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Rainer Brüderle Unser neuer Wirtschaftsminister

25.10.2009 ·  Alle kennen den Pfälzer als Sprücheklopfer und Frohnatur. Doch man soll Rainer Brüderle nicht unterschätzen: Das Spiel der Macht beherrscht er, und seine Arbeitswut ist legendär.

Von Melanie Amann
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Da stehen sie vor den Kameras, an jenem 17. Oktober, der alte und der neue Bundeswirtschaftsminister, ein junger und ein alter Wirtschaftspolitiker. Vielleicht weiß Rainer Brüderle an diesem Tag schon, dass er Karl-Theodor zu Guttenberg ablösen wird, vielleicht träumt er aber auch noch davon. So wie er seit Jahrzehnten davon träumt.

Die beiden haben die Ergebnisse der Koalitionsarbeitsgruppe Wirtschaft mitgebracht, und diese Ergebnisse, das sind Brüderle-Ergebnisse, auch wenn Guttenberg sie vortragen darf. „Die Kernnachricht ist, dass wir einen klaren Schwerpunkt auf den Mittelstand legen“, sagt er. Und der zweite Schwerpunkt sei das Wachstum, und das klappe auch nur über den Mittelstand, den man von den Fesseln der Bürokratie und des Vergaberechts befreien müsse. Das also referiert Guttenberg und lobt die ganz außergewöhnlich gute Gesprächsatmosphäre in der Arbeitsgruppe. Rainer Brüderle steht daneben, lächelt in die Runde, wippt ein bisschen hin und her und sagt: „Das ist in der Tat so.“

Der Mittelstand ist sein Thema

Der Mittelstand, das ist Brüderles Ding, sein Thema. Das ganze Koalitionskonzept für die Wirtschaft trägt seine Handschrift, und jetzt steht fest: Er soll es auch umsetzen, als neuer Bundeswirtschaftsminister.

Die Beamten seines Ministeriums dürfen sich jetzt an den dritten Chef innerhalb von neun Monaten gewöhnen. Nach Michael Glos, dem Müllermeister aus Unterfranken, kam Karl-Theodor zu Guttenberg, der Medienmeister aus dem Schloss, und jetzt kommt der fast 30 Jahre ältere Brüderle. Er war irgendwie immer da. Aber wofür steht er?

Die wichtigste Lektion dieser Koalitionsfindungsphase heißt: Man darf Rainer Brüderle nicht unterschätzen. Er mag mit seinem Dialekt daherkommen wie ein Landauer Landei. Keine Weinkönigin in Rheinland-Pfalz lässt er ungeküsst, die „Bunte“ darf ihn im Tai-Chi-Kurs auf Sylt fotografieren, er klopft Sprüche wie „erst grübeln, dann dübeln“. In der „Bild“-Zeitung erklärt er die Brüderle-Diät (“Mit Wein und Fleisch 20 Kilo abgespeckt!“), und in Talkshows erläutert er, warum ein halber Liter Wein am Tag guttut, Frauen aber weniger vertragen: Schuld sei der „hohe Fettgehalt“ im weiblichen Körper. „Dabei macht der den Reiz der Frau aus!“

Lästern über seine volkstümliche Art

„Saufen mit Brüderle“ nannte Harald Schmidt einst einen Spot, bei dem Brüderle fröhlich mitgemacht hat. Doch wer nur die Frohnatur sieht, der sieht vieles nicht. Zum Beispiel, dass Brüderle weiß, wie man an die Macht kommt - und wie man sie behält.

Seit den siebziger Jahren ist der studierte Volkswirt in der Politik, seit 1983 führt er den rheinland-pfälzischen Landesverband seiner Partei, seit 1995 ist er stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender. Die Parteifreunde lästern über seine volkstümliche Art, aber bestätigen ihn auf den Parteitagen mit sensationellen Ergebnissen in allen Ämtern. Brüderle gelingt es nicht nur, seine Mannschaft hinter sich zu halten, er versöhnt nebenbei noch zerstrittene Landesverbände und Präsidiumsrivalen.

1987 brachte Brüderle seine FDP aus dem außerparlamentarischen Jammertal auf einen Schlag zurück in die Landesregierung. Er selbst stieg vom Wirtschaftsamt der Stadt Mainz bis ins Wirtschaftsministerium seines Bundeslandes auf, und dort hielt er sich elf Jahre - mal mit der CDU, mal mit der SPD als Koalitionspartner. Nachdem er sein Ministerium für Wirtschaft und Verkehr um Weinbau und Landwirtschaft ausgebaut hatte, zählten zu seinem Ressort mehr als 1000 Mitarbeiter.

Kleiner Anfang in Landau

Der Anfang war aber ganz klein. Brüderles Vater gehörte ein Textilwarenladen in Landau, er verkaufte Unterhosen, Mützen und Hüte für Herren. Als Kind durfte Rainer oft die Waren ausliefern und im Laden aushelfen, am liebsten hätte der Vater ihn als Nachfolger installiert.

Brüderle wollte immer höher hinaus und fühlt sich trotzdem immer als Anwalt der Kleinen. In seiner Partei gehört er zwar zum bürgerlich-konservativen Schaumburger Kreis. „Aber er ist definitiv kein Freund der Ackermanns, der multinationalen Konzerne oder der New-Economy-Welt“, beschreibt man ihn in der sozialdemokratischen Mainzer Staatskanzlei. Dort hat man den „sozialliberalen“ Kabinettskollegen noch in sehr angenehmer Erinnerung.

Die kleinen Leute, aus ihrem Kreis kommt Brüderle, mit ihnen fühlt er, und sie werden auch kräftig beschenkt. Die Ordnungspolitik und der Wettbewerb ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Reden. Aber muss man das alles auch noch umsetzen? „Rainer Brüderle ist in erster Linie ein zupackender Pragmatiker“, sagt Michael Fuchs, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Koblenz und ein Freund Brüderles.

Helfer der Winzer

Die pragmatische Seite ihres Ministers haben vor allem die Winzer zwischen Pfalz und Mosel lieben gelernt. Für ihren Wein rührt Brüderle nicht nur unermüdlich die Werbetrommel, ihnen spendierte er auch neue Schienenbahnen, die „Monorak-Bahnen“, mit denen der Weinbau an den Steilhängen der Mosel so viel bequemer ist. Um 200 Prozent seien die Weinbausubventionen in Brüderles Amtszeit gestiegen, haben seine Kritiker ausgerechnet. Dafür liefen der FDP scharenweise Wähler aus dem konservativen CDU-Lager zu.

Vor seiner ersten Bundestagskandidatur 1998 setzte Brüderle das millionenschwere Existenzgründerprogramm „new work“ in Gang, das seine Gegner als „Wahlkampf auf Staatskosten“ geißelten. Und dass die Liberalen im Bundestag ihren Feldzug gegen Kammerzwang und Meisterzwang aufgegeben haben, ist vor allem Brüderle zu verdanken. Wie sollen sich sonst die Fliesenleger oder Bauunternehmer, sprich: die Mittelständler noch halten?

Er mag handfeste Projekte

Andererseits geht auf Brüderles Konto auch der Verkauf der Landesbank Rheinland-Pfalz Anfang der neunziger Jahre, „als man dafür noch gutes Geld bekam“, wie ein Beamter seines früheren Ministeriums anerkennend sagt. So hatte das Land in der Finanzkrise eine Sorge weniger und stattdessen eine landeseigene Investitions- und Strukturgesellschaft. Und die fördert wen? Richtig, den Mittelstand.

Die Leute in Rheinland-Pfalz sind Brüderle auch noch immer dafür dankbar, dass er die Verkehrsgesellschaften im Land gezwungen hat, ihre Fahrpläne aufeinander abzustimmen. Vorbei war es mit stundenlangen Wartezeiten zwischen Koblenz und Neuwied.

„Brüderle mag handfeste Projekte, die unmittelbar Wirkung zeigen, nicht das liberale Herumtheoretisieren“, sagt einer, der lange in der FDP-Fraktion im Mainzer Landtag gearbeitet hat. „Man darf nicht erwarten, dass er ein System wie die Agrarsubventionen nach liberalen Kriterien umkrempelt. Aber er holt aus den Systemen jedenfalls das Beste heraus für die deutschen Unternehmen.“

Ab 6.30 Uhr im Büro

Aus sich selbst holt Brüderle auch alles heraus. Seine Arbeitswut ist legendär, sein Mitarbeiterverschleiß auch: Die jungen Leute können einfach nicht mithalten. Um fünf Uhr morgens steht Brüderle auf, spätestens um halb sieben sitzt er im Büro, bis spätabends darf sein Sekretariat noch Termine eintragen. Und ein Tag ohne Pressemitteilung muss ihm als verlorener Tag erscheinen.

1998 wurde es dem Superminister Brüderle zu langweilig in Mainz. Da gab er freiwillig sein Ministerium auf und kandidierte für den Bundestag - ohne Rückfahrkarte. Ein Bundestagsmandat sei die Krönung der Karriere, so gab er sich bescheiden. Aber schon damals hatte er das Bundeswirtschaftsministerium fest im Blick. Die Rechnung ging nicht auf, und so verbrachte Brüderle zehn Jahre auf der Oppositionsbank und in Talkshows. In der Fraktion wurde ihm zunächst wenig geschenkt, das begehrte Amt des wirtschaftspolitischen Sprechers bekam er erst im zweiten Anlauf. Gelegentlich irritierte er Parteifreunde mit einem Neunpunktepapier für die Neuordnung des Finanzsektors oder der Forderung, die Partei müsse endlich neoliberal werden. Und als das sozialliberale Rheinland-Pfalz im Bundesrat das Zünglein an der Waage war, zog Brüderle die Fäden zwischen der rot-grünen Bundesregierung und seiner Heimatfront.

Nichtangriffspakt mit Solms

Auch vor der Bundestagswahl wollte er jetzt nichts dem Zufall überlassen. Mit dem Finanzpolitiker Hermann-Otto Solms schloss Brüderle eine Art Nichtangriffspakt: „Du machst Finanzen, ich mach' Wirtschaft - und keiner macht dem anderen Konkurrenz.“ Das Kartell der beiden funktionierte. Es brachte jüngere Wettbewerber zum Schweigen.

So musste Brüderle nur noch warten, bis Solms sich selbst zu Fall brachte und alles, wie vom Schicksal gewollt, auf ihn zulief. Hat er nicht alles längst vorhergesagt? Als damals im letzten Herbst sein 25. Jubiläum als Landeschef groß gefeiert wurde im kurfürstlichen Schloss zu Mainz. Nach einer Diashow der schönsten Brüderle-Momente und einer Laudatio seines Duzfreundes Kurt Beck sagte er lächelnd: „An alle, die fragen, ob ich den Job ewig machen will: Keine Sorge, jetzt ist Halbzeit!“

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.