24.09.2009 · Der Autor und Marktforscher Stephan Grünewald berichtet über die Ergebnisse seiner tiefenpsychologischen Wählerbefragung. Bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen 2002 und 2005 konnte er damit das richtige Wahlergebnis vorhersagen.
Der Diplom-Psychologe Stephan Grünewald führt vor Wahlen regelmäßig tiefenpsychologische Interviews mit Wählern durch, um deren politische Präferenzen zu ergründen. 2002 hat er damit den Sieg der SPD und 2005 das Patt zwischen Union und Sozialdemokraten vorhergesagt.
Herr Grünewald, wie lautet diesmal Ihre Prognose?
Wir lagen bei den vergangenen beiden Wahlen tatsächlich näher am Endergebnis als die Demoskopen. Trotzdem stehen bei uns keine Prognosen im Fokus, sondern wir wollten in den jeweils zweistündigen Interviews von den Wählern erfahren, wie sie den Wahlkampf in der Krise erleben und verarbeiten und welche Erwartungen sie insgeheim an Politik und Politiker haben.
Und wie lautet Ihr Befund?
Diese Bundestagswahl ist sehr stark von Krisenangst überlagert. Das führt zu einem abgedämpften Wahlkampf, in dem niemand verschreckt werden soll und allgemeine Eintracht beschworen wird. Die Wähler wollen, dass sich die Politiker wie Eltern verhalten, die sich in Krisenzeiten nicht streiten, sondern zusammenraufen und ihren Kindern Sicherheit geben. Ich glaube deshalb, dass dieser Beschwichtigungswahlkampf am Ende wieder zu einer großen Koalition führen wird.
Die Deutschen wollen keine Veränderungen, selbst wenn diese aus der Krise führen würden?
Die Krise ist für viele noch imaginär, aber sie hat gerade deshalb eine traumatische Dimension. Sie ist wie ein schwarzes Loch, in dem plötzlich Sparkonten, Immobilien, Banken, ja ganze Staaten verschwinden können. Diese Vorstellung hat selbst hartgesottene Verdränger erschüttert, weil sie dagegen ohnmächtig sind. Nach dem 11. September konnte man wenigstens noch Trümmer wegräumen oder sich gegen Terrorismus wappnen, hier aber sind sie völlig hilflos. Deshalb punktet jetzt jeder, der Unterstützung und Stabilität sowie ein Ende der Krise verspricht.
Einen solchen Ausweg aus der Krise könnte man doch auch aktiv und veränderungsbereit angehen. Warum traut sich das niemand zu?
Wir haben eine ambivalente Gemengelage. Die Wähler wollen vor allem beruhigt und beschwichtigt werden, zugleich finden viele auch einen aktivierenden Ruck toll. Doch wenn die großen Parteien jetzt einen solchen ankündigen, würde das wieder alle verschrecken. Es ist ein Dilemma: Wird beschwichtigt, heißt es: Wo sind denn die Signale für Aufbruch und Zukunft? Wird zu sehr ins Horn gestoßen, laufen alle angstvoll davon.
Demnach machen CDU und SPD mit ihrem ruhigen Wahlkampf alles richtig. Warum liegt die Union in den Umfragen trotzdem so weit vor den Sozialdemokraten?
Zum einen, weil CDU-Wähler, die eher ein festgefügtes Weltbild haben und an die beste aller Welten glauben, sehr empfänglich für Beschwichtigungsbotschaften sind. Zum anderen, weil Angela Merkel, die sich meisterhaft als nationaler Schutz- und Ruheengel inszeniert, über den Parteien und Krisen zu schweben scheint und den Deutschen verheißt: Ich führe euch da durch, ihr könnt unbesorgt sein. Die aktivierende Kraft der CDU klingt so unverbindlich an, ohne die Wähler in Zugzwang zu bringen.
Wir suchen in der Krise also lieber Schutz unter Muttis Rock als unter Vaters beruhigender Hand?
Ja, vor allem weil Angela Merkel diese kümmernden und ausbalancierenden Eigenschaften verkörpert. Bei der SPD kommt hinzu, dass ihre Wähler das Gefühl haben, die Welt sei ungerecht, und sie jemanden suchen, der laut auf dieses Unrecht hinweist. Das kann Frank-Walter Steinmeier aber nicht, weil er kein Typ ist, der Massen mobilisiert, sondern eher den stillen Unterstützer gibt. Er will also einerseits nicht beschwichtigen, kann aber andererseits auch nicht attackieren, um seine Wähler zu mobilisieren. Beim Fernseh-Duell hat er diesen Spagat meisterhaft gemacht. Denn jede entschiedene Haltung, die er einnimmt, wird von den Wählern tendenziell als Verrat erlebt.
Was würden Sie ihm raten?
Er sollte auf eine große Koalition setzen und für die SPD als deren unbedingtes soziales Korrektiv werben. Freilich müsste er dafür erstmals in der Geschichte eines SPD-Kanzlerkandidaten seinen Machtanspruch aufgeben. Aber Machtansprüche legen die Wähler in Krisenzeiten ohnehin negativ aus, wenn sie den Status quo gefährden.
Warum steht die FDP so gut da?
Während der Interviews hatten wir das Gefühl, dass die FDP zu einem zwar diffusen, aber sympathischen Projektionsfeld für alle möglichen Wünsche geworden ist. Das Image als neoliberale Kampfpartei ist verblasst. Gerade Guido Westerwelle, der noch vor vier Jahren häufig als karrieresüchtiger Egomane bezeichnet wurde, wird heute als ruhiger, zuhörender und volksnaher Politiker wahrgenommen. Außerdem kann seinen Parolen mittlerweile jeder zustimmen. Wer sagt schon nein zu Sprüchen wie "Mehr Netto vom Brutto" oder "Bildung ist ein Bürgerrecht"? Darüber hinaus spricht die FDP auch eine eigene Bewältigungsstrategie an: In der Krise muss man selbst anpacken und nicht nur auf Vater Staat hoffen.
Die Linke wiederum kann von der Krise nicht so stark profitieren - warum?
Die Linke widersetzt sich dem koalitionären Schmusekurs durch Provokation. Weil der Kapitalismus seine gierige Fratze gezeigt hat, brauchen wir jetzt mehr Regeln und klare Konsequenzen. Damit findet sie zwar Zuspruch, allerdings haben viele auch Angst, am Ende selbst gemaßregelt zu werden und verzichten zu müssen. Interessant war in den Interviews übrigens, dass Angela Merkel häufig als Engel beschrieben wurde, während Oskar Lafontaine und Gregor Gysi oft als kleine Teufel gesehen wurden. Auch die tiefroten Plakate der Linken propagieren offenbar diese leicht beängstigende Gegenwelt.
Warum ist der Wahlkampf überhaupt so auf Personen fixiert?
Personen spielen eine immer größer werdende Rolle, weil ideologische Abgrenzungen zwischen den Parteien aufgeweicht oder gar nicht mehr vorhanden sind. Heute kommt es für viele darauf an, wie einzelne Politiker reden, wie sie sich geben und kleiden. Interessanterweise gleichen viele Probanden dieses Verhalten mit ihrer eigenen Krisenbewältigungsstrategie ab.
Spielen bei den Wählern Lappalien wie Ulla Schmidts Dienstwagen und Josef Ackermanns Abendessen im Kanzleramt eine Rolle?
Ja, weil sie in dem ganzen Vernebelungswahlkampf die Sehnsucht nach klaren Feindbildern bedienen.
Es gibt viele reale Probleme in Deutschland, ein kompliziertes und ungerechtes Steuersystem, ein absurd teures und bürokratisches Gesundheitswesen, Hunderttausende fehlende Kita-Plätze. Wenn in diesem Wahlkampf ein Politiker für all dies Lösungen und Aufbruch versprechen würde, hätte er Erfolg?
Es gibt sicher eine Sehnsucht nach aktivierenden Ruckgestalten, die hierzulande allenfalls Karl-Theodor zu Guttenberg bedient, der in unseren Interviews auffallend häufig genannt wurde. Wir blicken auch mit etwas Neid nach Amerika, wo Obama diese unglaubliche Aufbruchstimmung erzeugt hat. Eine ähnliche gab es hier vor der Jahrtausendwende, als dann Rot-Grün die Wahl gewann, aber sie ist jetzt durch die Krise überlagert. Die Krise killt die großen Visionsansprüche, und man ist froh, wenn man unbeschadet in die Zukunft gelangen kann.
Wer jetzt klare Lösungen anbietet, wird nicht gehört und schon gar nicht gewählt?
Er hätte es jetzt viel schwerer. Der Ruf nach Visionen ist zwar da, aber deutlich leiser.
Alles in allem geht es den Deutschen also nach wie vor so gut, dass sie den Status quo auch politisch zementieren wollen?
Letztendlich ja. Die Deutschen reden zwar immer von Veränderung, haben aber ständig Angst, dass zu viel davon den eigenen Komfortstatus gefährdet.
Ist die deutsche Politik damit auch nur ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft, der Sie in Ihrem Buch "Deutschland auf der Couch" lähmende Visionslosigkeit und coole Gleichgültigkeit attestieren?
Wir haben seit zwanzig Jahren keinen wirklichen Generationenkonflikt mehr und erleben deshalb auch kein Werben für ein neues Lebensbild. Wir leben in einer sehr ausbalancierten Gesellschaft, in der es der Jugend schwerfällt, für irgendetwas auf die Barrikaden zu gehen. Sie genießen ja auch viele Freiheiten und leben in Wohlstand. Wir sind eine überliberale Gesellschaft, in der grundsätzlicher Streit über das Leben in der Zukunft nicht mehr stattfindet. Das hat dazu geführt, dass wir heute auch nicht mehr den klassischen Parteienkonflikt haben. Wir leben in einer sehr pragmatischen, ideologiefreien Sphäre.
Das heißt, die große Koalition wird uns bis ans Lebensende regieren?
Nein. Sobald die Krise überwunden ist, werden die Aktivierungssehnsüchte wieder stärker werden. Die große Koalition bedient zwar die Beschwichtigungssehnsucht, aber langfristig ist damit auch die Gefahr verbunden, dass in dieser wattierten politischen Landschaft neue Extrempositionen entstehen.