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Jungwähler Brave Gangster gehen zur Europawahl

03.06.2009 ·  Es sollte die größte Jungwählerkampagne zur Europawahl werden - und dabei cool sein. Die Kampagne „Europa Wahl Gang“ schickt „Wahlgangster“ durch die Schulen - doch dort stoßen sie nur auf mäßiges Interesse.

Von Friederike Haupt
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Das Europäische Parlament hat 2552 Freunde. Der amerikanische Rapper Eminem hat, zum Vergleich, 1 222 375. So sieht die Wirklichkeit zumindest bei Myspace aus, einem beliebten sozialen Netzwerk im Internet. Vor allem junge Leute surfen hier. Die Europawahl am 7. Juni kümmert sie wenig, obwohl die Internetredaktion des Parlaments ein Nutzerprofil zwischen hippen Musikern und Jugendlichen angelegt hat. Auch jenseits des Internets herrscht Desinteresse. Damit sich das zumindest in Deutschland ändern sollte, hat die EU 80.000 Euro an den studentischen Verein „Politikfabrik“ überwiesen. Der wollte „die größte Jungwählerkampagne zur Europawahl“ auf die Beine stellen - und dabei cool sein.

„Euro Wahl Gang“ heißt die Kampagne, und wer das hört, soll nicht nur an den Wahlgang denken, sondern auch an die latent unseriöse Form der Clique: die Gang. Also nennen sie die Jugendlichen, die an ihren Schulen überall in Deutschland für Europa werben, „Wahlgangster“. Das soll flott klingen und den Jugendlichen das Gefühl geben, bei einer coolen Sache dabei zu sein, sagt Julie ten Hövel von der Politikfabrik. Eher traditionell ist das Konzept der Kampagne: Sie setzt auf Podiumsdiskussionen mit Politikern. In hundert Schulen haben in den vergangenen Wochen Politiker den Schülern zu erklären versucht, was Europa mit ihnen zu tun habe. Die Gesprächsrunden wurden von Oberstufenschülern moderiert, die zuvor in einem Wochenendkurs in Berlin das Politikerbefragen gelernt hatten.

Braves Zuhören, keine Fragen

Auch Anna Pregler ist ein „Wahlgangster“. Sie interessiert sich für die großen Themen. „Wie lässt sich die Finanzkrise in der EU lösen?“, fragt die 19 Jahre alte Schülerin die fünf Politiker, die im großen Musiksaal des Rabanus-Maurus-Gymnasiums in Mainz auf dem Podium sitzen. Die Linke hat eine Kommunalpolitikerin geschickt; ein handgeschriebenes Namensschild verrät, dass bis kurz vor Beginn nicht sicher war, ob sie kommen würde.

Gekommen ist Jürgen Creutzmann von der FDP. Der Landtagsabgeordnete, der für das Europäische Parlament kandidiert, beantwortet Anna Preglers Frage ausführlich, spricht von AAA-Ratings, Körperschaften und Rahmenbedingungen, die gesetzt werden müssten. Die rund 80 Schüler, die erschienen sind, hören brav zu und tuscheln kaum. Fragen haben sie allerdings auch nicht zu diesem Thema: Die bunten Pappkarten, die die Schüler hochhalten sollen, wenn sie einer Aussage zustimmen oder diese ablehnen, bleiben unten. Erst als es um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei geht, ändert sich das: Beifällig murmeln die Jugendlichen, als der Grüne Björn Hayer von „Brückenstaat“ und „Vermittlerrolle“ spricht. Auch Philipp Nell hebt die Zustimmungskarte.

Haupt- und Realschüler gehören nicht dazu

Er ist 18 Jahre alt und Erstwähler - und wird am kommenden Sonntag zur Wahl gehen. Wer seine Stimme bekommt, steht schon fest, denn Philipp Nell gehört der Partei „Die Linke“ an. Die Diskussion hat er sich „nur so aus Interesse“ angehört; im Unterricht spiele das Thema leider kaum eine Rolle. Enttäuscht sei er auch darüber, dass so wenige seiner Altersgenossen erschienen sind.

40.000 junge Wahlberechtigte wollte die „Politikfabrik“ mit ihrer Kampagne für die Europawahl begeistern. Mit 300 Besuchern pro Podiumsdiskussion hatten die Planer kalkuliert; dazu sollten die kommen, die über die Internetseite, das StudiVZ, Twitter, Postkarten- und Flyeraktionen von der Kampagne erfahren. Doch selbst wenn die Rechnung aufgeht, wird nur ein kleiner Teil der rund 4,6 Millionen Erstwähler in Deutschland erreicht worden sein. Haupt- und Realschüler gehören nicht dazu. Von ihnen hatte sich niemand darum beworben, ein „Wahlgangster“ zu werden; die Lehrer an den Hauptschulen waren gar nicht erst informiert worden. Der Grund für Konzentration auf die Gymnasiasten: Sie dürfen schon wählen. Dass die nur mäßig interessiert sind, das hatte man nicht erwartet.

Enttäuschung nach der Diskussion

Dabei hat „Wahlgangster“ Anna Pregler am Rabanus-Maurus-Gymnasium alles versucht, um ihre Mitschüler zu locken: Sie ist durch die Klassen gezogen und hat für ihre Diskussionsrunde geworben, hat Plakate an die Wände geheftet und die Lehrer gebeten, in ihren Kursen über die Europawahl zu sprechen. „Hätten schon mehr Leute kommen können“ - ein bisschen enttäuscht ist sie schon nach der Diskussion. „Leider nur die üblichen Verdächtigen, der harte Kern“, stellt auch Mitschüler Adrian Weiß fest, der den Politikausschuss der Schule leitet.

Einen anderen Weg, um Jugendliche mit der „Gangster“-Masche für die Wahl am 7. Juni zu begeistern, hat die Bayerische Staatskanzlei beschritten. Sie hat den Teenagerliebling Oliver Pocher engagiert, der in seiner Rolle als Hiphopper namens „Straßen-Cobra“ Passanten zur Europapolitik befragt. Ein lustiges Werbefilmchen für die Wahl ist dabei entstanden, das auf www.europa-was-geht.de hochgeladen wurde. Inzwischen ist es auch auf der Videoplattform Youtube gelandet. Allein dort haben es die Nutzer schon mehr als hunderttausendmal angesehen.

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