16.01.2009 · Würde Thorsten Schäfer-Gümbel Ministerpräsident werden, hätte er zunächst ein Problem. Er müsste aus dem Stand heraus zehn Ministerposten verteilen. Dabei hat er nicht einmal ein Schattenkabinett aufgestellt.
Von Ralf EulerEine Voraussetzung zur Führung der hessischen Sozialdemokraten bringt Thorsten Schäfer-Gümbel zweifelsfrei mit: Der Neununddreißigjährige ist ein unverbesserlicher Optimist. Nicht nur, dass er nach dem gescheiterten Versuch Andrea Ypsilantis mit einer rot-grünen Minderheitsregierung von einem Tag auf den anderen bereit war, die SPD-Spitzenkandidatur zur Landtagsneuwahl zu übernehmen, Schäfer-Gümbel hält trotz deprimierender Umfrageergebnisse offiziell auch noch am Ziel fest, demnächst das Amt des hessischen Ministerpräsidenten zu übernehmen.
Wenn jene gut 40 Prozent der Wahlberechtigten, die sich bisher für keine Partei entschieden hätten, am Sonntag ihr Kreuz bei der SPD machten, könne es für seine Partei sogar noch zur absoluten Mehrheit reichen, verkündete er schmunzelnd.
Unverständnis und Anerkennung
Dann allerdings hätte „TSG“ ein Problem: Er müsste aus dem Stand heraus zehn Ministerposten verteilen und hat doch nicht einmal ein Schattenkabinett parat. Der SPD-Spitzenmann aus Mittelhessen verzichtete auf das Zusammenstellen einer Mannschaft, nicht nur, weil ihm der kurze Wahlkampf, den er quasi aus dem Stand heraus bestreiten muss, kaum Zeit dazu ließ. Weil Ypsilanti im vergangenen Jahr mit einem „Zukunftsteam“ angetreten war, hätte Schäfer-Gümbel mit einem eigenen Schattenkabinett zwangsläufig jene damaligen Ministerkandidaten vor den Kopf stoßen müssen, die aus seiner Sicht nicht ministrabel sind. Eine Personaldebatte war aber das Letzte, was der Herausforderer von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) gebrauchen konnte.
Zweifellos hätte Schäfer-Gümbel in den vergangenen Wochen gern den ein oder anderen Überraschungskandidaten präsentiert – beispielsweise einen anerkannten Fachmann für das Wirtschaftsressort oder einen Kandidaten für das Kultusministerium, der nicht gleich als Befürworter einer „SPD-Einheitsschule“ abgestempelt worden wäre. Doch wer außerhalb der eigenen Reihen will sich schon als Bewerber für einen Posten zur Verfügung stellen, wenn laut Umfragen so gut wie keine Chance besteht, ihn jemals zu besetzen? Optimisten vom Range eines Thorsten Schäfer-Gümbel gibt es eben nicht allzu viele.
So ist der Spitzenkandidat eben der Fachmann für alles. „Thorsten allein im Haus“, heißt es in der Parteizentrale in einer Mischung aus Unverständnis und Anerkennung. Auf die Frage, ob die Noch-Partei- und -Fraktionsvorsitzende Ypsilanti einer SPD-geführten Regierung angehörte, schweigt Schäfer-Gümbel. Das Fell des Bären werde erst verteilt, wenn er erlegt sei, lautet die Standardauskunft.
40 Prozent der Wähler unentschieden
Schon wenige Tage nach seiner Kür zum Spitzenkandidaten hat er immerhin klargestellt, dass eines der wichtigsten Mitglieder von Ypsilantis Team auf seiner Liste nicht mehr steht: Der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, ehemals für den Posten des Umwelt- und Wirtschaftsministers vorgesehen, ist nur noch „einer von mehreren wichtigen Beratern“. Auch der als Bildungsexperte in Finnland tätige Rainer Domisch, den Ypsilanti als künftigen Kultusminister präsentiert hatte, spielt in Spekulationen über ein Kabinett Schäfer-Gümbel keine Rolle mehr. Für diesen Posten war in der nicht zustande gekommenen rot-grünen Koalition ohnehin eine Grüne vorgesehen: die Bundestagsabgeordnete Priska Hinz.
Bleiben als mögliche SPD-Minister einige der anderen Frauen und Männer aus Ypsilantis „Zukunftsteam“: der Vorsitzende des SPD-Bezirks Hessen-Nord, Manfred Schaub, für das Innenressort, die Landtagsabgeordnete Nancy Faeser als Justizministerin, der parlamentarische Geschäftsführer Reinhard Kahl, der sich bereits auf die Übernahme des Finanzministeriums vorbereitet hatte, oder die Parlamentarier Lothar Quanz (Wissenschaft und Kunst), Petra Fuhrmann (Soziales) und Günter Rudolph (Verkehr und Europaangelegenheiten).
Nicht ganz ausgeschlossen ist aber auch, dass sich von den 40 Prozent Unentschiedenen doch nicht alle zur SPD hinwenden und es „nur“ zu einer Koalitionsregierung unter Schäfer-Gümbel reicht. Dann wiederum träte die Regel in Kraft, dass über Personen erst am Schluss entschieden wird. Der neue sozialdemokratische Regierungschef hätte also Zeit genug, ein Ministerteam zu bilden.