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Hessen-SPD Blick zurück im Zweifel: Der Parteitag, auf dem Ypsilanti gegen Walter gewann

08.12.2008 ·  Nachdem sich Juso-Mitglieder damit gebrüstet haben sollen, Andrea Ypsilanti „durch die Hintertür“ durchgesetzt zu haben, rückt noch einmal der Parteitag ins Licht, auf dem sie 2006 gegen Jürgen Walter gewann. F.A.Z.-Korrespondent Ralf Euler erinnert sich.

Von Ralf Euler, Wiesbaden
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Eine derart zugespitzte Auseinandersetzung hat es in der Geschichte der hessischen SPD noch nie gegeben. Am 2. Dezember 2006 befinden 347 Delegierte in der Meirotels-Halle in Rotenburg an der Fulda darüber, wer die Partei in die Anfang 2008 anstehende Landtagswahl führen soll: die Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti oder Jürgen Walter, der Fraktionsvorsitzende im Landtag. Walter ist der klare Favorit, aber die erste Abstimmung endet mit einem Patt. 172 zu 172, bei drei Enthaltungen. Das hat kaum jemand für möglich gehalten. Hektik bricht aus, weil einige Delegierte bereits abgereist sind. Telefonisch versuchen Vertreter beider Lager, Anhänger ihrer Kandidaten noch rechtzeitig zum zweiten Wahlgang zurückzubeordern. Bei einigen - wie dem Frankfurter Bundestagsabgeordneten Gregor Amann - gelingt das, bei anderen nicht.

Im zweiten Durchgang, eine Dreiviertelstunde später, fehlen dann auch drei Stimmberechtigte, doch das Ergebnis ist jetzt deutlich: 175 Stimmen für Frau Ypsilanti, 165 Stimmen für Walter - bei drei Enthaltungen und einer ungültigen Stimme. Erstmals bewirbt sich also für die SPD in Hessen eine Frau um das Amt des Regierungschefs. Walter gesteht seine Niederlage ein und verspricht: „Ich werde Andrea unterstützen in dem Ziel, Roland Koch abzulösen.“

Alles sah nach einem Sieg Walters aus

Als die Delegierten am Morgen dieses denkwürdigen Tages in Nordhessen zusammengekommen waren, hatte noch alles nach einem Sieg von Walter ausgesehen. Der 38 Jahre alte Rechtsanwalt hatte in den Wochen zuvor Testabstimmungen in 18 von 26 Unterbezirken der Landespartei gewonnen. Das galt als klares Indiz dafür, dass der zur Parteirechten gezählte Fraktionsvorsitzende auch beim Parteitag über die „linke“ Parteivorsitzende Ypsilanti triumphieren werde.

Als es schließlich anders kommt, erhebt sich hier und da leiser Protest. Er halte es für „bemerkenswert“, dass der Parteitag das Stimmungsbild der Basis ignoriere, mäkelt beispielsweise der nordhessische Abgeordnete und Walter-Anhänger Günter Rudolph. Aber von Unregelmäßigkeiten, gar Manipulation bei der Wahl ist keine Rede. Kein Wunder, hat Frau Ypsilanti in Rotenburg doch die klar bessere Tagesform bewiesen. Schon nach den Bewerbungsreden sieht es für sie gut aus: Sie erhält eineinhalb Minuten Applaus, Walter nur gut 50 Sekunden.

Ansprache an Seele und Verstand

Frau Ypsilanti spielt die besseren Karten: Sie entwirft eine überzeugende Gegenposition zur Politik des amtierenden Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), findet den Mittelweg zwischen Programmatik und Emotion, spricht nicht nur den Verstand, sondern auch die Seelen der Delegierten an. Ihr trauten es die Parteitagsvertreter schließlich eher zu, die SPD als „linke Volkspartei“ in Wiesbaden wieder an die Macht zu führen, nachdem sie in der vorangegangenen Landtagswahl auf 29,1 Prozent abgestürzt war. Walters Vortrag ist kämpferisch und solide, aber auch deutlich nüchterner. Er - so das allgemeine Urteil danach - bietet jenen zuwenig, deren Herz für ihre Partei schlägt.

Nach dem Unentschieden im ersten Wahlgang neigt sich die Waage jedenfalls spürbar zugunsten der Parteivorsitzenden. Manche Delegierte fühlen sich jetzt nicht mehr an das Votum ihres Unterbezirks zugunsten von Walter gebunden. Vielleicht, so die Anhänger des Fraktionsvorsitzenden später, sei dieser sich seines Sieges zu sicher gewesen, vielleicht hat er seine Rivalin Ypsilanti nach den für ihn positiven „Stimmungsbildern“ an der Basis nicht mehr ernst genug genommen.

Sie hätten ein „Dream-Team“ werden können

An jenem 2. Dezember beginnt der Aufstieg Frau Ypsilantis zur Beinahe-Ministerpräsidentin, während Walters bis dahin rasante Karriere einen scharfen Knick erleidet. Sechs Wochen nach der Entscheidung von Rotenburg gibt er den Fraktionsvorsitz ab und rückt in die zweite Reihe der Partei. Auf dem Parteitag zeigt sich die frisch gekürte Spitzenkandidatin, umrahmt von Jungsozialisten in roten T-Shirts mit großem „Y“, überzeugt davon, Grabenkämpfe vermeiden zu können und versichert: „Jürgen Walter wird auf jeden Fall in jeder Beziehung mein Stellvertreter werden.“

Tatsächlich sah es damals noch so aus, als könnte aus den beiden Rivalen ein „Dream-Team“ werden: Bei der Wiederwahl zum stellvertretenden Parteivorsitzenden erhält Walter ein besseres Ergebnis als seine Rivalin.

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