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Westerwelle Die Wucht eines Jahrhundertergebnisses

28.09.2009 ·  Auch in der Stunde seines bisher größten Erfolgs und inmitten des frenetischen Jubels seiner Anhänger gibt Guido Westerwelle seine neu erworbene Ernsthaftigkeit nicht preis.

Von Peter Carstens, Berlin
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Freude, Heiterkeit, aber auch ein wenig ungläubiges Staunen begleitete den ersten Jubel bei der FDP, als um 18 Uhr die erste Prognose zur Bundestagswahl verkündet wurde: Fast fünfzehn Prozent, damit hatten nicht einmal die fröhlichsten Optimisten gerechnet, von denen die Partei einige in ihren Reihen weiß. Fest stand mit diesem Augenblick, dass am 27. September 2009 die FDP das beste Ergebnis in ihrer Geschichte erzielt hat. Die FDP und ihr Vorsitzender Guido Westerwelle.

Der betrat gegen 19.15 Uhr in der Mitte Berlins die luftig-hohe Halle der Römischen Höfe, energisch gefeiert von mehr als zweitausend Anhängern, darunter Prominenz aus Film und Hochadel, die man an früheren Wahlabenden der letzten Jahre dort nicht gesehen hatte. Es mischten sich Sprechchöre, die einer Fußballstadionkurve Ehre gemacht hätten, und der dezente Beifall derer, die bei aller Freude den festen Sitz ihrer Krawatten nicht gefährden wollten. Minutenlang brauchte Westerwelle, ehe er zu Wort kam. Was er sagte, war, neben dem obligatorischen Dank an verdiente Mitarbeiter, vor allem Ausdruck einer in Jahren mühsam erarbeiteten Ernsthaftigkeit, die Westerwelle auch in der Stunde seines größten Erfolgs nicht gleich wieder preisgeben wollte.

„Bereit, Verantwortung zu übernehmen“

Das Ergebnis, sagte er, „bedeutet Verantwortung. Wir sind bereit, diese Verantwortung zu übernehmen.“ Und dann umschrieb er noch einmal drei Ziele, um die es der Partei zunächst gehen werde: „Ein faires Steuersystem, bessere Bildungschancen, und dass Bürgerrechte endlich wieder respektiert werden.“

War es Zufall oder Bedacht, dass ihm bei diesem Auftritt am nächsten Cornelia Pieper und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger standen, ergänzt um Westerwelles neuerdings fast väterlichen Freund, den früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher? War es ein Zeichen, dass der Wirtschaftsexperte Brüderle (der ein Ministerium anstrebt) vor dem Finanzexperten Solms (der ein Ministerium anstrebt) stand? „Wir freuen uns“, rief Westerwelle zum Abschluss seiner kurzen Ansprache, „aber wir bleiben auf dem Teppich – jetzt geht die Arbeit richtig los, für Deutschland und für unser ganzes Volk!“

Das Ziel: „Dauerhaft zweistellig“

Dann mischten sich die Präsidiumsmitglieder unter die Feiernden, und in den stillen Ecken der Römischen Höfe begannen – wie ein sich belebendes Herz – die Gerüchte zu pochen, wer bald was werden könnte. Vier Jahre hat Guido Westerwelle auf diesen Tag hingearbeitet, genau genommen seit dem Abend der vergangenen Bundestagswahl, als er dem damaligen Fraktionsvorsitzenden Gerhardt mitteilte, er werde nun von ihm nach dem Parteivorsitz auch die Führung der Fraktion übernehmen. In der Konstituierung der großen Koalition erkannte die FDP die Chance, auch auf Kosten von CDU und CSU weiter zu wachsen. „Dauerhaft zweistellig“, das war Westerwelles mittelfristiges Ziel für die Legislaturperiode. Bei den Zwischenetappen auf dem Weg zur gestrigen Bundestagswahl, den Landtagswahlen und zuletzt der Europawahl, hatte die FDP teilweise spektakuläre Wachstumsraten und gute Ergebnisse, so beispielsweise in Hessen mit 16,2 Prozent.

Die Erfolge bei den Landtagswahlen – die FDP ist inzwischen in vierzehn Parlamenten vertreten – bewirkten auf die Dauer genau das, was die Parteiführung nicht müde wurde, ihren Beobachtern zu berichten: eine Verbreiterung der Substanz. Das konnte man auch daran ablesen, dass die FDP einen allmählichen Mitgliederzuwachs verzeichnet auf heutzutage 70 000. Am Wahlabend konnte man stolz darauf verweisen, dass man nicht bloß der Union Wähler abgewonnen, sondern auch dem Lager der Nichtwähler etliche abgerungen hatte. Die FDP ist zudem auch erfolgreich unter Arbeitslosen, die sie nach ersten Angaben zu fast zehn Prozent gewählt haben.

Besseres Ergebnis in Bayern

Herausragend an diesem und auch den guten Ergebnissen in Schleswig-Holstein und Brandenburg war für die FDP die Tatsache, dass sie in Bayern ihr Ergebnis verbessern konnte (im Vergleich zur Landtagswahl), während die CSU ein ziemlich miserables Resultat hinlegte. Das war der liberalen Feiergesellschaft deswegen ein besonderer Genuss, weil die Giftpfeile aus der CSU ihre Wahlkämpfer zwar nicht wirklich verletzt, aber doch empört hatten.

Zu den Lehren des Wahlkampfes, wie die FDP ihn in den vergangenen Monaten geführt hat, gehört, dass es sich offenbar ungeheuer auszahlt, wenn man eben nicht mit der Brechstange auf die politischen Gegner losgeht. SPD, Grüne und phasenweise auch die CSU haben einen Wahlkampf der Verunglimpfungen gegen die FDP geführt, der auch (wieder einmal) den Parteivorsitzenden Westerwelle einbezog. Westerwelle hat darauf in all den vergangenen Wochen stets ironisch reagiert, nie aber mit persönlichen Gegenangriffen seinerseits. Die Wähler haben das ganz offenbar honoriert. Sie haben sich von den Warnrufen vor der „sozialen Kälte“ und dem „Atomstaat“, der mit der FDP einhergehe, nicht beeindrucken lassen.

Nun wird es für die FDP darum gehen, dass die Wucht ihres Jahrhundertergebnisses in Koalitionsverhandlungen ihren Niederschlag findet. Die Union werde, so hieß es schon am späten Abend, spätestens bei dieser Gelegenheit zur Kenntnis nehmen müssen, dass es ohne den spektakulären Wahlerfolg der Westerwelle-Truppe zum dritten Mal hintereinander misslungen wäre, das gemeinsame Ziel einer schwarz-gelben Koalition zu erreichen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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