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Hessens SPD-Spitzenkandidat Auf in den Wahlkampf mit Brille und Kürzel

16.11.2008 ·  Der hessischen SPD bleiben noch zwei Monate, um ihren neuen Spitzenkandidaten zu einer Marke zu machen. Denn außerhalb des Landkreises Gießen kennt bislang kaum jemand Thorsten Schäfer-Gümbel. Ein Kürzel für den sperrigen Nachnamen und die Retro-Brille sollen's richten.

Von Thomas Holl und Thomas Jansen
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Am Tag vor der hessischen Landtagswahl im Januar dieses Jahres erschien in zwei Gießener Zeitungen eine Anzeige. „Es wird auch nach der Landtagswahl keinerlei Bündnis mit der Partei Die Linke geben. Es ist infam, die SPD als Steigbügelhalter des Kommunismus zu diffamieren.“ Darunter standen die Namen der Gießener Landtagsabgeordneten Thorsten Schäfer-Gümbel und Gerhard Merz. Warum sie Ypsilantis Versprechen noch für ergänzungsbedürftig hielten, erklärt Merz mit dem zugespitzten Gießener Wahlkampf. Die CDU habe beide als Apologeten der DDR diffamiert, da habe man sich schließlich wehren müssen. Und außerdem: „Wir haben das aus tiefstem Herzen geglaubt.“

Nach der Wahl gab sich Schäfer-Gümbel dann pragmatisch: „Es ist doch egal, was wir machen, das Glaubwürdigkeitsproblem haben wir immer“, zitierte ihn die „Gießener Allgemeine Zeitung“ Ende Februar. Den Beschluss der Berliner SPD-Führung, eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei in den Ländern zu erlauben, könne er den Wählern nicht erklären, sagt er.

Aus der Masse der Schäfers heraus

Andere Dinge kann er den Wählern besser erklären. Zum Beispiel, warum er so gerne nach Hungen fährt, eine beschauliche Stadt in seinem Wahlkreis Gießen-Land. Die Genossen dort haben nämlich den ehrgeizigen Plan, in fünf Jahren Strom und Wärme für ihre Gemeinde, die sich damit brüstet, als einzige hessische Kommune einen Stadtschäfer zu beschäftigen, ausschließlich mit erneuerbaren Energien zu erzeugen. Das gilt Schäfer-Gümbel als Vorbild auch für andere Städte in der Region, die sich nicht mit dem Beinamen „Schäferstadt“ schmücken können.

Schäfer-Gümbel kennt Hungen auch deshalb besonders gut, weil seine Frau, Annette Gümbel, deren Namen ihn nach der Hochzeit 1998 aus der anonymen Masse der „Schäfers“ heraushob, häufig dort zu tun hat. Die promovierte Historikerin ist Inhaberin der Fachstelle für gesellschaftliche Verantwortung in den evangelischen Dekanaten Hungen, Kirchberg und Grünberg. Der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gehört auch Schäfer-Gümbel seit gut einem Jahr an. Der katholischen Kirche kehrte er schon 1992 den Rücken, weil er sich über eine Äußerung des Münchener Erzbischofs Kardinal Wetter maßlos ärgerte, der nach dem „Kruzifix-Urteil“ eine Parallele zum Kirchenkampf im „Dritten Reich“ gezogen hatte. Der Tod seiner Mutter hat ihn schließlich dazu veranlasst, wieder einer Kirche beizutreten, der evangelischen diesmal.

Das Retro-Modell „Kuba-Krise“ soll's richten

Weil Schäfer-Gümbel sich in seinem bisherigen Politikerleben meistens in Städten wie Hungen aufgehalten hat, kennt ihn außerhalb des Landkreises Gießen kaum jemand. Das soll nun eine Brille ändern, mit der Schäfer-Gümbel glatt in einem Hollywood-Film als Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auftreten könnte. Wenn es nach der hessischen SPD-Spitze geht, soll das Retro-Modell „Kuba-Krise“ im Wahlkampf positiv wirken - so wie das „Y“ der Andrea Ypsilanti vor elf Monaten zu einer Art Pop-Symbol wurde.

Auch die Abkürzung „TSG“ des sperrigen Doppelnamens, der dem unbekannten SPD-Hinterbänkler in den ersten Tagen nach seiner Nominierung den Spott „Thorsten Schäfer-Wer?“ eingebracht hat, soll in den nächsten Wochen eine Art Markenzeichen mit Wiedererkennungswert werden. Die Turn- und Sportgemeinde Leihgestern, eine Gemeinde in der Nähe von Gießen, überließ ihm schon vor Jahren spaßeshalber das Kürzel TSG. Eine der Hauptaufgaben der hessischen SPD-Strategen ist es, den für 99,9 Prozent der Hessen bis zum 8. November völlig unbekannten Schäfer-Gümbel überhaupt einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Er wird in jeden „Kaninchenzüchterverein“ gehen

Neben fast täglichen Interviews und möglichst vielen Fernsehauftritten will Schäfer-Gümbel vom kommenden Donnerstag an in einem „knochenharten Kreisbereisungsprogramm“ möglichst vielen der 6,5 Millionen Hessen persönlich die Hände schütteln. Statt mit SPD-Funktionären der örtlichen Lokalzeitung einen Redaktionsbesuch abzustatten, werde er in jeden „Kaninchenzüchterverein“ gehen, um für sich und die SPD zu werben. Ihm wird wahrscheinlich die für die Kampagne der Bundes-SPD und anderer Landesverbände verantwortliche Berlin-Düsseldorfer Werbeagentur „Butter“ zur Seite stehen. Die Werber haben schon Klaus Wowereit und Kurt Beck in Berlin und Rheinland-Pfalz erfolgreich vermarktet.

In Schäfer-Gümbels Gießener SPD-Kreistagsfraktion ist keine Werbung nötig - dort ist die Freude der Genossen über die Kandidatur „ihres“ TSG groß. Aber so ganz versteht mancher seine Bescheidenheit dann doch nicht: „Thorsten, hättest du nicht wenigstens noch ein weiteres Amt übernehmen sollen?“, fragen sie. „Wartet mal ab“, sagt Schäfer-Gümbel. Er habe schließlich nur noch etwas mehr als 60 Tage Zeit, um sich vor der Wahl bekannt zu machen. Da wären die vielen Verpflichtungen in Wiesbaden nur hinderlich.

„Ypsilanti hat sich Mühe gegeben, aber sie ist nun mal gescheitert“

Dass Andrea Ypsilanti weiterhin hessische SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende bleiben will, versteht in Gießen nicht jeder. „Ypsilanti hat vielleicht dann doch einige Fehler gemacht. Sie hat sich Mühe gegeben, war auch super, aber sie ist nun mal gescheitert“, sagt eine Kreistagsabgeordnete. Froh über Schäfer-Gümbels Nominierung ist man auch, weil hinter vorgehaltener Hand in der mittelhessischen SPD schon länger darüber geklagt wurde, dass Mittelhessen in Ypsilantis Landkarte nicht eingezeichnet war. „Wir haben nichts gesagt, weil wir dachten, wenn Ypsilanti erst mal Ministerpräsidentin ist, können wir immer noch darüber reden“, sagt ein Ortsverbandsvorsitzender. Dass Schäfer-Gümbel gelingt, woran Ypsilanti scheiterte, das hoffen hier alle.

Dessen erste rot-rot-grünen Gesprächsversuche endeten allerdings nicht eben vielversprechend. „Leider konnten die Stellungnahmen von der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) und vom Bündnis 90/Die Grünen in die Untersuchung nicht einbezogen werden“, teilt der Politologe Schäfer dem Leser seiner Magisterarbeit aus dem Jahr 1997 mit. Beide Parteien hätten sich außerstande gesehen, ihm ihre Positionen darzulegen. Um „Europäische Forschungs- und Technologiepolitik“ ging es damals.

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Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

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