04.10.2009 · Er schwamm in der Bugwelle von Gerhard Schröder nach oben, war sein Freund, aber auch sein Kritiker. Der Weg an die Spitze der SPD war für die Kampfmaschine aus Hannover steinig. Doch nun ist Sigmar Gabriel am Ziel.
Von Günter Bannas, BerlinIm Spätherbst des Jahres 2005 haben Kurt Beck und Martin Schulz die zweite Stufe der politischen Laufbahn von Sigmar Gabriel gezündet. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament sprachen bei Franz Müntefering vor, der da noch SPD-Vorsitzender war und sich mit der Benennung der SPD-Minister im Kabinett der großen Koalition zu befassen hatte. Sigmar Gabriel, warben die beiden bei Müntefering, müsse unbedingt ins Bundeskabinett und er solle Umweltminister werden, welches Ressort sich die SPD-Führung bei der Verteilung der Ministerien gegriffen hatte. Schulz organisierte einen Gesprächskreis von Sozialdemokraten.
Hannelore Kraft gehörte ihm an, die Landesvorsitzende von Nordrhein-Westfalen, ein Vertreter Becks, Garrelt Duin von Niedersachsen, Ute Vogt aus Baden-Württemberg, Matthias Platzeck aus Brandenburg, Wolfgang Tiefensee aus Sachsen, die bayerischen SPD-Politiker Maget und Stiegler, Generalsekretär Heil und eben - obwohl da ohne herausgehobenes Amt - Gabriel. Müntefering hörte auf die beiden Fürsprecher. 70 Prozent der Parteitagsdelegierten stellte deren Gesprächsrunde. Nicht etwa Michael Müller, einer der Sprecher der Parteilinken und seit Jahren mit Umweltthemen befasst, wurde Minister, sondern Sigmar Gabriel, der Neuling in Berlin.
„Das Führen hat er möglicherweise mit der Muttermilch aufgesogen“
Gabriel war damals gerade in den Bundestag gewählt worden. Fast drei Jahre hatte er die Oppositionsfraktion im Niedersächsischen Landtag geführt, und bei den Sozialdemokraten in Berlin war er wenig gelitten. Er hatte seine Landtagswahl und das Ministerpräsidentenamt verloren. Er hatte seinen Wahlkampf gegen die Linie des Bundeskanzlers Gerhard Schröder geführt. Ihn, den Vollblutpolitiker, hatten sie mit dem allerunwichtigsten Parteiamt betraut, was zu vergeben war: Beauftragter für Pop-Kultur, der Verbreiterung des SPD-Fundamentes bei der Jugend wegen.
„Das Führen hat er möglicherweise mit der Muttermilch aufgesogen“, hat Duin einmal über Gabriel gesagt. Er ist klein, er ironisiert sein Übergewicht und er gehört zu jenen Leuten in der Politik, die bei allfälligen Empfängen und in Gesprächsrunden ein Kraftzentrum zu bilden scheinen. Rasch kann er wechseln zwischen freundlichem Smalltalk und einer rhetorischen Schärfe. Wo Gabriel auftaucht, ist, wie selbstverständlich, vorn. Eine gehörige Portion Selbstbewusstsein gehört dazu, Schlagfertigkeit, die Witz mit Ernst vermengt, ist die Voraussetzung und die Gewissheit, einem Niederschlag ausweichen zu können.
Mit 31 Jahren wurde er 1990 in den Landtag von Niedersachsen gewählt, als der 15 Jahre ältere Gerhard Schröder die Wahl gewonnen und eine Regierung mit den Grünen gebildet hatte. Von einer Fraktionssitzung in Hannover damals geht die Rede, in der sich Gabriel mit Schröder dermaßen anlegte, dass der Jüngere mit lautem Getöse den Saal verließ. Weil der Ruf Herbert Wehners, wer rausgehe, müsse auch wieder reinkommen, damals noch bekannt war, soll ihn sein Verhalten rasch geärgert haben.
Gesprächsauszüge I, gesammelt Jahre später im Januar 2003, kurz vor der Landtagswahl, die Gabriel dann verlieren sollte. Reporter des „Stern“ befragten den Ministerpräsidenten. Ob er ein Freund, Kritiker oder Rivale Schröders sei? „Ein Freund - und Kritiker. Das gehört zusammen. Freundschaft ist etwas anderes als Nibelungentreue.“ Wie Schröder ihn sehe? „Oje. Wenn er gut drauf ist, akzeptiert er, dass es auch Freunde geben muss, die mal eine andere Meinung haben. Wenn er nicht so gut drauf ist, denkt er, glaube ich: der Junge muss noch viel lernen.“ Ob Schröder sehe, Gabriel sei so, wie er selbst früher gewesen sei? „Doch, das sieht er schon.“ Ob Schröder darüber lachen könne? „Manchmal wohl etwas gequält, und dann weist ihn Doris darauf hin, dass sie doch gewisse Ähnlichkeiten erkennen könne. Dann wird das Lachen deutlich freier.“ Kürzlich, beim Feiern des 50. Geburtstages des Umweltministers, war Schröder dabei. Das war noch vor der Wahl, und Schröder sagte, Gabriel habe „noch viel vor“ und viel „vor sich“.
Ein Karriereschritt Schröders war auch einer für ihn
Gabriel wurde 1959 geboren. Im Lebenslauf ist die frühe Trennung der Eltern und deren Streit um das Sorgerecht enthalten. Von der Mutter, einer Krankenschwester, habe er das „Gerechtigkeitsgefühl“ geerbt. Gabriel habe sich in Goslar für ein Jugendzentrum eingesetzt, an Protesten gegen den Militärputsch in Chile teilgenommen, sich bei den „Falken“ engagiert, die Realschule besucht, dann das Abitur gemacht, zwei Jahre den Wehrdienst absolviert und in Göttingen Deutsch, Politik und Soziologie - für das Lehramt - studiert. Er ging in die Volkshochschul-Erwachsenenbildung.
Der SPD gehört Gabriel seit 1977 an. In seiner Geburtsstadt Goslar wurde er Kreistagsabgeordneter und dann auch Ratsherr. 1998, als Schröder die absolute Mehrheit gewonnen und damit den Grundstein für seine Kanzlerkandidatur gelegt hatte, wurde Gabriel in Hannover Fraktionsvorsitzender. 1999 - Schröder war inzwischen Kanzler - folgte Gabriel Ministerpräsident Gerhard Glogowski, der zurücktreten musste.
„Wahlkampf ist kein Seminar, da wird gekämpft“
Gesprächsauszüge II, Mai 2002, als die FDP wegen Jürgen Möllemann über ihr Verhältnis zu Israel stritt. „Wir brauchen die FDP so, wie sie war.“ Die FDP müsse „prinzipieller Koalitionspartner“ sein. Oskar Lafontaine müsse sich eine andere Partei suchen. Wenige Monate vor der Bundestagswahl war das. „Wahlkampf ist kein Seminar, da wird gekämpft.“ Es bedürfe weiterer Emotionalisierung. Ein Wahlkampf werde mit Haltungen entschieden, nicht mit Themen. Gabriel wurde damals als interner Kritiker des SPD-Wahlkampfmanagments wahrgenommen. Nach Schröders Sieg über Edmund Stoiber setzte er zusammen mit Kurt Beck und zum Ärger der Berliner Parteiführung eine Debatte über die Vermögensteuer in Gang. Gabriel wolle, so sahen es die in der Hauptstadt, seinen eigenen Landtagswahlkampf gegen die Berliner und auf deren Kosten führen. War das links, war das rechts, war das der junge Schröder? Gabriel verlor.
Das war die Zeit, in der die junge Kampfmaschine aus Hannover im Willy-Brandt-Haus in Verruf geriet. Unzuverlässig, irrlichternd sei er. Seine Chance habe er nicht genutzt. Wenn er bei den Freunden vom „Netzwerk“ auftauchte, wurde gesagt, er wolle sich bloß eine Gruppe von Sozialdemokraten suchen, um irgendwo Anführer zu sein. Die Parteilinke machte ihn als Gegner aus. In die Überlegungen 2005, Andrea Nahles solle statt Münteferings Kandidat Wasserhövel Generalsekretär werden, war er gleichwohl und zustimmend eingeweiht. In der entscheidenden Vorstandssitzung plädierte er dann doch für Münteferings Kandidaten. Wasserhövel verlor, Frau Nahles gewann, Müntefering trat zurück, Frau Nahles zog zurück. Noch einmal zwei Jahre später scheiterte Gabriel mit dem Versuch, sich vom Parteivorstand in das Präsidium wählen zu lassen. Die Parteilinke setzte Ralf Stegner durch. Seither versuchte sein Freund Schulz vergeblich, einen persönlichen Draht zwischen Gabriel und Andrea Nahles herzustellen - bis in diesen September.
Plötzliche ging alles ganz schnell
Gabriel, der Umweltminister. Gabriel holte einen erfahrenen Mann an seine Seite. Matthias Machnig, sein beamteter Staatssekretär, war früher Münteferings Wahlkampfmanager und sogar Bundesgeschäftsführer der SPD gewesen. Zu dessen Ratschlägen gehörte es, Gabriel solle sich nun ganz auf die Sacharbeit des Umweltministeriums konzentrieren. Gabriel fand das auch. Er wurde Fachmann. In Parteidingen hielt er sich zurück. Interviews und Stellungnahmen zu diversen Parteikrisen wurden die Ausnahme. Manche Gespräche gar brach er ab, was natürlich andere wiederum als besonders perfide Taktik ansahen, sich SPD-intern in den Vordergrund zu schieben. Er sah die Krise Kurt Becks, ohne sich öffentlich zu äußern - allenfalls mit dem Hinweis, die SPD solle zu denen stehen, die sie an ihre Spitze gewählt habe. Überlegungen, er und Generalsekretär Heil sollten die Plätze tauschen, wies Gabriel zurück.
Das Wahlergebnis änderte Umstände und Erfordernisse. Flügelübergreifend suchte Gabriel Gesprächskontakte. Es galt ein politisches Vertrauen aufzubauen, auf das ein Parteiführer angewiesen ist. Es wurde Gabriel gedankt, dass wenigstens er für Kontroversen im Wahlkampf gesorgt habe, vor allem beim Thema Atomenergie. Plötzlich ging es schnell. Sonntag die Wahl. Montag die Gremien im Willy-Brandt-Haus und dann ein Gespräch im Büro der stellvertretenden Vorsitzenden Andrea Nahles. Klaus Wowereit und Olaf Scholz waren auch dabei. Wowereit wiederholte, er könne - mit Rücksicht auf die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011 - nicht SPD-Vorsitzender werden. Frau Nahles wusste, dass sie es nicht wollen könne. Auch Olaf Scholz kam nicht in Betracht. Gespräche am Dienstag, am Mittwoch und am Donnerstag. Müntefering und Steinmeier stimmten zu. Absprachen, die nun lange halten sollen, und solche, sich jetzt erst einmal nicht öffentlich zu äußern. An diesem Montag werden Präsidium und Parteivorstand tagen. Einige Parteilinke könnten „anonyme Absprachen“ kritisieren. Die anderen sind überzeugt worden. Um 18 Uhr soll Gabriel präsentiert werden.