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Wahlanalyse Die Schere schließt sich

29.09.2009 ·  Bestes, höchstes, niedrigstes - das Wahlverhalten der Deutschen bei dieser Bundestagswahl lässt sich nur unter Zuhilfenahme diverser Superlative interpretieren. Der Wähler macht die kleinen Parteien größer. Union und SPD können hingegen immer weniger auf langfristige Parteiloyalitäten vertrauen.

Von Daniel Deckers
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Bestes, höchstes, niedrigstes - das Wahlverhalten der Deutschen am 27. September lässt sich auch am Tag danach nur unter Zuhilfenahme einer bisher für kaum möglich gehaltenen Anzahl von Superlativen interpretieren. Der Verlust von mehr als sechs Millionen oder annähernd 40 Prozent der Zweitstimmen im Vergleich zur Bundestagswahl von 2005 bescherten der SPD mit annähernd zehn Millionen Zweitstimmen und einem Stimmenanteil von 23 Prozent (minus 11,2 Prozentpunkte) das absolut wie relativ schlechteste Wahlergebnis seit 1949.

Die CDU unter dem Vorsitz von Bundeskanzlerin Merkel büßte im Vergleich zu 2005 1,3 Millionen oder zehn Prozent der Stimmen ein. Aufgrund der mit 70,8 Prozent niedrigsten Wahlbeteiligung seit 1949 erzielte die CDU dennoch einen gegenüber 2005 nur geringfügig niedrigeren Stimmenanteil von 27,3 Prozent. Die Verluste der Schwesterpartei CSU waren prozentual noch höher als die der CDU. In Bayern büßte die CSU im Vergleich zur vergangenen Bundestagswahl mehr als 600 000 oder 15 Prozent der Stimmen ein. Zum Gesamtergebnis der Unionsparteien von 33,8 Prozent trug die CSU 6,5 Prozent bei.

Die drei „kleinen“ Parteien FDP, Linkspartei und Grüne erzielten ihr jeweils bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl. Mit einem Stimmenzuwachs um etwa 30 Prozent und einem Stimmenanteil von 14,6 Prozent (plus 4,7 Prozentpunkte) wurden die Freien Demokraten mehr als doppelt so stark wie die CSU. Die Linkspartei wurde am Sonntag von annähernd 5,2 Millionen Bürgern gewählt, einer Million mehr als vier Jahre zuvor. Mit 11,9 (plus 2,7 Punkte) Prozent der Stimmen verwies die aus dem Zusammenschluss von PDS und WASG hervorgegangene Partei die Grünen auf den fünften und letzten Rang der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Nach 3,8 Millionen Zweitstimmen im Jahr 2005 entfielen diesmal 4,65 Millionen Stimmen oder 10,7 Prozent auf die Grünen.

Überdurchschnittlich hoch fielen die Verluste der SPD in den neuen Ländern Sachsen-Anhalt (minus 15,9), Thüringen (minus 12,2) und Mecklenburg-Vorpommern (minus 15,2) aus. In allen neuen Ländern einschließlich Berlins gewann die CDU gegen den Trend bis zu 5,5 Prozentpunkte hinzu.

In Sachsen, Thüringen und Berlin wurde die CDU sogar stärkste Partei vor der ansonsten dominierenden Linkspartei, die aufgrund der Schwäche der SPD in den neuen Ländern erstmals auch außerhalb Berlins Wahlkreise direkt gewann, allen voran in Sachsen-Anhalt. Überdurchschnittliche Verluste erlitt die CDU in Schleswig-Holstein (minus 4,2 Punkte) und Baden-Württemberg (minus 4,8). Noch stärker (minus 6,7 Punkte) verlor nur noch die CSU.

Abwanderung ins Lager der Nichtwähler

Wer Sonntag anders als vor vier Jahren nicht mehr die SPD wählen wollte, machte nach Berechnungen des Meinungsforschungsinstituts infratest-dimap seine Stimme mehrheitlich von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch. Sie dürften am ehesten unter den fast 67 Prozent der Deutschen sein, die der Aussage zustimmen, die SPD habe ihre sozialdemokratischen Prinzipien aufgegeben. Immerhin glaubten von den verbliebenen SPD-Wählern noch fast zwei Drittel, dass ihre Partei Deutschland am besten durch die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise führen könne.

In der Gesamtbevölkerung wird diese Überzeugung indes nicht einmal von einem Viertel der Bürger geteilt. Gleichwohl wählten ehemalige SPD-Wähler nur zu einem relativ geringen Teil die Unionsparteien, obwohl fast die Hälfte der Bürger CDU und CSU im allgemeinen und Bundeskanzlerin Merkel im besonderen als Losten in der Krise vertrauen - so sehr, dass Frau Merkel nach Ergebungen der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen in der Bevölkerung ein besseres Ansehen genoss als jeder Kanzlerkandidat seit 1990.

„Taktisches“ Wahlverhalten weniger ausgeprägt als angenommen

Dennoch gaben enttäuschte SPD-Wähler eher ihre Stimme den Grünen und den Linken. Und das gleich doppelt.
Denn wer erwartet hätte, dass die Wähler bei der Bundestagswahl 2009 stärker als bisher von dem Möglichkeit der Aufteilung von Erst- und Zweitstimme auf verschiedene Parteien Gebrauch gemacht hätten, wird durch das Wahlergebnis eines besseren belehrt. Zwar ist der Anteil der Erststimmen von SPD und CDU/CSU nach wie vor deutlich höher als der Anteil der Zweitstimmen - doch im Verhältnis zu den Zweitstimmen nicht höher als zu den Zeiten in denen die „kleinen“ Parteien nicht zusammen auf mehr als 35 Prozent der Zweitstimmen kamen.

Vielmehr stieg der Anteil der Erststimmen von FDP, Linkspartei und Grünen am Sonntag fast ebenso stark wie der jeweilige Anteil der Zweitstimmen - auf die Grünen entfiel sogar ein noch höherer Zuwachs an Erst- (plus 3,8 Punkte) als an Zweitstimmen.

„Gewachsene Bedeutung der Kandidaten“

Insgesamt war das „taktische“ Wahlverhalten am Sonntag damit weniger ausgeprägt als bei allen Bundestagswahlen zuvor: Zehn Prozent der Erststimmen für die FDP in Bayern (plus 5,6 Punkte), ein nach wie vor überdurchschnittlich gutes Erststimmenergebnis der baden-württembergischen CDU von 42,5 Prozent oder auch ein besseres Erststimmenergebnis des CDU in Sachsen-Anhalt sprechen auf der Ebene der Wahlkreise die gleiche Sprache wie das Ergebnis der Konkurrenz zwischen Frau Merkel und dem SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier: Von einer „gewachsenen Bedeutung der Kandidaten“ berichtet die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen.

Gleichwohl sind die Wahrnehmungen der Bürger von den Stärken und Schwächen der Parteien als solcher nicht zu unterschätzen. Die Linkspartei wurde am ehesten von denjenigen Bürgern gewählt, die sich auf der Verliererseite der wirtschaftlichen Entwicklung sehen und das Gefühl haben, dass es in Deutschland eher ungerecht zugehe. Die Grünen stehen nach wie vor im Ruf, gute Umweltpolitik betreiben zu können - viel mehr aber auch nicht. Die Freien Demokraten rekrutierten neue Wähler vor allem unter denen, die sich von ihnen eine Neuorientierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik erhofften. Die meisten dieser Wähler, etwa 1,1 Millionen, hatten zuletzt für die Unionsparteien gestimmt - jetzt stärkten sie den „liberalen“ Flügel der künftigen Berliner Koalition. Diesen Aderlass konnten die etwa 620.000 ehemaligen SPD-Wähler, die sich am Sonntag für die Union entschieden, nicht einmal numerisch ausgleichen.

Immer weniger auf langfristige Parteiloyalitäten

Bleibt die Frage, ob das Wahlergebnis vom 27. September mit seinen extremen Ausschlägen im wesentlichen ein Reflex der Wirtschafts- und Finanzkrise ist oder ob die Krise nicht Tendenzen im Wahlverhalten der Bevölkerung verstärkt hat, die längst angelegt waren.

CDU und CSU etwa haben wieder einmal nur in der starken Gruppe der über 60jährigen ein überdurchschnittliches Ergebnis erzielt, die SPD erreichte unter den Wählern im Alter bis zu 45 Jahren kaum einen Stimmenanteil von 20 Prozent. Signifikant höhere Stimmenanteile als im Durchschnitt entfielen in den jüngeren Wählergruppen dagegen auf FDP und Grüne. Der Schluss liegt daher nicht zum ersten Mal nahe, dass CDU/CSU und SPD immer weniger auf langfristige Parteiloyalitäten vertrauen können.

Festen Rückhalt haben beide Parteien nur noch in den älteren Jahrgängen der in der alten Bundesrepublik aufgewachsenen Deutschen. Diese Kohorte wird aufgrund ihrer Größe noch lange jede Wahl und damit auch die Programmatik der Parteien entscheidend beeinflussen. Aber ihr relatives Gewicht war noch nie so gering wie am Sonntag, dem 27. September 2009.

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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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