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Steinmeier Das Beta-Tier

13.09.2009 ·  Frank-Walter Steinmeier sollte Kanzler werden wollen. Eine Rolle, die ihm nicht passt: Er tut sich schwer mit seinen Auftritten, sie haben kein Herzblut, seine Botschaft kommt nicht an. Nun kämpft er um seinen Schreibtisch als Außenminister.

Von Markus Wehner
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Er müsse schnell zu Ende reden, bevor das Geläute beginne. Keiner lacht, aber der Satz ist der lockerste, den Frank-Walter Steinmeier an diesem Nachmittag zustande bringt. Ein Satz mit Selbstironie, untypisch für einen Wahlkämpfer und dadurch sympathisch. Steinmeier macht es dann wirklich kurz: „Unser Land braucht eine starke SPD, Deutschland braucht eine starke Sozialdemokratie.“ Applaus, die Ehrengäste der Partei stehen auf.

War da noch was? Wollte der Mann, der in die Menge winkt, nicht Kanzler werden? Auf dem Kirchhof neben der Leipziger Nikolai-Kirche sagt er es kein einziges Mal. Bald läuten die Glocken.

Kein Glück im Osten

Eine Woche zuvor. Auf dem Domplatz von Magdeburg fällt ebenfalls kein Wort darüber, dass hier einer Kanzler werden will. Ein Traktorenwerk von Atomkraftgegnern aus Lüchow-Dannenberg hat den Platz eingenommen, verlässt ihn just, bevor Steinmeier zu reden beginnt. Auf Anhängern wird die „Atomlobby“ als eine Herde von Schweinen mit Krawatten und in Nadelstreifen präsentiert und das Modell eines abgesägten Strommastes mitgeführt. „Lasst uns weiter stehen Seit' an Seit'!“, ruft der Kandidat den schon entschwundenen Wendland-Veteranen und jungen Punks hinterher. „Es bleibt beim Atomausstieg!“ Der Beifall für Steinmeiers Ranschmeißen an die Anti-Atomfront ist dünn.

Nein, es läuft nicht gut für den Wahlkampf des 53 Jahre alten Kandidaten, der zugleich sein erster Wahlkampf überhaupt in eigener Sache ist. In Ostdeutschland bewegt er sich auf schwierigem Gelände. Gerade zehn Prozent hat die SPD in Sachsen, der Heimat der Sozialdemokratie, bei den Landtagswahlen vor zwei Wochen geholt, bei 18 Prozent liegt sie laut Umfragen in den neuen Ländern. Die Kanzlerin ist Ostdeutsche. Der Vizekanzler will gerade deswegen hier punkten. „Nicht Helmut Kohl hat die Mauer eingerissen, sondern mutige Bürger der DDR. Das ist so, das bleibt so, und das wird nicht umgeschrieben“, probiert er eine Annäherung. Die gelingt nicht, in Magdeburg nicht und nicht in Leipzig. Kein Glück im Osten.

Steinmeier tut sich schwer mit seinen Auftritten. Sie haben kein Herzblut. Das hatten die Genossen befürchtet. Er müsse in die Rolle hineinwachsen, hatte Franz Müntefering, der SPD-Chef, um Geduld geworben. Er müsse beweisen, dass er Begeisterung auslösen könne, hatten Parteistrategen gefordert. Daraus wird nichts. Der Mann mit den weißen Haaren ist nicht Kult geworden. Seine Partei hat ihn bloß nach vorne geschoben. Und er erfüllt seine Pflicht.

Das Gegenteil von Schröder

Gelernt hat er manches. Etwa Schachtelsätze zu vermeiden oder auf Konjunktive zu verzichten. Nur noch selten „schrödert“ er, verirrt sich das Schnarren des Ziehvaters in seine Stimme. Das ist gut so, denn Anklänge an Gerhard Schröder bringen keine Punkte. Der rote Altkanzler kommt in der Rede des Kandidaten nicht mehr vor. Schröder stand für eine klare Botschaft im Wahlkampf, selbst wenn er sie, wie in der Kampagne um den Irak-Krieg, selbst erfunden hatte. Steinmeier hat all das mitgemacht, mit ausgedacht. Aber als Typ ist er das Gegenteil von Schröder. Einen Marktplatz in Bann zu schlagen, das kann er nicht.

Das überrascht nicht bei einem, der fast 50 Jahre alt war, als er Politiker werden sollte. Davor ist er anderthalb Jahrzehnte Beamter, wird Schröders Feuerwehrmann, löscht erst in Hannover, dann in Bonn und Berlin. Sympathische, aber blasse Porträts werden geschrieben über den Dr. Makellos, die graue Effizienz. „Im Grunde ist er langweilig“, sagte Peter Struck damals über ihn. Als er mit 43 Jahren Chef des Kanzleramts wird, will Schröder ihn zum Kanzleramtsminister machen. Aber Steinmeier bleibt lieber verbeamteter Staatssekretär.

Politiker will er nicht sein. Wer mit einem Alpha-Tier auf Jahre in Symbiose arbeitet, kann das nur, wenn er selbst nichts von diesem Tier in sich hat, ein Beta-Tier ist. Wenn er lieber der Mann hinter der Nummer eins bleibt. Schröder kann das schwer verstehen. Er nennt Steinmeier schon damals halb scherzend, halb ernst seinen potentiellen Nachfolger. „Der könnte das.“ Steinmeier wehrt sich. „Ich bin nicht der stellvertretende Kanzler oder Parteivorsitzende. Da setze ich eine Grenze“, zitiert ihn der „Spiegel“ im April 2003. Heute ist er genau das: Vize-Parteichef und Vizekanzler. Und Außenminister. Den Job hat er bekommen, weil der Schröder-Freund Matthias Platzeck ihn nicht wollte. Er war das Sprungbrett zum Kanzlerkandidaten. Seit er das ist, seit einem Jahr, bläst Steinmeier zur Aufholjagd. Die Werte für die SPD sind indes noch schlechter geworden als unter dem tapsigen Kurt Beck.

Steinmeier kann nicht führen

Liegt das am Kandidaten? Was macht er falsch? Steinmeier ist ein netter Typ. Er kann interessant erzählen, kann zuhören. Er lacht dröhnend, klopft Gesprächspartnern auf den Rücken. Mit ihm kann man entspannt ein Bier trinken. Er ist witzig und schlagfertig im kleinen Kreis. Er ist kein eitler Selbstdarsteller. Steinmeiers größtes Vergnügen sei es, in einer Runde von zehn Leuten mit zehn widersprüchlichen Meinungen so lange zu reden, bis alle mit dem Kompromiss zufrieden sind, sagt ein Vertrauter. Ein Moderator, ein Makler. Ein Kanzler muss allerdings führen und entscheiden können. Er muss auch den Eindruck vermitteln, dass er es kann.

Steinmeier vermittelt diesen Eindruck nicht. Mit seiner Rolle als Kandidat wird er nicht recht warm. Im Fernsehen wirkt er, wenn er sich an einen Bartisch lehnt, angestrengt locker. Seine Antworten bleiben matt, gehen oft an der Frage vorbei. Nur wenige Bürger rechnen damit, dass er das TV-Duell mit Angela Merkel am heutigen Sonntag gewinnt.

Auch im Berliner Binnenbetrieb erscheint der Kandidat mitunter seltsam zaudernd. Bei Interviews, so erzählen sich Berliner Journalisten, schalten sie zwischendurch die Aufnahmegeräte ab, so lange schweigt Steinmeier manchmal, bis er endlich antwortet. Am Anfang schien das dem Ungewohnten des Politikerdaseins geschuldet, doch vier Jahre später ist es immer noch so. Es kommt vor, dass Steinmeier auf eine harmlose Frage vierzig Sekunden nichts sagt, bis die Beklemmung kaum noch auszuhalten ist. Dann gibt er eine mehr oder weniger banale Antwort. Er habe Angst, Fehler zu machen, sagen Leute, die ihn gut kennen. Manchmal hilft ein Sprecher mit einer passenden Formulierung. Den Eindruck eines Chefs macht Steinmeier dann nicht.

Das Schreckgespenst Schwarz-Gelb zieht nicht

Im Wahlkampf setzt er auf das Schreckgespenst Schwarz-Gelb: Mindestlöhne weg, Kündigungsschutz weg, Unternehmensteuern runter, Mehrwertsteuer rauf - so lautet das Horrorszenario. Die SPD beschreibt er als Verhinderungsmacht. Ob das verfängt? Angela Merkel greift er nicht an, allenfalls die CDU. Die führe ein lausiges Theaterstück auf. „Bloß nicht auffallen“ sei der Titel. Die Regisseure kenne er nicht, es seien „irgendwelche CDU-Strategen“. Natürlich führt die Kanzlerin die Regie. Das weiß Steinmeier, aber er sagt es nicht.

„Bloß nicht auffallen“ ist auch sein Stück. Ein Wahlkampfteam mit 19 Leuten zu präsentieren, deren Namen und Gesichter sich keiner merken kann, ist ein besonders gelungener Akt dieses Dramas. Das ist allein dazu gut, Eitelkeiten in der SPD zu befriedigen. Für den Wahlkampf ist es ein grober Fehler. Ein Team mit 5 bis 6 Leuten, bekannte Gesichter und neue Kräfte, die je zwei, drei Forderungen präsentieren, das hätte Schwung in den Wahlkampf bringen können. Auch das ist typisch Steinmeier: allen wohl und keinem wehe.

Nicht alles ist den Unzulänglichkeiten des Spitzenmannes geschuldet. In ihrer jüngeren Geschichte hatte die deutsche Sozialdemokratie problematischere Kandidaten. Rudolf Scharping hatte mehr Schwächen, und der selige Johannes Rau wirkte auf der Wahlkampfbühne seltsamer als Steinmeier heute. Dessen größtes Problem ist, dass er einen aussichtslosen Kampf führt. Ihm fehlt die strategische Option, Kanzler zu werden. Die SPD kann die Machtfrage nicht stellen. Rot-Rot-Grün hat sie ausgeschlossen. Die Ampel, des Moderators ursprüngliche Machtoption, hat die FDP so vernagelt, dass der Kandidat sie nicht einmal mehr in den Mund nimmt. Selbst in Fernseh-Fragerunden umschreibt er sie nur noch als „die anderen Varianten, die Sie kennen“, falls es für Rot-Grün nicht reiche. So igitt ist ein Bündnis mit den Freidemokraten im Wahlkampf.

Das Unterbewusstsein spielt einen Streich

Denn für diesen braucht Steinmeier die FDP als Gegner. Der Westerwelle solle ja Außenminister werden, sagt er. „Buuuh!!“ entfährt es da den SPD-Anhängern. Und auch Guttenberg solle Außenminister werden. „Was wird das für eine Paarung an dem Schreibtisch?“, sagt Steinmeier. Der Gag ist nicht gelungen, aber es ist der ehrlichste Moment in seiner Rede. Denn es ist sein Schreibtisch, um den er kämpft. Der Schreibtisch des zweiten Mannes. Außenminister und Vizekanzler - das ist die Rolle, die genau auf ihn passt. Er kämpft auch darum, es bleiben zu können.

Steinmeier steht für Schwarz-Rot. Das ist seine Zeit als Politiker. Er hat davor eine Zeit, deren Schatten er bisher nicht los wird, in der die Agenda 2010, Murat Kurnaz oder der Irak-Krieg vorkommen. Den letzten Punkt will Steinmeier, und das zeugt von seiner Ratlosigkeit, selbst 2009 noch einmal nutzen. „Wer hat denn nein gesagt, als George Bush für den Irak-Krieg getrommelt hat?“, fragt er im Schröderschen Mantra die wenigen hundert Zuhörer auf dem Domplatz von Magdeburg. Dann spielt dem Vizekanzler der großen Koalition das Unterbewusstsein einen Streich. „Es war die CDU!“ ruft er. Und dann, nach einer Schreckzehntelsekunde: „Es war die SPD!“ Eine Genossin in der vordersten Reihe schlägt entsetzt die Hände vors Gesicht. Kein Problem. Frank-Walter Steinmeier muss nicht gewinnen. Es reicht ihm, wenn er als Zweiter wieder dabei ist.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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