushaltswaren, bleibt der Spitzenkandidat stehen. „Würden Sie sich vielleicht auf ein Sofa setzen?“, fragt ein Fotograf, und Schäfer-Gümbel folgt. „Bauch einziehen. Ach, der ist nicht mehr existent. Haben Sie’s?“ Dann schaut er sich um und sagt, er hätte auch einen Wahlkampf mit großen Namen führen können, „aber das hier ist Teil des Landes“. Auf seinem weiteren Rundgang wechselt er ein paar Worte mit Auszubildenden und nimmt Apfelchips und einen Mispelschnaps in Empfang. „Trinken Sie gerne Schnaps?“ – „Eigentlich nicht.“

Zurück im Bus sagt Schäfer-Gümbel, dieser Wahlkampf sei nicht mit dem letzten zu vergleichen. Er spricht über die Schwierigkeiten seiner Partei im Wahlkampf. Davon, dass die meisten Aktiven auf den Straßen älter als sechzig Jahre alt seien, dass man bei minus 18 Grad keinen Straßenwahlkampf machen könne. Immer wieder wird er, während er durch die Busreihen läuft, auf das Thema Ypsilanti angesprochen. Es gebe unterschiedliche Führungsnaturelle, sagt er. Aber: „Fragen Sie mal die von dem Projekt gerade eben, ob es die interessiert, wer Landesvorsitzender ist.“

Vor dem Werkstor

Der Bus erreicht Frankfurt. Die SPD Hessen hat zu einer Podiumsdiskussion eingeladen „,Gleiche Chancen für gute Bildung‘ mit Thorsten Schäfer-Gümbel“. Vor dem Eingang des Hauses Gutleut haben Jusos aus Pappkartons die „Bildungsmauer von Roland Koch“ aufgebaut. „G8“, „Studiengebühren“, „soziale Auslese“ steht auf den Kartons. Als Schäfer-Gümbel eintrifft, reißen die Jusos die Mauer ein. Im Saal warten etwa 60 Personen auf den Spitzenkandidaten. Ein Genosse hängt noch schnell ein Wahlplakat mit Schäfer-Gümbels Konterfei auf. Und der hält eine Rede, 20 Minuten lang. Er redet davon, wie er in die SPD gekommen ist, und davon, dass es kindgerechte Schulen geben müsse, ein „Haus der Bildung“ zu schaffen sei.

Dann macht sich Schäfer-Gümbel auf den Weg nach Bad Emstal. Er soll dort beim Neujahrsempfang der SPD Kassel-Land auftreten. Ihm sei sehr heiß, ist seine letzte Auskunft, bevor er lächelnd in den Wagen steigt und die Journalisten im Bus zurücklässt. Am darauffolgenden Morgen kämpft er weiter: um 5.30 Uhr vor dem Werkstor von Volkswagen in Baunatal. Wieder nach einem kräftigen Frühstück mit viel schwarzem Kaffee.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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