17.08.2009 · Anders als seinem einstigen Vorgesetzten fehlt dem Kanzlerkandidaten der SPD die Mischung aus Skrupellosigkeit und unbedingtem Drang hin zum Amt. Auch im Fall Afghanistan will Steinmeier bislang nicht aus wahltaktischen Gründen von seinen Positionen abrücken.
Von Berthold KohlerWarum schickt die SPD ihren besten Mann in ein Rennen, das er nicht gewinnen kann? Usain Bolt lässt derzeit die ganze Welt hinter sich, also auch Frank-Walter Steinmeier. Während am Sonntagabend knapp zehn Millionen Fernsehzuschauer den Wundersprinter sehen wollten, brachte der Kanzlerkandidat nur achthunderttausend Deutsche vor die Geräte. Selbst „Das perfekte Promi-Dinner“ fand noch doppelt so viel Aufmerksamkeit wie Steinmeiers Soloauftritt, von der „Tatort“-Wiederholung ganz zu schweigen. Dabei hatte Steinmeier sich mit diesem Sendeformat, in dem am Ende auch noch seine Familienplanung zum Thema wurde, schon weit in das Dschungelcamp des Privatfernsehens hineingewagt.
Selbst dort aber erlag er noch nicht der Versuchung, auf die sein Vorgänger gar nicht erst gewartet hätte, um ihr nachzugeben. In ähnlich schlechter Lage fing Schröder vor vier Jahren an, Wahlkampf gegen seine Agenda 2010 zu machen. Damit brachte er die SPD aus dem Umfragetief heraus und wieder auf Haaresbreite an die Union heran.
Diese Mischung aus Skrupellosigkeit und unbedingtem Drang hin zum Amt ist bei Steinmeier nicht anzutreffen. Der Herausforderer tut sich schon schwer damit, der Kanzlerin einen unbegründeten innenpolitischen Vorwurf zu machen; das musste Müntefering für ihn erledigen. Aber auch in der Außenpolitik will Steinmeier bislang nicht aus wahltaktischen Gründen von seinen Positionen abrücken.
Das zeigt sich am deutlichsten im Fall Afghanistan. Viele in der SPD erinnern sich daran, wie blass Schröder die Konkurrenz aussehen ließ, wenn er sich das Thema Krieg und Frieden griff. Steinmeier aber bleibt dabei, den unpopulären Einsatz am Hindukusch zu verteidigen; als Außenminister kann er sich hier auch nicht so leicht wegducken wie mancher andere.
Bislang folgt ihm die Partei auf dieser Linie. Allerdings könnte der Gehorsam brüchig werden, wenn die Lage in Afghanistan sich nach der Präsidentenwahl verschlechterte oder die Lage der SPD vor der Bundestagswahl sich weiter hartnäckig nicht verbesserte. Doch würde ein plötzlicher Kurswechsel die Glaubwürdigkeit des Kandidaten und die außenpolitische Verlässlichkeit Deutschlands in Frage stellen. Abgesehen davon blieben die Union und ihre Oberstrategin kaum starr in ihren Stellungen, wenn die SPD sich anschickte, wieder Friedenspartei zu werden. Viel zu gewinnen hätte Steinmeier also auch auf dieser Bahn nicht.