15.09.2009 · Der Erfolg der Linkspartei hat zwei Namen: Gysi und Lafontaine. Ohne den kämpferischen früheren SPD-Vorsitzenden und den unterhaltsamen früheren PDS-Chef wäre die Partei recht glanzlos. Beide begeben sich in ein arbeitsteiliges Rollenspiel.
Von Mechthild Küpper„Oskar kommt“ versprechen die Plakate in der Bremer Innenstadt. Lafontaine kommt, wenn auch eine Dreiviertelstunde zu spät. Wenn er und Gregor Gysi nicht sprechen, wird einem die Zeit bei der Linkspartei so lang wie überall sonst. Wer an diesem Freitag vor einem der Cafés am Marktplatz sitzt, geht irgendwann. Diejenigen, die unmittelbar vor der Bühne warten, bleiben aber tapfer stehen - auch als den Bremer Parteigrößen nichts mehr einfällt und die Band zu alten Stones-Schnulzen übergeht.
Gysi und Lafontaine sind die Typen, die Aufmerksamkeit erregen. Von Gysi werden sie unterhalten, bei ihm gibt etwas zu lachen. Und Lafontaine verkörpert Leidenschaft und Kampf. Gysi erntet Sympathie, Lafontaine Respekt.
Leidenschaftlich und eintönig
In Bremerhaven spricht Lafontaine am selben Tag wie in Bremen. Doch die Parteifreunde an der Küste haben die Kundgebung schlecht plakatiert. Kurz bevor es losgehen soll, ist der Theodor-Heuß-Platz weitgehend leer. Pünktlich um sieben Uhr wird die Veranstaltung eröffnet, inzwischen sind einige Leute gekommen. Sie werden notdürftig unterhalten. Der Musiker zeigt unverhofftes Stehvermögen. Vom „Commandante Che Guevara“ beginnt er zu singen, als Lafontaine schon erschienen war. Nun muss der Parteivorsitzende warten und den Klängen lauschen. Daran ist er nicht gewohnt. Normalerweise wird der Platz am Mikrofon umgehend freigemacht, wenn „Oskar“ eintrifft.
Rechts und links auf der Bühne stehen Sicherheitsleute, um ihn herum Parteifreunde, die Wahlplakate der Linkspartei in der Hand halten und diese, manchmal, wenn das Thema in die Rede passt, hochheben. Das gibt der Sache etwas Puppenspielhaftes: Hartz IV abwählen! Reichtum besteuern! Raus auf Afghanistan! Gegen die Rente ab 67! Ein Wort, ein Plakat. Ein Mann, ein Wort.
Lafontaine schreit nicht mehr. Seit er vor vier Jahren die SPD verließ und erst der WASG, dann der PDS beitrat, lernte man darüber staunen, dass so ein Redestil populär werden kann: Lafontaine begann zu reden, sein Hals schwoll an, sein Gesicht rötete sich, schwitzend schrie und fuchtelte er, die Leute tobten, applaudierten, jubelten. Er, wieder still, ging zum nächsten Thema, erst ruhig und fest, dann scheinbar wütend und laut. Das erregte seine Zuhörer. Gebannt verfolgten sie das routinierte Auf und Ab des Schildern, Schimpfens und Schreiens. Wahlkampf mit Lafontaine war, so leidenschaftlich er seinem Publikum vorkam, recht eintönig: Seine Rage versetzte sein Publikum in trancehafte Zustimmung. Nachgelesen wirkten die Reden oft poesiealbumhaft selbstgemacht, von Zitat zu Zitat, von Zahl zu Zahl springend.
Menschenfreundliches Parlando
Gysis Parlando wirkt dagegen regelrecht menschenfreundlich. Nachdem die Linkspartei Lafontaine wieder auf die Bühne gestellt hatte, wirkt Gysi samtiger denn je. Als er 2005 in Frankfurt am Main sprach, redete er ausdrücklich auch alle diejenigen an, die Grund hatten, den Spitzensteuersatz der Linkspartei abzulehnen: „Auch bei uns gibt es natürlich Ausnahmetatbestände“. Diese Art von Zugewandtheit zeigt Lafontaine selbst jetzt, da er eher belehrt als tobt, nicht, auch wenn er gelegentlich den Ton übertriebener Vertraulichkeit ausprobiert: „Wählt uns aus Barmherzigkeit und Mitleid - wir kriegen keine Spenden!“
Die Rolle des Underdogs, der aggressiv beißen und bellen muss, um wahrgenommen zu werden, müssen die Spitzenpolitiker der Linkspartei im Laufe ihrer Wahlerfolge allmählich abstreifen. Mit den vielen interessanten Geschichten darüber, was bei der Wiedervereinigung alles schief gelaufen sei, belästigt Lafontaine seine Zuhörer jedenfalls nicht. In Bremen und Bremerhaven erscheint Ostdeutschland so weit entfernt wie die DDR. Die Erfolge der 2007 gegründeten gesamtdeutschen Linkspartei besänftigen den Ton, und Lafontaines persönlicher Wahlerfolg im Saarland sowie die möglichen Regierungsbeteiligungen seiner Partei an der Saar und in Thüringen tragen dazu bei, dass die Behauptungen, man sei schlechthin die Antithese zu allen anderen Parteien, etwas weniger schrill ausfallen.
Die Rollenverteilung zwischen Lafontaine und Gysi scheint weniger scharf konturiert zu sein. Inzwischen sieht man Gysi, der lange Zeit immer nur den Charmeur, den Werbenden, den Witzigen gab, auch mal mürrisch in einer Talkshow oder hört ihn boshaft reden. Der Machtmensch Lafontaine, der alles besser weiß und Politiker so heftig verachtet, dass seine Gefolgschaft meint, er sei keiner, ist immer noch scharf. Da nun aber die Partei tatsächlich existiert, die seine und Gysis Volkstümlichkeit erst erschuf, sind die Zeiten vorbei, in denen sie das Gegenteil von allen anderen sein kann. Die Grünen haben diese Entwicklung in vergleichbarer Form in den achtziger Jahren mitunter recht schmerzvoll vollzogen. Eine Zeit lang existiert beides nebeneinander: Ideologie und Pragmatismus, These und Antithese.
Der Entertainer Lafontaine muss noch üben
Lafontaine ist in diesem Milieu ein Star. Was er in diesem Wahlkampf vorträgt, ist mehr Pop als Politik: Neben dem Standbild des Gründers Bremerhavens, Johann Smidt, fordert er seine Zuhörer auf, durchs Wählen der Linkspartei „etwas für sich selbst zu tun“. Die anderen nämlich würden, um die Zeche für die Bankmilliarden zu zahlen, sicherlich die Leistungen kürzen und die Steuern erhöhen. Nur seine Partei garantiere, dass es keine Rentenkürzungen geben werde und dass „Vermögende herangezogen“ würden. Der Bremer Bürgerschaftsabgeordnete Klaus-Rainer Rupp hatte es knalliger formuliert: „Wir müssen den Mut haben, den Reichen das Geld wegzunehmen“. Die Zusage, Lafontaine werde „gleich“ kommen, kommentiert Rupp: „Gleich - was ist gleich? Das Wort benützen Politiker auch immer gern“. Als sei Lafontaine kein Politiker.
Als Entertainer allerdings muss Lafontaine noch üben. Sein Versuch, mit vermeintlichen Volkstümlichkeiten die Bremer Zuhörer fürs Warten zu entschädigen, geht hoffnungslos daneben: Er mokiert sich über die FDP, die fordert, Arbeit müsse sich lohnen und höhnt über die Wahlwerbung des „lieben Guido Westerwelle“ - „Verstehen Sie das bitte nicht falsch!“ Lafontaine rechnet anders: Weil heute zwanzig Prozent aller Beschäftigten im Niedriglohnsektor arbeiteten, bekämen sie später so wenig Geld wie die, die „nie“ gearbeitet hätten. Das sei Gleichmacherei, das sei leistungsfeindlich!
Wie Lafontaine rechnet, das würde im zivilen Leben unzählige Gegenfragen hervorrufen. Auf den Marktplätzen aber lauschen ihm Leute, die seine Rechenart gern hören. Ludwig Erhard habe gelehrt, doziert er, dass die Löhne steigen sollen, wo die Produktivität wächst. Doch seit zwanzig Jahren verstoße die deutsche Politik gegen diese Lektion, die soziale Marktwirtschaft existiere nicht mehr. In Großbritannien sei der Reallohn in den vergangenen Jahren um 25 Prozent gestiegen, in Deutschland dagegen sei er gesunken: „Wir Gewerkschafter müssen uns fragen, warum“.
Linke Dialektik: „Reichtum für alle“ - „Reichtum besteuern!“
Lafontaine weiß, warum: Weil seit Rot-Grün und Hartz IV den Langzeitarbeitslosen alle Arbeit zugemutet wird. Wenn Deutschland die Vermögenssteuer von England hätte, besäße der Staat 90 Milliarden Euro zusätzlich, und wenn die Deutschen von den Franzosen lernten, hätten wir hier den „politisches Streik“ und wären nicht „immer kaisertreu“: „Wen juckt denn das, wenn irgendwo demonstriert wird?“ In Bremerhaven weiß man vielleicht nicht, dass einige Tage zuvor der Versuch der Linkspartei an mangelnder Teilname gescheitert ist, eine Demonstration am Brandenburger Tor zu einer Art Plebiszit gegen den Afghanistan-Einsatz zu machen.
In diesem Wahlkampf spricht Lafontaine seine Beschreibungen über die gegenwärtige Lage des Landes so beiläufig, so lapidar aus, als könne man die Welt nicht anders sehen als er: Die Rentenformel ist „zerstört“, der Sozialstaat auch, die soziale Marktwirtschaft passé, ja, die Demokratie selbst ist seiner Ansicht nach zerstört. Wie zum Beleg fügt er hinzu: Ackermann von der Deutschen Bank feiere zu Recht seinen Geburtstag im Kanzleramt, schließlich bestimme er die Richtlinien der Politik und nicht die Kanzlerin. Und als wenn die Pointe nicht genug gewesen wäre, setzt er noch eine Polemik drauf: Die Wirtschaftswissenschaftler sollten, wie die Rennfahrer, die Namen ihrer „Sponsoren“ auf den Hemdkragen tragen, schlägt er vor. Das kommt an in Bremerhaven und auch anderswo: Lafontaine, der Sieger von der Saar, wechselt allmählich ins heitere Fach.
Ortswechsel: Wahlkampf in Brandenburg. Gregor Gysi kann noch so ausdrucksstark die Augen verdrehen - in diesem Jahr ist das Zusammentreffen zweier Wahlplakate der Linkspartei unfreiwillig komisch ausgefallen. Sie werde, sagt eine Parteifreundin aus Brandenburg, oft darauf angesprochen. Überall im Land trifft man auf Gysi-Plakate mit der Forderung „Reichtum für alle“, um wenige Meter entfernt von Plakaten ernüchtert zu werden: „Reichtum besteuern!“. Mag Gysi beteuern, sein Reichtum sei nicht materiell. Da im Wahlkampf seiner Partei mehr gerechnet als über geistige oder gesellschaftliche Dinge fabuliert wird, kann er niemanden den Spaß an dieser Werbung verdenken. Die Kunstfigur Horst Schlämmer hat schließlich manchem die Augen und Ohren für Wahlkampfkomik geöffnet.
Mit Gysi über Stock und Stein
„Sie können stolz sein, nach ihrer Stadt heißt ja das ganze Land“. So schamlos umgarnt Gysi die Bürger von Brandenburg an der Havel, und diese sind begeistert. 70 Minuten lang redet Gysi zu ihnen. Von ihm lassen sie sich gern die Welt erklären, obwohl zuvor an diesem schönen Spätsommernachmittag schon die Spitzenkandidatin für die Landtagswahl und die Brandenburger Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gesprochen haben. Immer noch geht es im Osten schlechter als im Westen, ohne dass die Kanzlerin aus Ostdeutschland „diesbezüglich“ (das ist eines von Gysis Lieblingsworten, damit spickt er seine Reden und gibt ihnen damit eine Prise anwaltlichen „Liebling Kreuzberg“) etwas getan habe. Im Westen hätten die Leute von der Vereinigung nichts gemerkt, schon gar nichts Positives, doch nun, da die Gesundheitsversorgung in den dünn besiedelten Gegenden im Osten schwierig werde, entdecke man die Polikliniken wieder.
Der Wahlkämpfer Gysi entdeckt sogar Berlin, wo Rot-Rot regiert, als Empfehlung für seine Partei: Dort „teste“ man die Gemeinschaftsschule, dort gebe es 6000 öffentlich geförderte Arbeitsstellen und den „Berlin-Pass“ mit Vergünstigungen für arme Leute. Je schwerer es den Profis fällt, den roten Faden in Gysis Rede zu entdecken, desto besser scheint sich das Publikum zu unterhalten. Es geht mit ihm über Stock und Stein: Wenn Thüringen eine CDU/SPD-Regierung bekommt, „macht sich der Matschie mit der SPD halbtot“, versichert er unter großem Applaus. Wenn die SPD von den Wählern „eins auf die Mütze kriegt“, werde sie eine „kleine Rebellion“ erleben, sich „re-sozialdemokratisieren“ und damit eines Tages für die Linkspartei koalitionsfähig sein. Vierzig Minuten nach Beginn seiner Rede kommt Gysi auf die Finanzkrise zu sprechen und breitet den Sünden-Leporello von Rot-Grün aus, den auch Lafontaine in seinen Reden genüßlich vorführt. Was wohl ohne Hartz IV aus der PDS geworden wäre?
Applaus erhält Gysi in Brandenburg für einen streng gesprochenen Satz, den Tage später auch Westerwelle fast wörtlich in einer Fernsehdiskussion sagt: Seit die Regierung innerhalb von einer Woche 480 Millarden zu Bankenrettung mobilisiert hat, sei das Argument unzulässig, für Soziales oder Bildung sei kein Geld da. Die beiden Herren von der Linkspartei zitieren so etwas gern als schlagenden Beweis dafür, dass allein ihre Existenz die Politik besser und sozialer machen kann.