30.01.2009 · Die FDP wird Hessens Kultusministerium führen: Dorothea Henzler übernimmt ihr Wunschressort und ein Politikgebiet, auf dem die CDU viel Ansehen verloren hat. Nun sollen Schulen mehr Freiheit genießen - „fast eine kleine Revolution“.
Von Thomas Holl, WiesbadenIn die Sitzung der FDP-Fraktion ging Dorothea Henzler am Freitagmorgen mit einem strahlenden Lächeln. Glückwünsche zu ihrem politischen Aufstieg wehrte sie jedoch lachend ab: „Gratulationen bitte erst nach dem Samstag.“ Dann nämlich erst wird der erweiterte FDP-Landesvorstand die 60 Jahre alte Abgeordnete als Kandidatin für das Amt der hessischen Kultusministerin nominieren, nachdem zuvor schon die Fraktion diesen Personalvorschlag des FDP-Vorsitzenden Jörg-Uwe Hahn einstimmig gebilligt hatte.
Dass sich die CDU das für die Schulen zuständige Schlüsselressort in den Koalitionsverhandlungen im Kloster Eberbach würde entwinden lassen, war in den vergangenen Tagen immer deutlicher geworden. Mit dem Erfolg von 16,2 Prozent bei der Wahl im Rücken hatte Hahn seiner Fraktionskollegin in harten Verhandlungen mit Ministerpräsident Roland Koch (CDU) am späten Donnerstagabend das von ihr erhoffte Amt verschafft.
Die 60 Jahre alte Ingenieursassistentin gehört seit 1995 zu den bewährten Kräften und den wenigen Frauen in der FDP-Fraktion. Mit dem Thema Schulpolitik beschäftigt sich die Mutter von drei Kindern und Großmutter von vier Enkeln in der Fraktion seit acht Jahren.
Weitaus länger ist die im bayerischen Türkheim geborene Politikerin indes über ihre Arbeit in Elternbeiräten in ihrem Wohnort Oberursel nahe Frankfurt mit Problemen wie Unterrichtsausfall oder zu großen Klassen vertraut: „Das Thema Schule ist mein Herzensanliegen. Ich habe als Abgeordnete viele Schulen besucht und vor allem zugehört. Das wird so bleiben.“ Als neue Ministerin in dem auch über Wahlerfolge entscheidenden Schlüsselressort verspricht sie nichts weniger als einen „Paradigmenwechsel“ in der stets umkämpften hessischen Schulpolitik.
Anders als die von ihr im Wahlkampf 2008 heftig gescholtene CDU-Kultusministerin Karin Wolff will sie wie im Koalitionsvertrag festgeschrieben nun den Schulen größtmögliche Eigenverantwortung beim Einsatz von Lehrern, der Unterrichtsgestaltung und der Verwendung von Geldmitteln geben. „Das ist fast eine Revolution“, schwärmt die Politikerin von einer neuen Bildungspolitik, die fast vollständig die Verwirklichung des FDP-Wahlprogramms vorsieht.
Kein Kind ohne Zukunftsperspektive
Es werde weniger vom Kultusministerium aus per Erlass verordnet, sondern man werde sich künftig auf die Schulaufsicht beschränken. Zwar wird auch unter ihrer Verantwortung die umstrittene Schulzeitverkürzung an Gymnasien (G8) beibehalten, aber die kooperativen Gesamtschulen dürfen weiter entscheiden, ob es weiter bei neun Jahren bis zum Abitur bleiben soll.
Bei der Gestaltung des Unterrichtstoffes für G8 will die künftige Ministerin den Schulen ebenfalls mehr Freiheit lassen. Bildungsstandards sollen starre, vollgepackte Lehrpläne ersetzen.
Auch hinsichtlich der kränkelnden Hauptschulen will Dorothea Henzler einen neuen Kurs einschlagen: Schulen mit den Bildungsgängen Haupt- und Realschule soll künftig freigestellt sein, ob sie von der fünften Klasse an ihre Schüler zunächst getrennt oder gemeinsam unterrichten lassen.
„Die Organisation ist für mich nicht das Entscheidende. Ich will, dass jedes Kind einen Schulabschluss macht, mit dem es beruflich etwas anfangen kann. Kein Kind soll ohne Zukunftsperspektive aus der Schule entlassen werden.“
Thomas Holl Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
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