05.08.2009 · Schulfreunde, Bruder, Cousine und Ehefrau beteuern: Frank-Walter Steinmeier ziehe es nicht ins Rampenlicht, er sei kein Spielmacher, sondern eher Aufgabenerfüller. Da stellt sich im ZDF-Porträt des SPD-Kanzlerkandidaten natürlich die Frage: Kann er Kanzler?
Von Tobias RütherDie beruhigende Nachricht zuerst: Gerhard Schröder redet immer noch wie früher. „Er drängelt sich nicht“, sagt der ehemalige Bundeskanzler über seinen ehemaligen Büroleiter Frank-Walter Steinmeier. Wohin, wo lang, vor wen, möchte man zurückfragen - aber da zieht einen das ZDF-Porträt über den „Kandidat Steinmeier“ schon weiter. Aber vielleicht hat auch der gezeichnete Wal abgelenkt, der durchs Bild schwamm, um den Zuschauer darauf hinzuweisen, dieser Beitrage laufe in der Reihe „Wahlwatching“ des zweiten deutschen Fernsehens.
Die Autoren des gestern Abend gezeigten Films „Kandidat Steinmeier“, Claus Richter und Ulf-Jensen Röller, haben den Außenminister begleitet auf dem Weg in den Wahlkampf, auch die vorläufige Kaltstellung Ulla Schmidts konnten sie noch mit aufnehmen. Sie haben Steinmeiers Spuren auf dem Fußballplatz in der Heimat Brakelsiek gesucht, in der Gießener Wohngemeinschaft, in der Staatskanzlei von Hannover, und schließlich haben sie seine Spuren auch dort gefunden, wo Frank-Walter Steinmeier, den die Freunde, Kollegen und Wegbegleiter in diesem Film konsequent „Frank“ oder „Frank-Walter“ nennen, schon einmal gewesen ist: im Bundeskanzleramt. Und wohin der Sozialdemokrat Steinmeier sich jetzt doch offenbar drängelt, um es mit Schröder zu sagen.
Die Macht und ihre Spuren
„Kann er Kanzler?“ Diese Frage und die nach der Macht und ihrer Spuren im Leben Frank-Walter Steinmeiers leiten die beiden Autoren durch die 45 Minuten ihres Porträts. Und auch wenn seine Schulfreunde und Mitspieler, sein Bruder, seine Cousine und vor allem seine Ehefrau beteuern, der Mann habe ein rationales Verhältnis zu dieser ominösen Macht, es ziehe ihn nicht ins Rampenlicht, er sei unauffällig, kein Spielmacher, kein Menschenfänger, eher Aufgabenerfüller: Steinmeier redet gern und oft von sich als „wir“. Und er antwortet, gefragt nach den Gerüchten über das unfreiwillige Ende seines Parteikollegen Kurt Beck als SPD-Parteivorsitzender vor einem Jahr: So ein Gerede hinter den Kulissen sei natürlich nicht schön, gehöre aber dazu, wenn man in dieser Liga spiele. (Er meint damit Beck). Steinmeier freut sich auch, sagt er einmal, dass Murat Kurnaz wieder in Deutschland Fuß gefasst habe, in jenem Land also, das sich schwer tat, den Unschuldigen aus Guantanamo wieder aufzunehmen, als Steinmeier im Bundeskanzleramt für solche Angelegenheiten zuständig war. Wer solche Profisätze sagen kann, lächelnd und ohne zu zögern, über dessen Willen zur Macht muss kein weiteres Wort verloren werden.
Das tut dieser faire Film dann auch nicht. Ihm reicht schließlich eine kurze Szene des Außenministers vor versammelter Presse, wie er auf Knopfdruck Staatsmann ist und das genießt, um alle Zweifel zu zerstreuen, dem Beamten und Kandidaten könnten Eitelkeit und Biss fehlen. Dafür zeigen Röller und Richter ausgiebig den Wahlkämpfer Steinmeier in seinem Brandenburgischen Wahlkreis, den Außenminister in Nahost und auf vergleichbar schwieriger Mission mit seiner Frau in der Talkshow von Johannes B. Kerner (und mit dem Kopf im Motorraum einer Ente). Sie zeigen einen Studienfreund Steinmeiers aus linken Gießener Tagen und hören mit ihm alten Kassetten; die „Internationale“ ertönt. Sogar ein Video aus der Gießener WG haben sie aufgetan, in der auch die heutige Justizministerin Zypries wohnte, die keinen Zweifel daran lässt, wie gründlich Steinmeier aufräumen konnte. Und die ihn schließlich nach Hannover holte, in den Stab des Ministerpräsidenten Schröder.
Der Altkanzler, ergriffen von sich selbst
Der Altkanzler ist immer wieder im Bild, einmal sogar ergriffen von sich selbst, beim entscheidenden Parteitag der SPD, als Steinmeier dann brüllen musste, dass er es können kann, das Kanzlern, und er sich dazu nicht drängeln müsse, und dass seine Partei im übrigen das Land gerettet habe mit Hartz IV. Von der Deregulierung der Finanzmärkte unter Schröder schweigt der Film leider, aber das hätte Steinmeier sicher mit vielen Worten auch getan.
Und wie nebenher fällt irgendwann der Satz, Frank-Walter Steinmeier habe sich noch keiner Wahl stellen müssen, bevor er jetzt für das Kanzleramt kandidierte. Darin ist sein Weg dem seiner Konkurrentin und Chefin nicht unähnlich. „Kanzlerin Merkel“ ist in der kommenden Woche im ZDF an der Reihe.
Sehr interessant...
Andreas Mooshammer (andimoosi)
- 05.08.2009, 02:07 Uhr
Ja, er könnte,...
Thomas Grunwald (tho_mi)
- 05.08.2009, 08:51 Uhr
Jedenfalls viel besser als Frau Dr. Merkel
Frank-Jürgen Rommel (fj.rommel)
- 05.08.2009, 09:42 Uhr
Kühler Kopf
Michael Seydlitz (pennymoney)
- 05.08.2009, 10:04 Uhr
Kann er nicht.
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 05.08.2009, 10:10 Uhr
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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