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Sonntag, 19. Februar 2012
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Widersprüchliche Prognosen Mehrheit für Schwarz-Gelb - Sympathien für große Koalition

25.09.2009 ·  Noch nie waren so viele Wähler unentschlossen. Ein Mannheimer Wahlforscher, dem 2002 und 2005 präzise Prognosen gelangen, sagt ein Ergebnis für Union und FDP von zusammen 52,9 Prozent vorher. Laut Emnid-Institut dagegen ist eine Mehrheit für eine große Koalition.

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Umfrageergebnisse sind keine Wahlergebnisse - nicht nur die SPD verweist gerne auf diesen Umstand. Bei der Bundestagswahl 2005 prognostizierten die Meinungsforschungsinstitute der Union 40 bis 43 Prozent der Stimmen, doch am Ende stand ein Ergebnis von 35,2 Prozent. Die Demoskopen mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, sie seien die großen Verlierer der Wahl.

Als Missverständnis wollen die Meinungsforscher das nun verstanden wissen und weisen den Anspruch einer genauen Prognose von sich. „Demoskopie ist eine reine Diagnose der Vergangenheit“, sagt etwa der Chef des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, Klaus-Peter Schöppner. Trotzdem erscheint ein Wahlkampf ohne Umfragen undenkbar. In der Regel gilt eine Umfrage bei mindestens 1000 Befragten als repräsentativ, je mehr desto besser. Gestritten wird in der Forschung seit Jahr und Tag darüber, ob diese nach bestimmten Kriterien ausgesucht oder per Zufallsgenerator ermittelt und angerufen werden.

„Wer das Ergebnis richtig trifft, hat Glück gehabt“

Problematisch bei der Quotierung sei, dass die zugrundeliegenden Daten zur Bevölkerungsstruktur zunehmend veralten, erklärt der Kommunikationswissenschaftler der Uni Hohenheim, Frank Brettschneider. Gegen das zweite Verfahren spricht hingegen, dass immer mehr Menschen dem Festnetz abgeschworen haben und nur noch ein Mobiltelefon besitzen. Zwar erheben einige Umfrageinstitute Handystichproben, längere Interviews gestalten sich aber schwierig.

Die Demoskopen wissen um die Fehlbarkeit ihrer Forschung und versuchen, ihre Umfragen durch Korrekturfaktoren zu präzisieren. Ein weiteres Problem für die Forscher ist jedoch, dass die Wähler sich immer später entscheiden. Kurz vor der Wahl wissen 25 bis 28 Prozent von ihnen noch nicht, wem sie am Sonntag ihre Stimme geben werden und ob sie überhaupt zu Wahl gehen, sagt Schöppner und fügt hinzu: „Wer das Ergebnis richtig trifft, hat Glück gehabt.“ Auch Brettschneider konstatiert: „Der Trend, dass sich Wähler immer später entscheiden, verfestigt sich nicht nur, sondern verstärkt sich.“

Allensbach: Mehr als ein Drittel der Wähler noch unschlüssig

Renate Köcher vom Allensbach-Institut bezeichnete die stabile Unschlüssigkeit vieler Wähler in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung als „auffällig“. Der Anteil der Wahlwilligen, die noch nicht genau wissen, welche Partei sie wählen werden, liege bei 35 Prozent. Die Überlegungen beschränken sich keineswegs jeweils auf eine Seite des politischen Spektrums, sondern gehen in alle Richtungen: 6 Prozent der Wahlwilligen schwanken zwischen CDU und FDP, insgesamt 12 Prozent zwischen den Optionen im linken Teil des politischen Spektrums. So sind noch 5 Prozent der Wahlwilligen unsicher, ob sie der SPD oder den Grünen ihre Stimme geben sollen; 4 Prozent schwanken zwischen SPD und Linken, 3 Prozent zwischen Grünen und Linken.

Am größten ist jedoch die Gruppe, die lagerübergreifende Überlegungen anstellt. So sind sich 7 Prozent der Wahlwilligen noch nicht sicher, ob sie die CDU oder die SPD unterstützen werden, jeweils 3 Prozent schwanken zwischen CDU und Grünen, zwischen SPD und FDP oder zwischen Grünen und FDP. Die Unschlüssigkeit der Wähler wurde bisher durch den Wahlkampf nicht vermindert. Die große Koalition begrenzt die Möglichkeiten von Union und SPD, glaubwürdig einen polarisierenden Wahlkampf zu führen. Dies erschwert die Mobilisierung der Anhänger ebenso wie überhaupt die Identifikation mit einer der beteiligten Parteien. (Siehe auch: Allensbach erwartet niedrige Wahlbeteiligung)

Aus diesem Grund versuchen alle Parteien, an den letzte Tagen noch einmal intensiv um die unentschiedenen Wähler zu werben. Zwei Drittel der Haushalte sollen bundesweit Post von der SPD bekommen. Diesmal überlässt die politische Konkurrenz den Sozialdemokraten, die von der „Last-Minute-Mobilisierung“ bei den letzten Bundestagswahlen jeweils klar profitierte, nicht einfach das Feld. Bei dem vorhergesagten Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen beiden Lagern könnten deshalb schon kleinere Geländegewinne bei den Unentschlossenen für entscheidende Punkte sorgen.Die FDP will an mehr als 3,5 Millionen E-Mail-Adressen bis zum Sonntag Wahlaufrufe senden. Über Handy-Kurznachrichten wollen die Freien Demokraten noch einmal fast eine halbe Million Menschen erreichen.

Nach Meinung von Wahlrechts-Experten könnten diesmal die Überhangmandate den Ausschlag für eine schwarz-gelbe Mehrheit geben. Solche Mandate entstehen dann, wenn eine Partei mehr Direktmandate gewinnt als ihr nach den Zweitstimmen eigentlich zustünden. Die Linkspartei erwägt deshalb bereits den Gang zum Verfassungsgericht. Angesichts des bisherigen Wahlkampf-Verlaufs erwarten Experten eine niedrige Wahlbeteiligung. Bei der Wahl 2005 lag die Beteiligung bei 77,7 Prozent.

Mannheimer Wahlforscher: Knapp 53 Prozent für Schwarz-Gelb

Einer der sich traut, eine genaue Prognose abzugeben, ist der Sozialwissenschaftler Thomas Gschwend von der Universität Mannheim. Er sagt für Union und FDP zusammen ein Ergebnis von 52,9 Prozent vorher. Seiner Annahme liegt ein mathematisches Modell zugrunde, das sich auf den langfristigen Wählerrückhalt der Regierungsparteien, die Kanzlerunterstützung und den Abnützungseffekt stützt. 2002 landeten Gschwend und sein Kollege Helmut Norpoth aus den Vereinigten Staaten einen Volltreffer, 2005 lagen sie eigenen Angaben zufolge 0,3 Prozentpunkte daneben.

Es gelinge den Forschern, die Lager richtig einzuschätzen, indem sie langfristige Stimmungen errechneten, sagt Brettschneider. Die Methode sei „in Ordnung“. Die große Unbekannte in diesem Jahr sei allerdings die große Koalition. Das weiß auch Gschwend: „Es ist schwieriger für das Modell, das Ergebnis vorherzusagen, weil Schwarz-Rot nicht zur Wiederwahl antritt“, gesteht er ein.

Anscheinend befürwortet aber die Mehrheit der Bundesbürger durchaus eine große Koalition von Union und SPD. Das geht zumindest aus einer am Freitag in Berlin veröffentlichten Umfrage des Instituts Emnid für den Sender N24 hervor. 49 Prozent bevorzugen demnach die bisherige Regierungskonstellation im direkten Vergleich mit einem schwarz-gelben Bündnis. Nur 38 Prozent würden eine Koalition aus CDU/CSU und FDP vorziehen. Über die Hälfte der Wähler (59 Prozent) attestiert laut Umfrage der Bundesregierung, in den vergangenen vier Jahren eine gute Arbeit geleistet zu haben. Die Regierungsarbeit von Merkel wurde von 69 Prozent der Befragten als gut bis sehr gut eingeschätzt. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier konnte demnach besonders im Wahlkampf bei den Wählern punkten: 61 Prozent aller Befragten gaben an, Steinmeier habe in den vergangenen Wochen an Profil gewonnen. Auch 65 Prozent der Unionswähler sind dieser Meinung. (Siehe auch: Allensbach-Umfrage: Merkel hält Steinmeier auf Distanz)

„25 Prozent ist der obere Rand des Möglichen für die SPD“

Trotz leichter SPD-Zugewinne in den jüngsten Umfragen sieht indes der Wahlforscher Matthias Jung unmittelbar vor der Bundestagswahl keine Trendumkehr. Es gebe weiterhin eine „knappe, aber sichere Mehrheit für Schwarz-Gelb“, sagte der Leiter der Forschungsgruppe Wahlen (Mannheim), dem Berliner „Tagesspiegel“. Den Sozialdemokraten drohe „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ das schlechteste Bundestagswahlergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik. „25 Prozent ist der obere Rand des Möglichen für die SPD“, sagte Jung dem Blatt.

In den Tagen vor der Wahl legt kein Umfrageinstitut mehr Prognosen zur sogenannten Sonntagsfrage vor. Die letzten Befragungen hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Union und FDP sowie SPD, Grünen und Linkspartei ergeben. Am Mittwoch veröffentlichten drei Institute Prognosen, die in der Tendenz ähnlich waren. Demnach verloren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Union seit dem TV-Duell an Zustimmung, die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier holte auf. Das Forsa- Institut sah Schwarz-Gelb zuletzt bei 48 Prozent (Union 35, FDP 13 Prozent). Die SPD konnte auf 26 Prozent (+2) zulegen. Grüne (11 Prozent) und Linke (10 Prozent) blieben unverändert.

Auch eine Allensbach-Umfrage für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ermittelte für CDU/CSU 35 sowie 13,5 Prozent für Wunsch- Koalitionspartner FDP. Die SPD konnte hier mit 24 Prozent, die Grünen mit 11 Prozent rechnen. Die Linkspartei käme auf 11,5 Prozent - zusammen also 46,5 Prozent. Das Berliner Institut Info GmbH ermittelte im Auftrag des „Handelsblatts“ am Mittwoch für Schwarz- Gelb nur noch 46 Prozent - für SPD, Grüne und Linke hingegen 49 Prozent. Die Union rutschte dort auf 34, die FDP auf 12 Prozent ab. Die SPD konnte sich auf 27 Prozent verbessern, Die Linke erzielte in der Umfrage 12 Prozent, die Grünen 10 Prozent.

Trotz aller Kritik verfolgen Wähler, Journalisten und Politiker die Wasserstandsmeldungen der Demoskopen gerade im Wahlkampf mit hohem Interesse. Dass die Umfragen das tatsächliche Wahlergebnis verzerren könnten, glaubt Brettschneider allerdings nicht. Weder die These, dass Mitläufer mit der Mehrheit stimmen würden noch die gegenteilige Annahme, dass sich Wähler mit der schwächeren Partei solidarisierten, seien bislang nachgewiesen worden, sagt er.

Brettschneider und Schöppner bezeichnen die Debatte über die Veröffentlichung von Wahlprognosen bei Twitter daher ebenfalls als „überspitzt“. Diese Zahlen würden kaum einen Wähler beeinflussen, sagt Brettschneider und verweist auf die Vereinigten Staaten, wo die Ergebnisse der Ostküste schon über den Bildschirm flimmern, wenn im Westen noch gewählt wird. Er bezeichnet die Aufregung lediglich als PR für den Kurznachrichtendienst.

Für Schöppner liegt die Bedeutung der Umfrageforschung vor allem in der Analyse langfristiger Trends. Brettschneider verweist auf den Informationswert. Vor allem für Wähler, die ihre Stimme nach strategischen Gesichtspunkten vergeben, seien die Umfragen wichtig. Für ihn sei es durchaus legitim, dass sich der Wähler ein Bild machen könne, in welcher Konstellation sich seine Anliegen am besten verwirklichen ließen. Anstatt in der letzten Woche vor der Wahl keine Umfragen mehr zu veröffentlichen, wie es bei vielen Instituten gängige Praxis ist, spricht sich Brettschneider daher für tägliche Umfragen aus.

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