01.09.2009 · Die SPD weist ein rot-rotes Bündnis im Bund von sich. Kommt es anders, lohnt der Blick in ein Papier von Parteivize Nahles: „Wer Unternehmern und den Finanzfonds freie Hand lässt, verhindert Demokratie“, steht da. Noch mehr Positionen klingen kompatibel mit denen der „Linken“.
Von Andreas Mihm und Kerstin SchwennNach den Wahlen vom Wochenende sind in Thüringen und im Saarland rot-rot-grüne Bündnisse möglich. Die Prognosen für die Bundestagswahl lassen eine solche Koalition trotz aller Beteuerungen der SPD auch im Bund nicht unmöglich erscheinen. Dies lässt eine programmatische Schrift von Andrea Nahles und Jon Cruddas über eine „gute Gesellschaft“ in einem neuen Licht erscheinen.
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende, der gute Chancen auf den Parteivorsitz nachgesagt werden, und Cruddas, der den Sprung auf den Vizeposten der britischen Labour Party nur knapp verpasst hat, veröffentlichten das Papier im April als Gegenentwurf zum sogenannten Schröder-Blair-Papier zum „dritten Weg“ der Sozialdemokratie aus dem Jahr 1999. Doch während Schröder und Blair den Weg der Sozialdemokraten eher in die Mitte der Gesellschaft lenken wollten, steuern Nahles und Cruddas beherzt nach links. Tenor: Staatsaktivitäten ausbauen, die Privatwirtschaft regulieren.
Das Papier erscheint kompatibel mit Positionen der „Linken“
Das Papier der „Demokratischen Linken“ enthält dabei viele Positionen, die mit der PDS-Nachfolgepartei „Die Linke“ kompatibel erscheinen - kompatibler als das Wahlprogramm, das noch die Handschrift von Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Franz Müntefering trägt. Mit der Schröder-Zeit, die nachwirkt, rechnet Nahles ab: Die SPD der „Neuen Mitte“ habe dem „globalisierten Kapitalismus zu unkritisch gegenübergestanden und die zerstörerischen Kräfte eines unregulierten Marktes unterschätzt“.
Die Schlussfolgerungen der SPD- und Labour-Linken sind unmissverständlich: „Der Markt kann Freiheit nicht gerecht verteilen, und es ist daher notwendig, eine politische Gemeinschaft zu schaffen, um über eine faire Verteilung der Ressourcen zu entscheiden.“ Dazu sei eine Umstrukturierung der Wirtschaft notwendig. Darunter verstehen die Autoren eine Verstärkung staatlicher Eingriffe, die Regulierung „öffentlicher Dienstleistungen - Energienetze, Verkehr, Postdienst, öffentliche Banken und öffentliche Dienste“. Zudem soll gewährleistet sein, dass in der privaten Wirtschaft Arbeitnehmer die Geschäftsentscheidungen ihrer Unternehmen mitbestimmen können.
„Wer Unternehmern freie Hand lässt, verhindert Demokratie“
In der europäischen Sozialdemokratie längst überwunden geglaubte Sozialisierungsvorstellungen werden wach: „Traditionelle Unternehmen müssen durch die Einführung einer globalen Wirtschaftsdemokratie mit definierten Informations-, Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechten der Arbeitnehmervertretung einer demokratischen Aufsicht unterstellt werden.“ Das klingt wie das Wahlprogramm der Linkspartei: „Als erster Schritt muss der Finanzsektor unter demokratische Kontrolle gestellt werden.“ Oder: „Wer Unternehmern und den Finanzfonds freie Hand lässt, verhindert Demokratie.“
Nahles meint, nach den Erfahrungen der Finanzkrise müsse die übergeordnete Stellung der Politik über die Finanzmärkte wiederhergestellt werden: „Ein neuer Regulierungs- und Überwachungsrahmen wird die Rolle des Bankwesens, seine Funktionsweise in der Praxis sowie das Vergütungssystem von Führungskräften regulieren.“ Zur Bewältigung der Wirtschaftskrise verlangen sie und der Labour-Mann eine koordinierte EU-Konjunkturpolitik - um so einen besseren Kompromiss zwischen erhöhter Verschuldung und einem wirkungsvollen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Die Europäische Zentralbank (EZB) solle reformiert werden und neben der Preisstabilität „gegebenenfalls auch andere soziale Ziele“ verfolgen, etwa die Verringerung der Arbeitslosigkeit. Bei der Linkspartei heißt das: „Die Europäische Zentralbank gleichrangig auf Preisstabilität, nachhaltige Entwicklung und Beschäftigung verpflichten: EZB durch das Europäische Parlament und den Rat der Wirtschafts- und Finanzminister kontrollieren.“
Die Sozialpolitik soll in der Welt der SPD- und Labour-Linken einen größeren Stellenwert bekommen: „Die Erfahrung hat gezeigt, dass durch eine zu starke Fokussierung auf die persönliche Verantwortung des Einzelnen Ängste und soziale Unsicherheiten unter den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft entstehen können, gerade in der Rezession.“ Anspruch auf Sozialleistungen sei ein Bürgerrecht: „Wir müssen mit einer Kombination aus Sozialleistungen und sozialer Infrastruktur Menschen aus der Armut befreien und die Nachfrage ankurbeln.“ Weiter heißt es, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen müssten flexibler, ein Mindestlohn eingeführt, die Qualifizierungsagenda radikalisiert und die Mitbestimmung ausgebaut werden.
Wirtschaft irritiert über Landtagswahlergebnisse
Irritiert hat sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) über die Ergebnisse der Landtagswahlen und die Möglichkeit von rot-rot-grünen Bündnissen im Saarland und in Thüringen geäußert. BDI-Präsident Hans-Peter Keitel rief die SPD auf, mit der CDU zu koalieren und nicht mit der Linken: „In allen drei Ländern besteht die Möglichkeit der Zusammenarbeit der Parteien, die sich eindeutig zur sozialen Marktwirtschaft bekennen. Diese Chance sollte genutzt werden.“ Mit Blick auf die Bundestagswahl fügt er hinzu: „Sicher ist, dass noch alles offen ist.“
Die Wähler müssten für eine stabile Regierung sorgen. Wohlstand zu erwirtschaften und neue Arbeitsplätze zu schaffen, „das geht nur mit der Wirtschaft“. Deutschland brauche keine wirtschaftsfeindliche, sondern eine wachstumsorientierte Politik. Für Patrick Adenauer, Chef des Familienunternehmerverbandes ASU, zeigen die Wahlergebnisse eine deutliche Flucht aus der großen Koalition. CDU und SPD habe es nicht geholfen, „dass sie bisher keine klaren Perspektiven aufzeigen, wie es für unser Land nach der Krise weitergeht“. Nur an die nächste Wahl zu denken reiche nicht.
Dirk Martin, Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer, nannte es entscheidend, dass sich politische Konstellationen bildeten, die auch der jungen Generation neue Perspektiven eröffneten: „Wir brauchen dringend ein klares Bekenntnis zu einer konsequenten Wachstumspolitik. Dazu gehören vor allem Reformen des Steuerrechts, insbesondere mehr Netto für die Arbeitnehmer. Nur nachhaltiges Wachstum sorgt für sichere Arbeitsplätze, solide Haushalte und bessere Bildungschancen.“
"Wer Unternehmern freie Hand läßt, verhindert Demokratie"- Nahles ! ---
Peter Herbeck M.A. (peterherbeck)
- 01.09.2009, 16:11 Uhr
Ich bin dafür.
Peter Keul (hildennet)
- 01.09.2009, 16:19 Uhr
Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen!
Ralf Sträter (Ralf1969)
- 01.09.2009, 16:22 Uhr
Demokratische Kontrolle ist eine Selbstverständlichkeit
Paul Rabe (heidelpaul)
- 01.09.2009, 16:33 Uhr
Sehr geehrte Frau Nahles, sehr geehrte SPD
Jörg Paßlack (del64)
- 01.09.2009, 16:54 Uhr