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Wahlkampftour im „Rheingold-Express“ Reise zurück nach vorn

15.09.2009 ·  Angela Merkel reist auf den Spuren Konrad Adenauers durch Deutschland - auf Wahlkampftour im historischen „Rheingold-Express“. Eine Zeitreise zurück in die alte Bundesrepublik, die den Wählern und auch der eigenen Partei vermitteln soll: Ich stehe in Adenauers Tradition - und bin eine würdige Erbin.

Von Wulf Schmiese, Bonn/Berlin
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Angela Merkel reist mit Konrad Adenauer durch Deutschland. Sie sitzen unter dem Glasdach in Wagen 4 des „Rheingold“-Express und schauen aus den Panorama-Scheiben in das Siebengebirge, auf Weinstöcke und Fachwerkhäuser mit Schiefertürmchen. Hoch oben da draußen, am sagenhaften Felsen der Loreley, weht die Deutschlandfahne. Konrad Adenauer hat seine zwei Brüder mitgebracht und auch seine Schwester. Es sind die Enkel des „Alten“, wie der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und CDU-Vater in seiner Partei noch immer ehrfürchtig genannt wird. Seine Nachfolgerin hat Adenauers Nachfahren eingeladen zu ihrer aufwendigsten Wahlkampftour durch Deutschland. Das sind brauchbare Gäste für die Bundeskanzlerin, denn sie alle sehen in Angela Merkel eine würdige Erbin der Politik ihres Vorfahren. Auch Libet Werhahn-Adenauer ist dabei, die Tochter des Gründungskanzlers. Sie ähnelt ihrem Vater, zwinkert verschmitzt aus schmalen Augen, und ist mit 81 Jahren so alt wie er war, als er im „Rheingold“ auf Wahlkampftour fuhr.

Seit 22 Jahren steht das Dutzend Waggons des Zugs auf Abstellgleisen in Münster und Köln. Aber sie sind zu buchen als Sonderzug, und der Zugbegleiter heißt tatsächlich Sondermayer. Nein, eine Bundeskanzlerin habe er noch nie an Bord gehabt. „Aber Adenauer ist mit genau diesem Zug auf Wahlkampftour gegangen, 1953 und 1957“, sagt Sondermayer stolz, als sei er selbst dabei gewesen. Auch Erhard, Kiesinger und Brandt waren damit noch unterwegs. Heute buchten Firmenchefs, „meist ältere Jahrgänge“, den legendären Zug, sagt Sondermayer, dessen offizieller DB-Titel „Gruppenleiter“ ist. Er schwärmt von jedem einzelnen Waggon, die in den TEE-Farben bordeaux-cremeweiß lackiert sind - „alles original wieder hergerichtet“.

Als der „Rheingold“ 1928, zwei Jahrzehnte vor Adenauers Kanzlerwahl, als nobelster Zug der Reichsbahn erstmals auf die Schiene gesetzt wurde, lagen für die reichen Reisenden auf den Salontischchen Fahrplanhefte aus. Jede Burg und jedes Denkmal an der Strecke wurde darin gepriesen, damit der Fahrgast wusste: Dieser Weg ist einzigartig. Die CDU hat sich das für Angela Merkel ebenso ausgedacht, und zwar in engster Absprache mit der Chefin selbst. „CDU-Ticket“ heißt das zehnseitige Fahrplanheft, das den 40 mitreisenden Journalisten die Stationen beschreibt.

Auf der Tagesreise von Bonn über Koblenz, Frankfurt, Erfurt und Leipzig nach Berlin will die Kanzlerin ihren Weg zeigen, die inneren Haltepunkte sozusagen auf dem Weg zur Wiederwahl. Das nostalgische Drumherum der alten, der frühen Bundesrepublik soll vermitteln, dass mit Angela Merkel die gute Tradition eines stets aufwärts strebenden Landes fortgesetzt wird. Jede Station ist verbunden mit einem ihrer Lieblingsahnen unter den Bundeskanzlern: Adenauer, Ehrhard, Kohl - und auch Brandt von der SPD. In die Fußstapfen des größten Stars der Konkurrenz begibt sich Frau Merkel in Erfurt. Dort erinnert sie an den Ostpolitiker Brandt, der 1970 als einziger Kanzler vor ihr in Erfurt im Sonderzug eintraf.

Im Anfang ist Adenauer

Doch im Anfang ist Adenauer. Mit ihm beginnt die Reise am Dienstag. Auf sein Grab auf dem Waldfriedhof in Rhöndorf legt die Kanzlerin einen Kranz. Denn auf den Tag genau vor 60 Jahren wurde Konrad Adenauer im ersten Deutschen Bundestag zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Obgleich sein Bündnis mit der FDP nur eine Stimme Mehrheit hatte und Deutschland noch am Boden lag, mied er eine große Koalition. Das ist die erste Botschaft Angela Merkels auf ihrer Tour. Sie ärgert sich über den Eindruck vom Duell mit ihrem Herausforderer Steinmeier, dass die beiden heimlich weiter die große Koalition fortsetzen wollten. „Konrad Adenauer entschied sich für eine kleine Koalition“, ruft die Kanzlerin auf den Bahnhofsplätzen bei jedem ihrer Stopps. Denn er habe erkannt, dass die Idee der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard nur so umgesetzt werden konnte. In Koblenz zieht sie die historische Linie zu sich: „Ich glaube, wir stehen wieder an einer solchen Wegscheide. Wir müssen wieder die Weichen richtig stellen.“ Eine große Koalition schließt sie zwar nicht aus, aber die Wähler sollen wissen, und vor allem ihre skeptischen Anhänger da auf den Plätzen, dass sie für Schwarz-Gelb kämpfe.

Den Bogen von Adenauer über Kohl zu sich schlägt sie zudem: Adenauer habe im „Rheingold“ ihre Route nicht fahren können, die durch den Osten Deutschlands. „Das war ihm nicht mehr vergönnt, und er hätte es gern gemacht“, sagt die Kanzlerin, traurig im Ton. Die Anekdote, dass Adenauer auch schon in Vormauerzeiten im Zug ab Magdeburg immer die Vorhänge zugezogen haben soll im rheinischen Widerwillen, „diese sibirische Steppe“ nicht ansehen zu müssen, erzählt sie nicht. Sondern: „Adenauer wollte die Einheit in Freiheit. Und Helmut Kohl hat erreicht, dass es dazu kam. Deswegen kann ich heute als Kanzlerin aus Ostdeutschland zu ihnen sprechen.“ Die Westdeutschen in Koblenz und in Frankfurt klatschen dazu begeistert wie weiße Amerikaner, die Obama wählten.

Reisen wie Adenauer, und auch klingen wie er

Choreographisch hätte nicht besser gefügt werden können, dass ein weiterer Jahrestag neben dem von Adenauers Kanzlerwahl und der damit verbundenen Entscheidung für Erhards Soziale Marktwirtschaft auf den Dienstag fiel: „Vor einem Jahr brach die amerikanische Großbank Lehman Brothers zusammen“, sagt die Kanzlerin auf dem Bahnhofsvorplatz von Frankfurt am Main, die Bankentürme im Blick. „Wir haben heute die Aufgabe, dass eine solche Krise sich nicht wiederholt.“ Dann wieder die Schleife zu sich als Bewahrerin der Unions-Tradition: „Die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft müssen wir weltweit exportieren. Dafür werde ich kämpfen, schon nächste Woche auf dem G-20-Treffen in Pittsburgh.“

Die Kanzlerin redet auf ihre jeweils tausenden Zuhörer vor den Bahnhöfen ein, dass Deutschland derzeit „die schwerste wirtschaftliche Krise seit Gründung der Bundesrepublik“ erlebe. Die Lage ist historisch, diese Botschaft will die Kanzlerin wieder und wieder vermitteln, und dass nur sie wie ihre politischen Vorfahren der Union - „nur CDU und CSU“, wie Angela Merkel es umschreibt - den Weg aus der Krise weisen kann. „Sie werden in zwölf Tagen ein Stück deutsche Geschichte schreiben“, ruft sie den Wählern zu, die da aufgeregt mit „Angie“-Plakaten und selbstkopierten Merkel-Bildern winken oder aber Protestschilder hochhalten. „Sie werden mit Ihrer Stimme entscheiden, ob wir stabile Verhältnisse, Wachstum und Arbeitsplätze haben.“

Steinmeier erwähnt sie nicht, und auch nicht die SPD

So klang auch schon Adenauer, damit warb Erhard ebenso wie der vergessene Kiesinger auf den Zugreisen landauf, landab. Sie alle aber warnten zugleich deutlich vor der Alternative. „Eine solche Politik, wie die Sozialdemokraten sie machen, würde Deutschland zerstören.“ So klang das bei Adenauer 1953. Und selbst Kiesinger, der ostpolitisch eigentlich der SPD eher nah war, warnte vor seinem damaligen Koalitionspartner aus dem Wahlkampfzug heraus, er sei „erschrocken“ vor den deutschlandpolitischen Aussagen des SPD-Vorsitzenden Brandt, seinem Außenminister. Frau Merkel fährt solche Geschütze nicht auf, meidet den Namen Steinmeier und erwähnt nicht einmal die drei Buchstaben seiner Partei. Sie sagt nur, ohne die Union als Regierungspartei könne Deutschland „Wege gehen, die nicht so erfolgreich sind“. Auch das ist eine Botschaft: Kein Strategiewechsel im Wahlkampf trotz mäßigem Duellausgang.

Nach seiner „Rheingold“-Wahlkampftour 1953 errang Adenauer die absolute Mehrheit der Sitze, 1957 gar der Stimmen. Am 27. September könnten hier die Parallelen zur Erbin Merkel enden.

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