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Kleine Brillenkunde Die Schwiegersöhne der Macht

23.10.2009 ·  Panzersperren im Gesicht, das war einmal. In Zeiten wie diesen halten sich Politiker gern alle Wege offen. Auf der Nase wird getragen, was nicht einschüchtert und nicht abschreckt - eine recht konturlose Angelegenheit.

Von Reinhard Bingener und Friedrich Schmidt
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Brillenfragen sind Charakterfragen - und Charakterfragen sind Machtfragen. In Bonn, in der alten Bundesrepublik, wurden Entscheidungen noch in kleiner Runde getroffen, in den Ohrenbackensesseln verqualmter Hinterzimmer, über kalten Platten und Käseigeln, von Männern wie Wehner, Barzel, Kohl, die hinter massiven Brillengestellen aus Horn oder Hartplastik saßen und von dort aus ihre Macht verteidigten. Die Brillen waren Festungen, Panzersperren im Gesicht.

Wie anders heute in Berlin, im neuen Deutschland: Entschieden wird im Dialog, per SMS und Mail. Auf lichtdurchfluteten Fluren stimmt man sich ab, setzt sich und anderen Ziele, gibt und erhält Feedback. Dazu trägt man im Bedarfsfall Brillen, die nicht einschüchtern, nicht abschrecken, nicht Farbe bekennen und ihren geschmeidigen Trägern - den Wulffs, Westerwelles, Pofallas, von Klaedens - alle Haupt- und Nebenwege der Macht offenhalten. Filigrane Sehhilfen, die der Kontaktlinse näher sind als der Brille: randlose Brillen.

Einst ein Attribut linker Intellektueller

Einst galt dieser Hauch von Nichts als Attribut linker Intellektueller - nun sitzt er auf den Nasen der Banker, der Berater, der Kofferträger Angela Merkels. Die Randlosen herrschen über Deutschland, in den Unternehmen, in den Ländern und im Bund. Hat die randlose Brille ihre politische Heimat gewechselt? Oder ist sie Ausdruck der neuen Beliebigkeit der vorgeblich konservativen Kräfte der Berliner Republik? Tadellos rasiert und sorgsam gescheitelt nahmen die Randlosen eine gesellschaftliche Mitte nach der anderen für sich ein - die neue, die liberale, die grüne. Sie argumentieren so kühl wie vernünftig. Vorauseilend devot hüllen sie ihren Ehrgeiz in die Rhetorik der Pflicht. Ecken und Kanten, so es sie gab, sind über die Jahre weggeschliffen, allfällige Polemik schlägt nie über die Stränge. Wo sie herrschen, bleiben die Randlosen ewige Schwiegersöhne der Macht.

Konturlosigkeit ist ihre Antwort auf die Diffusion der Sozialmilieus, auf Hartz-IV-Empfänger mit FDP-Parteibuch, Konfessionslose in der Schülerunion und Jäger, die Grün wählen. Der Griff zur randlosen Brille ist die augenfällige Umsetzung dieser Anpassungsstrategie: Randlosigkeit als Prinzip.

Wer wird sich an die Randlosen erinnern?

Das Risiko der Pofalla-Klaedens besteht darin, den letzten Anschein eines noch vorhandenen Markenkerns einzubüßen. Wer wird sich dereinst an die Randlosen erinnern? Und warum? Nicht ohne Grund büßte die CDU 2009 im Vergleich zur vorangegangenen Bundestagswahl abermals 0,5 Prozentpunkte der Stimmen ein. Schon hat Erfolg, wer sich traut, entschlossen neue Ränder zu ziehen: Die Hornbrillen-Attitüde eines Thilo Sarrazin, der von der Spitze der Gesellschaft herab mutig die Unterschichten geißelt, ist im Herbst 2009 nicht nur in der Hauptstadt der letzte Schrei. Neue Brillenkollektionen - siehe Tom Ford, siehe Dolce & Gabbana - betonen entsprechend die Ränder wieder stark, gleichsam als Rückkehr in die Zeit der Ohrenbackensessel. Auf den Straßen von Berlin - in Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg - stellt die Jugend bisweilen bombastische Rahmen zur Schau.

Die Politik wird sich bis auf weiteres derlei Gesichtseskapaden nicht leisten wollen. Zum Rand gehört Mut. Schon Helmut Kohl gab früh dem Drängen seines Beraters nach und tauschte die Schwerlastbrille gegen ein leichteres Gestell ein. Wer in diesen Tagen auf ein bisschen Format hofft, wird wieder einmal auf Karl-Theodor zu Guttenberg als Hoffnungsträger setzen: Seine in trutzigem Metallrand gefasste Seehilfe lenkt - im Verein mit seinem Rückgrat, das bis in die Haarspitzen zu reichen scheint - die Sympathien auf den Spross urfränkischem Adels. Seine Brille ist markant genug, um dem entschlossen vorgetragenen Ruf nach ordnungspolitischen Leitplanken Nachdruck zu verleihen. Und sie ist dezent genug, um ihn, wie bei der Opel-Rettung, nicht über Gebühr daran zu binden.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.