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Wer wählt die FDP? Die unbekannten 15 Prozent

04.10.2009 ·  Die Konservativen, die Gewerkschaftler, sogar die Arbeitslosen: Viele von ihnen haben liberal gewählt. „Die FDP ist in völlig neue Wählerschichten vorgedrungen“, sagt ein Marktforscher. Doch schon bekommen viele Angst vor der eigenen Courage.

Von Melanie Amann und Lisa Nienhaus
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Reinhard Schutte verwandelte sich per Mausklick in einen Liberalen. Er füllte den Mitgliedsantrag der FDP im Netz aus, „bekam jede Menge Post, irgendwann rief der Ortsverein an, und dann kam auch schon die Wahl“.

59 Jahre ist Schutte alt, er wohnt im rheinischen Bornheim, leitet eine Finanzberatung mit 800 Mitarbeitern. Elfmal durfte er in seinem Leben schon den Bundestag wählen, und jeden Wahlsonntag kreuzte er die CDU an. Dieses Jahr nicht. Schutte hatte genug. „Das Kuscheln der Kanzlerin mit linken Wählern, der Bayern-Populismus von Horst Seehofer, der Überregulierungswahn nach der Finanzkrise“, zählt er auf. „Das wurde mir alles zu viel.“

„Völlig neue Wählerschichten“

Viele haben sich genauso entschieden wie Schutte. Beinahe 15 Prozent der Wähler haben am vergangenen Sonntag ihr Kreuz bei den Liberalen gemacht – mehr als je zuvor bei einer Bundestagswahl. Es sind nicht mehr bloß die Düsseldorfer Handwerker, die Frankfurter Geschäftsleute, die Yuppies und Latte-macchiato-Liberalen, die FDP wählen. Dazu kommen ganz andere: Rentner, Erzkonservative, Ostdeutsche, junge Frauen, kleine Angestellte. Sogar jeder zehnte Arbeitslose entschied sich für die Liberalen. „Die FDP ist in völlig neue Wählerschichten vorgedrungen“, sagt Richard Hilmer vom Wahlforschungsinstitut Infratest Dimap.

Zum Beispiel zu Michelle Hagen, 18 Jahre alt, aus Wildau in Brandenburg. Ihre Eltern leben getrennt, die Mutter ist Speditionskauffrau, der Vater gelernter Maurer und Fliesenleger. „Eigentlich passe ich gar nicht zur FDP“, sagt sie. „Alle fragen mich immer: Wieso gerade du?“ Doch die Schülerin wünscht sich etwas Frisches, Neues, Junges. Deshalb ist sie sogar bei den Jungen Liberalen Mitglied. Vorher hat sie sich einmal bei der Jungen Union umgeschaut. „Aber da waren sie fünf Jahre älter, alles war festgefahren und Kritik war nicht so erwünscht.“

Viele Neu-FDPler verbindet, dass sie sich früher der Union nahe fühlten. Mehr als eine Million Stimmen sind dieses Mal von den Konservativen zur FDP gewandert, doppelt so viele wie von der SPD. Die größten Zugewinne verzeichneten die Liberalen in konservativen Hochburgen: in Vororten, ländlichen Gegenden und Provinzstädten wie Fulda oder Siegburg.

Ein Teil der Wanderung mag Strategie sein. So teilten rund die Hälfte der FDP-Wähler ihre Stimme auf: Erststimme CDU, Zweitstimme FDP. Doch viele Neu-Liberale waren wirklich unzufrieden mit der Wirtschaftspolitik ihrer christdemokratischen Freunde.

Zum Beispiel Daniel Bubel aus Hofheim nahe Frankfurt. „Die FDP ist für mich die glaubwürdigste aller Parteien“, sagt der 28 Jahre alte Jurist. „Sie wechselt ihre Standpunkte nicht wie die Unterhosen.“ Die Union hat ihn in diesem Punkt in den Zeiten der großen Koalition enttäuscht. Also gab er seine Zweitstimme erstmals der FDP. Wahlforscher Hilmer findet das typisch. „Ein zentrales Motiv der FDP-Wähler ist, dass sie sich eine Partei mit klarem politischen Konzept wünschen“, sagt er.

Das Thema, mit dem die Liberalen als allererstes punkten konnten, waren die Steuern. Sie zu senken (oder zumindest das Steuersystem zu vereinfachen) gilt als zentrale Kompetenz der Partei. Neuwähler Bubel sagt: „Von einem geringeren Spitzensteuersatz würde ich als Alleinstehender natürlich profitieren.“ Auch Finanzberater Schutte erwartet viel von der FDP. „Unser Steuersystem muss einfacher werden.“ Dazu kam die ewige Mahnung der Liberalen zur Zurückhaltung bei Staatsausgaben, die nach Opel-Rettung und Milliarden-Konjunkturpaketen auf einmal vielen Menschen attraktiv erschien. „Wer soll das bezahlen?“, fragten sie sich – und kreuzten die FDP an.

Auf viel mehr allerdings können sich die FDP-Neuwähler nicht einigen. Sie haben sich für eine Partei entschieden, die in der Opposition eine so breite Projektionsfläche aufgespannt hat, dass Platz war für viele Wünsche. Mehr Freiheit, mehr Bürgerrechte, bessere Bildung und irgendwie eine klare Position.

Weniger Kündigungsschutz, weniger Entwicklungshilfe

Doch jetzt, in der Regierung, muss ihre Partei zeigen, was ihr wirklich am Herzen liegt. Und das ist nicht immer das, was sich die Neu-Wähler vorgestellt haben. Schon bekommen die ersten Angst vor der eigenen Courage. Dass etwa auch die Lockerung des Kündigungsschutzes ein liberales Thema ist, hatten viele Angestellte unter den Neu-Liberalen verdrängt. Jetzt werden sie von den eigenen Abgeordneten daran erinnert. Und dass der FDP-Generalsekretär nun schon lautstark darüber nachdenkt, die Entwicklungshilfe zu kürzen, schockiert Alt-Grüne, die aus Frust zur FDP wechselten. Schon trauen sie sich nicht mehr, öffentlich zur eigenen Wahlentscheidung zu stehen.

Das Einzige, worauf die Neu-Wähler sich halbwegs einigen können – niedrigere Steuern –, scheitert wohl schon an den Umständen. Selbst Neu-FDP-Wähler Bubel glaubt nicht so recht an Steuersenkungen angesichts der hohen Staatsverschuldung. „Da bin ich Realist. Wir sind nicht bei Wünsch-dir-was, sondern bei Ist-halt-so.“

Ob aus dem FDP-Programm Politik wird, muss sich zeigen. Wer aber in der Regierung dafür steht, ist heute schon klar: Die Leute von gestern. „Ich schalte den Fernseher ein, und da sind diese Rentner“, jammert ein Großkanzlei-Anwalt aus München. „Brüderle, Solms, Leutheusser-Schnarrenberger – die sind aus der Mottenkiste.“ Geworben hatte die Partei mit dem agilen Guido Westerwelle und der frischen Silvana Koch-Mehrin. Jetzt steht der Wirtschaftsmann Westerwelle schon mit einem Bein im Außenamt – und für zu Hause gibt es Brüderle. Noch in der Wahlkabine hatte der Anwalt mit sich gerungen, bevor er sein Kreuz bei den Liberalen machte. „Wenn das mal nicht die falsche Entscheidung war.“ Jetzt spürt er den Katzenjammer.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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