07.06.2009 · Er ist der Wahlkampfchef der SPD. Jahrelang war der 46 Jahre alte Kajo Wasserhövel die rechte Hand von Franz Müntefering und sein engster Vertrauter. Nun will er Politiker werden, aber nicht in seiner Heimat, dem Münsterland, sondern im Osten der Bundesrepublik.
Von Markus Wehner, BerlinDie Stimmung ist aufgepeitscht. Wieder einmal beharken sich Grün-Alternative mit den ganz Linken, den Jusos, Sozialisten und Kommunisten. Schon sind viele Anwesende genervt vom ätzenden Streit über ein Aktionsmodell für die nächste Polit-Kampagne. Es wächst die Gefahr, dass viele den Saal verlassen.
Da ergreift einer das Wort und sagt, nun sollten alle aufstehen, die seinen Vorschlag unterstützten. Fast alle erheben sich. „Ja, gut, dann ist doch alles klar“, sagt der Redner. Seine Gegner, die eigentlich die Mehrheit hätten, hat er überrumpelt. Eine typische Kajo-Aktion. Die Studentenversammlung an der Uni Münster ist zwanzig Jahre her. Und Kajo ist längst nicht mehr Spitzenkandidat der damals linksradikalen Münsteraner Juso-Hochschulgruppe. Auf seine Tricks hoffen heute viel mehr Menschen. Eigentlich die ganze SPD. Denn Karl-Josef, genannt Kajo, Wasserhövel ist oberster Wahlkämpfer der Sozialdemokraten.
Ein neuer Wind im Willy-Brandt-Haus
Er ist der Herr der „Nordkurve“, wie er die zwei Stockwerke des Willy-Brandt-Hauses getauft hat, in denen die SPD ihre Kampagne steuert. Das Haus und seine 230 Mitarbeiter hat Wasserhövel fest im Griff. Seit er vor neun Monaten als Bundesgeschäftsführer zurückgekommen ist, weht wieder ein anderer Wind. Schluss mit Ponyhof.
Als Erscheinung ist Wasserhövel unauffällig. Stets im dunkelgrauen Anzug, weißen Hemd und ohne Krawatte wirkt der 46 Jahre alte Brillenträger immer etwas jungenhaft, ein gealterter Harry Potter. Manche glauben, dass er zaubern kann. Wie 2005, als Gerhard Schröder die Brocken hinschmiss und nur 13 Wochen blieben bis zur Bundestagswahl.
Loyal, verschwiegen, zurückgenommen
Wasserhövel war überzeugt, dass noch etwas gehe gegen Angela Merkel und Guido Westerwelle. Man ließ ihn machen. Fast hätte es gereicht. Dass die Abgeordneten der SPD-Fraktion heute trotz trauriger Umfragewerte für ihre Partei ruhig sind, hat auch damit zu tun, dass sie Kajo, dem Organisationsgenie, vertrauen. Der hatte nie so viel Macht wie heute.
Es ist geliehene Macht. Sie stammt von Franz Müntefering. Seitdem er vor 14 Jahren Redenschreiber des damaligen nordrhein-westfälischen Arbeitsministers wurde, ist Wasserhövel an Münteferings Seite, egal, ob der Bundesgeschäftsführer, Generalsekretär, Parteivorsitzender oder Minister und Vizekanzler war. Er ist der engste Vertraute des SPD-Chefs, sein erster Ansprechpartner, der Mann, vor dem Müntefering keine Geheimnisse hat.
Loyal, verschwiegen, unersetzbar - für Franz Müntefering
Unverzichtbar - so wird seine Rolle für Müntefering beschrieben. Wasserhövel managt die Partei für ihn. Als Müntefering im vergangenen Jahr nach dem Rücktritt von Kurt Beck gefragt wurde, ob er wieder SPD-Vorsitzender werde, machte er es zur Bedingung, dass auch sein Vertrauter im Willy-Brandt-Haus dabei sein müsse.
„Franz Müntefering ist ein toller Chef, er ist sehr angenehm im Umgang, aber er ist auch fordernd“, sagt Wasserhövel. Eine weiterführende Antwort ist von ihm nicht zu erwarten. Seine Vertrautheit, seine Zuneigung zu Müntefering würde er nie zelebrieren. Wasserhövel ist absolut loyal, verschwiegen, zurückgenommen. Einer, der viele Jahre keine Hintergrundgespräche mit Journalisten führte. Einer, der abends nicht auf Empfänge ging, sondern zu seiner Frau und seinen beiden 1990 und 1992 geborenen Söhnen. Der ihnen und den Freunden versprach, dass er bald mehr Zeit haben werde, nach dem nächsten Projekt, der nächsten Wahl, und der das Versprechen nie halten konnte.
Müntefering im Quadrat
Einer, der die öffentliche Person von der privaten trennt und sein Vertrauen nicht auf viele Menschen verteilt. Noch heute umgibt er sich am liebsten mit denen, die er zehn Jahre und länger kennt, wie seine frühere Büroleiterin Svenja Hinrichs, die schon als Studentin für ihn arbeitete. Ein verschlossener Alleiner, Müntefering im Quadrat. Doch nun ist etwas anders geworden. Wasserhövel will Politiker werden. Er kandidiert für den Bundestag im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick.
Kürzlich im Innenhof des Rathauses Köpenick, bei einer SPD-Veranstaltung zur Europa-Wahl: Wasserhövel und Müntefering treten gemeinsam auf. Sie sind zusammen vom Willy-Brandt-Haus gekommen. Es ist ein kalter, aber amüsanter Abend. „Franz, ich freue mich, dass du heute hier bist“, sagt Wasserhövel. „Ich bedanke mich bei Kajo, dass er mich eingeladen hat, hier dazuzukommen“, sagt Müntefering. Wie denn so Wahlkampf als Kandidat sei, will Müntefering auf der Bühne von seinem Ziehsohn wissen. „Ich habe so lange zugucken können bei dir“, sagt Wasserhövel, „aber das meiste habe ich schon wieder vergessen.“ Dann bricht er in ein kurzes, schrilles Lachen aus.
Der Satz ist wirklich komisch. Denn Wasserhövel hat nichts vergessen. So ähnlich er Müntefering vom Naturell her ist, so viel hat er auch abgeguckt. Er hat das System Müntefering von Nähe und Distanz verinnerlicht, in das man sich hineindienen muss. Er hat es gelernt, Entscheidungen durchzuziehen, ohne sie zu erklären. Er hat damit gedroht, Dinge „zum Franz zu tragen“, wenn er auf Widerspruch stieß. Er hat es sich angewöhnt, wie Müntefering durch bedeutungsvolles Schweigen zu beeindrucken, die Karten eng an der Brust zu halten und zu bluffen, die eigene Unsicherheit hinter einem Verbalpanzer zu verbergen. Und er hat es gelernt, das Grobe zu exekutieren, hart zu sein. „Wenn ich an einer Sache dran bin, dann bleibe ich dran“, sagt er.
Leithammel von „Müntes Boy Group“
Zugefallen ist Wasserhövel wenig. Er wächst in Bocholt im westlichen, katholischen Teil des Münsterlandes auf. Als Schüler bleibt er in der fünften Klasse sitzen, ein Jahr später fliegt er wegen seiner schlechten Noten vom Euregio-Gymnasium. „Es muss auch Leute geben, die zur Müllabfuhr gehen“, sagt ein Lehrer zu ihm. Der Junge kämpft. Er quält sich durch die Realschule, tritt mit 14 aus der katholischen Kirche aus, engagiert sich politisch.
Politik spielt immer eine große Rolle zu Hause, der Vater, kaufmännischer Angestellter, ist im SPD-Ortsverein aktiv. Wasserhövel tritt mit 16 in die SPD ein, macht in der Friedensbewegung mit. Er geht ein zweites Mal aufs Gymnasium, schlägt sich durch bis zum Abitur. „Ich habe es im Leben immer so empfunden, dass ich den Berg rauf kämpfen musste“, sagt er.
Nach dem Studium der Neueren Geschichte, das er 1991 mit einer Magisterarbeit über die Anfänge der Umweltpolitik der SPD abschließt, wird er umgehend hauptamtlicher Juso, Organisationssekretär im SPD-Bezirk Westliches Westfalen. Zu Müntefering holt ihn dessen langjähriger Vertrauter Matthias Machnig, heute Staatssekretär im Umweltministerium von Sigmar Gabriel. Machnig ist das personifizierte Selbstbewusstsein, ein Polit-Derwisch, der mit Ideen und Konzepten jongliert, ein idealer Sparringspartner für den nüchternen Müntefering. Machnig denkt sich die „Kampa“ aus, die SPD-Wahlkampfzentrale im Schröder-Wahlkampf 1998. Er ist der Leithammel von „Müntes Boy-group“, zu der Wasserhövel und der spätere Wowereit-Sprecher Michael Donnermeyer gehören.
Verhinderter Generalsekretär
Doch Machnig probt den Aufstand, sucht die Emanzipation von Müntefering. Im Wahlkampf 2002 inszeniert er sich als eigenständige Figur, legt sich mit dem Kanzleramt an, schließlich trennt er sich vom mächtigen Franz. Es ist ein Vater-Sohn-Konflikt, der mit der Abnabelung endet. Wasserhövel sieht das als Verrat an. Sein Verhältnis zu Machnig ist seitdem zerstört. Wasserhövel will nicht weg von Müntefering, er will dessen Erwartungen erfüllen, am besten, bevor er sie formuliert. Er wird immer wichtiger für seinen Chef, der Fraktions- und schließlich auch Parteivorsitzender der SPD wird.
Ein Politiker aus eigenem Recht aber ist Wasserhövel nicht, will es auch nicht sein. In den Augen vieler Genossen ist er nur der Erfüllungsgehilfe des Vorsitzenden, der die Partei in Zeiten der Agenda 2010 mit harter Hand führt. Nach der Bundestagswahl 2005 will Müntefering seinen Intimus zum SPD-Generalsekretär machen, so die Belastung von Ministeramt und Parteivorsitz schultern.
Gescheitert mit dem „System Müntefering“
Doch die Partei wehrt sich. Sie will keinen Basta-Stil mehr, sie will einen Generalsekretär, der Diskussionen zulässt, keinen Organisationsleiter nach innen, der per Ukas die Regierungspolitik durchpeitscht. Wasserhövel wird in der Partei und den Medien als Schatten Münteferings beschrieben, als leidenschaftsloser Kofferträger, das böse Wort vom Generalsekretär à la Stalin macht die Runde. „Der Kandidat Wasserhövel war genau die Bestätigung für eine Entwicklung der Partei, die keiner mehr wollte“, sagt ein Genosse.
Statt seiner soll die temperamentvolle Schröder-Kritikerin Andrea Nahles Generalsekretärin werden. Müntefering aber zieht seinen Kandidaten nicht zurück. Die Partei soll folgen. Wasserhövel sieht seine Niederlage kommen, er leidet, aber muss schweigen. Ein offener innerparteilicher Streit soll in Zeiten von Koalitionsverhandlungen vermieden werden. Wasserhövel verliert die Wahl krachend mit 23 zu 14 Stimmen. Der Fehler ist gemacht. Müntefering tritt als SPD-Chef zurück.
Für Wasserhövel ist das eine bittere Erfahrung. Zum ersten Mal hat er für ein wichtiges Amt kandidiert und gleich verloren. Der verhinderte Generalsekretär hadert lange mit der Niederlage. Gescheitert ist nicht nur er, sondern auch das System Müntefering, in dem es immer nach oben ging. Wasserhövel geht mit Müntefering ins Arbeitsministerium. Er wird Riegenführer der sozialdemokratischen Staatssekretäre, verhandelt mit der Union, etwa mit Kanzleramtschef Thomas de Maizière. Beim Koalitionspartner fürchtet man seine Tricks und schätzt seine Zuverlässigkeit bei Absprachen.
In der Heimat ohne Glück- erfolgreich in Treptow-Köpenick?
Im November 2007 tritt Müntefering als Vizekanzler und Minister zurück, um seine todkranke Frau zu pflegen. Wasserhövel ist nun allein. Der neue Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier fragt ihn, ob er im Auswärtigen Amt die Regierungsarbeit der SPD-Ministerien koordinieren will. Wasserhövel lehnt ab. Gegenüber dem Schröderschen Politik-Stil war er immer skeptisch, mit Steinmeier hat es nie ganz funktioniert.
Ob Müntefering zurückkommt, ist damals ungewiss. Wasserhövel muss auf eigenen Beinen stehen. Die Umstände zwingen ihn zum Emanzipationsversuch. Er bewirbt sich um eine Bundestagskandidatur im Hochsauerlandkreis, bis 1998 der Wahlkreis von Franz Müntefering. Doch den will auch der örtliche SPD-Landtagsabgeordnete Karsten Rudolph. Es kommt zu zwei SPD-internen Vorstellungsrunden im Sommer 2008. Der Staatssekretär aus Berlin zieht die Kandidatur am Ende der zweiten Runde zurück. Auch in seiner Heimat, dem Münsterland, hat er kein Glück auf der Suche nach einem Wahlkreis. Erfolgreich ist er im Osten, in Treptow-Köpenick. Den Berliner Wahlkreis hat zuletzt der Linkspartei-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi gewonnen. Dem fühle er sich „rhetorisch und intellektuell durchaus gewachsen“, sagt Wasserhövel. Es sei ausgeschlossen, dass er gegen Gysi gewinne, sagen sie in der SPD.
Später Emanzipationsversuch
Sein Emanzipationsversuch von Müntefering komme spät, sei überfällig, meinen viele Genossen. „Wer den Vatermord scheut, stirbt irgendwann mit dem Vater“, sagt einer. Andere finden, das Abgeordnetengeschäft mit Bürgersprechstunde und Feuerwehrfest sei nichts für den kühlen Taktiker aus dem Apparat. Dabei konnte Wasserhövel, so berichten alte Freunde, schon als Studentenpolitiker eine Vollversammlung mit einer Rede drehen. Danach wirkt es heute nicht mehr. Vielleicht gehört auch das zum Preis, den er gezahlt hat, unverzichtbar für einen Mann zu werden.
Als Jugendlicher begeisterte sich Wasserhövel für das Segelfliegen. Er wollte Pilot werden. Doch dafür hätte er zur Bundeswehr gemusst. Mit dem Engagement in der Friedensbewegung ging das nicht. Die Flughöhe für eine Politiker-Karriere hat er dennoch erreicht. Er hat sich den Berg hoch gekämpft, aber mehr noch hat ihn Franz Müntefering nach oben gezogen. Fliegen müsste er selbst.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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