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Sigmar Gabriel Ein Verkäufer und Selbstvermarkter

06.10.2009 ·  Dass die SPD einen Spitzenverkäufer in ihren Reihen hat, weiß die Partei schon lange. Seit fast zwanzig Jahren empfiehlt sich Sigmar Gabriel mit einschlägigen Talenten. Nun wählen die Genossen mit ihm ausgerechnet einen Schröderianer zum Vorsitzenden.

Von Stefan Dietrich
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Ohne eine schlagkräftige Verkaufsabteilung hat auch das beste Produkt keine Chance am Markt. Zur Hälfte ist das Verkaufen eine Kunst, die man erlernen kann. Die andere Hälfte des Erfolgs basiert auf gewissen natürlichen Gaben und Eigenschaften. Melancholiker, die immer das Haar in der Suppe suchen, gehören in die Controlling-Abteilung, die die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens überprüft, aber nicht verbürgt; die tatendurstigen Strategen und cholerischen Umkrempler, die Widerstände aller Art als persönliche Herausforderung annehmen, gehören eigentlich an die Spitze. Ganz schwer haben sie es, wenn sie sich erst an der Kundenfront bewähren müssen.

Dass die SPD so einen Spitzenverkäufer in ihren Reihen hat, weiß die Partei schon lange. Seit fast zwanzig Jahren empfiehlt sich Sigmar Gabriel mit einschlägigen Talenten. Schon mit seiner ersten Kandidatur zum niedersächsischen Landtag nahm er der CDU im Wahlkreis Goslar das Direktmandat ab. 1998 brachte er es dort auf 55 Prozent der Stimmen. Im Jahr der „Schröder-Wahl“ lag er damit allerdings bloß um sieben Punkte über dem Zweitstimmenergebnis der SPD.

Draufgänger versus Kleingeister

Bei der jüngsten Bundestagswahl hat er den Abstand zwischen seinem persönlichen Stimmenanteil und dem der SPD nun auf stolze 22 Punkte erhöht. Mit dem sechstbesten Ergebnis aller Wahlkreisbewerber der SPD demütigte er zugleich all die Kleingeister in seiner niedersächsischen Partei, die ihm den ersten Platz auf der Landesliste verweigert hatten. Ganz Draufgänger, ließ er daraufhin die Liste Liste sein und setzte alles auf die Karte Direktmandat.

Was haben die niedersächsischen Genossen bloß gegen einen Mann, der ihnen solche Ernten einfährt? Die Kluft ist am besten zu erklären mit dem natürlichen Gegensatz von Controlling und Verkauf. Gabriel hat seine Verachtung für den Funktionärskörper seiner Partei - die Linienrichter und Kontrolleure - nie verhohlen. Schon als Jungpolitiker mäkelte der Deutsch- und Gemeinschaftskundelehrer an der „Lehrer- und Beamtenpartei“ SPD herum, verfasste Positionspapiere, in denen er ideologische und organisatorische „Verkrustungen“ anprangerte und beklagte, dass „die SPD-Mitgliedschaft einen immer kleineren Teil der Bevölkerung repräsentiert“.

Rhetoriker mit Polemik und Witz

Im Landtag deklassierte er die alten Hasen seiner Fraktion mit seinem rhetorischen Glanz. Stieg Gabriel in die Bütt, zogen die Abgeordneten von CDU und FDP die Köpfe ein. Mit Polemik und Witz rettete er manche heikle Situation für die Regierung Schröder. Oft aber meldete er sich auch ungefragt zu Wort und durchbrach die parteipolitische Hackordnung mit Äußerungen entgegen der Parteilinie. Zum Beispiel mit der Forderung, in Niedersachsen Studiengebühren einzuführen. In der Spätphase des Ministerpräsidenten Schröder wagte er sogar gegen den „Bonapartismus in der SPD“ aufzumucken. Schröder imponierte das - das war ganz er, der Risikospieler Schröder, in seiner Sturm-und-Drang-Zeit. Die alten Hasen aber moserten: „Schaumschläger!“ „Selbstdarsteller!“ - und wählten zweimal die größten Langweiler aus ihren Reihen zu Fraktionsvorsitzenden. Erst 1998 kamen sie an Gabriel nicht mehr vorbei.

Und hatten sie etwa nicht recht gehabt? Kaum gewählt, erklärte der neue Fraktionsvorsitzende seiner verdutzten Kollegenschar, wie er sich die Modernisierung der alten Tante SPD vorstelle. Nämlich so: Die Partei sei künftig als „Dienstleistungsunternehmen“ zu führen, ihr Wahlprogramm ein „Produkt“, welches „das Unternehmen SPD-Niedersachsen am Markt verkaufen“ müsse. Die Controlling-Abteilung stöhnte über einen solchen Verkäufer ihrer sozialdemokratischen Seelen. Als Gabriel dann auch noch das Schröder-Blair-Papier - die erste „neoliberale“ Kriegserklärung der SPD an die Gewerkschaften - in den höchsten Tönen lobte, sahen seine Kritiker alle ihre Vorurteile bestätigt.

Ein unsicherer Kantonist, ein Irrlicht?

Dennoch wurde er Ministerpräsident. Bundeskanzler Schröder selbst sorgte dafür, dass Gabriel Nachfolger des Ende 1999 über Affären gestürzten Ministerpräsidenten Glogowski wurde. Die Unterstützung seiner Partei konnte er ihm freilich nicht sichern. Die bekam der umtriebige Regierungschef auch dann nicht, als Gabriel sich in seinem ersten Wahlkampf als niedersächsischer Spitzenkandidat gegen seinen Mentor Schröder wandte, die „sozial unausgewogene Reformpolitik“ der Bundesregierung geißelte und die Wiedereinführung der Vermögensteuer forderte. Für die Linken in der SPD blieb er ein unsicherer Kantonist, ein Irrlicht, und für Schröder war er damit erst einmal gestorben. Bei der Landtagswahl im Februar 2003 ging Gabriel krachend unter.

Mit 40 der jüngste Ministerpräsident Deutschlands; mit 43 der jüngste ehemalige Ministerpräsident. Nur einer glaubte da noch an ihn: er selbst. Wo hat er bloß dieses unzerstörbare Selbstbewusstsein her? Als Kind zwischen seinen getrennt lebenden Eltern hin- und hergerissen, muss er von beiden Seiten vergöttert worden sein. Vielleicht waren es auch die Jugendjahre bei den „Falken“, in denen er entdeckte, was in ihm steckt: der Fähnleinführer, auf den man hörte, der Alleinunterhalter und Muntermacher. Die Volkshochschule jedenfalls, das war klar, war nicht die Bühne für seine Talente. Nach dem Sprung von Goslar nach Hannover stellte er fest, dass er auch dort die meisten altgedienten Politiker an Intelligenz überragte und mit Schlagfertigkeit in die Tasche steckte. Erst die eigene Überheblichkeit zeigte ihm seine Grenzen. So wurde aus dem Mann, der das „Produkt SPD“ neu erfinden wollte, der Selbstvermarkter eines neuen Sigmar Gabriel.

Als Umweltminister ging er auf die „Atommafia“ los

Die Chance dazu verschaffte ihm zunächst sein fulminantes Direktwahlergebnis in der ersten Bundestagskandidatur (52,3 Prozent), kurz darauf der SPD-Vorsitzende Müntefering mit der unverhofften Nominierung Gabriels für das Amt des Bundesumweltministers. Als Naturbursche war der rundliche Harzer bis dahin nicht aufgefallen. Aber das war auch sein Vorgänger Trittin nicht gewesen. Und wer sich 15 Jahre lang in der niedersächsischen Politik getummelt hat, war auf einem wichtigen Kampfplatz dieses Ressorts, der Kernenergiepolitik, kein heuriger Hase. Hier spielt seit Jahren die Musik, wenn es um Endlager geht. In Gabriels Wahlkreis Salzgitter liegen gleich zwei davon: die berüchtigte Untertagedeponie Asse II und das genehmigte Projekt Schacht Konrad.

Bewundert wurde, wie schnell sich Gabriel auch in die komplizierten Materien des Klimaschutzes und des Emissionshandels einarbeitete, wie geschickt er sich mit frisch aufpoliertem Englisch auf internationaler Bühne bewegte und gleichzeitig die Herzen des heimischen Publikums als Pate des Eisbärchens Knut eroberte.

Die Herzen der SPD gewann Gabriel aber vor allem mit seiner Anti-Atom-Politik zurück. Nicht einmal sein Vorgänger war so ungestüm auf die „Atommafia“ losgegangen wie er. Hemmungslos stellte er sein Verkaufstalent in den Dienst der neuen Energien, die schon Trittin durch staatliche Förderung zu einer mächtigen Lobby gepäppelt hatte. Und ebenso skrupellos griff er in die Trickkiste der Verunsicherung, wo er als Minister eigentlich für sachliche Information hätte sorgen müssen. Ein Für-dumm-Verkäufer.

Ein ganz neuer Sigmar Gabriel ist das nicht, nur ein durch Niederlagen gereifter. Einen nicht geringen Anteil an diesem Comeback dürfte Umwelt-Staatssekretär Matthias Machnig haben, lange Zeit Stratege und Strippenzieher in Diensten Münteferings. In Ungnade fiel er, weil er im Wahlkampf 2002 zu sehr aus den Schatten Schröders und Münteferings herausgetreten war. Auch er hatte also eine Scharte auszuwetzen. An der Seite Gabriels war er beinahe unsichtbar. Sichtbar ist jetzt nur das überraschende Ergebnis dieser Zusammenarbeit: Die SPD, die sich gerade endgültig von Schröder lossagt, wählt sich wieder einen echten Schröderianer an der Spitze.

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