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Kanzlerin Merkel Die Siegerin - erfolgreicher als Kiesinger

28.09.2009 ·  Zum ersten Mal hat es die Union geschafft, aus einer großen Koalition in ein schwarz-gelbes Bündnis zu wechseln. Entsprechend groß ist am Wahlabend der Jubel im Berliner Konrad-Adenauer-Haus.

Von Wulf Schmiese, Berlin
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Angela Merkel ist spät dran. Ihre Sicherheitsbeamten fahren sie gegen Mittag nach Hause, sie will sich noch umziehen für den Wahlgang - und wählt: schwarze Hose, roten Blazer. Die 300 Meter von ihrer Wohnung zum Wahllokal werden die Bundeskanzlerin und ihr Mann Joachim Sauer im schweren Dienst-Audi gefahren. Die letzten zwanzig Meter zur Urne laufen sie. Die graue Metallbox wurde für die prominentesten Wähler hier in der Mensa der Berliner Humboldt-Universität eigens in die Mitte geschoben, damit alle Fotografen und Kameramänner sie besser sehen. Zu diesem Zeitpunkt kennt Frau Merkel nur die allerletzte Umfrage vom Wochenende, die nicht mehr veröffentlicht wurde und nur für die Parteien galt: 35 Prozent für die Union, 14 für die FDP - genug also für Schwarz-Gelb. Die Kanzlerin schaut zufrieden bei der Stimmabgabe, ihr Mann grinst.

Knapp zwei Stunden später, um 16 Uhr, sickert dann der erste Trend vom Wahltag durch. Da liegt die Union nur noch bei "34 minus x", wie die Wahlforscher es nennen. Auch die Kanzlerin erfährt das. Das "minus x" ist ein Warnsignal für sie. Denn je länger ein Wahltag ist, desto schlechter wird es für die Union. Die Stammwähler der Union wählen vormittags, "die Kirchgänger", wie diese Treuen noch immer im Adenauer-Haus genannt werden.

Die erste Botschaft: Merkel bleibt Kanzlerin

Eine halbe Stunde später gibt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla seinem Team im fünften Stock Entwarnung. Frau Merkel wird telefonisch informiert. Inzwischen hätten ihm alle Institute signalisiert: Es reicht wohl für Schwarz-Gelb, und das ohne Überhangmandate! Aufatmen bei den ersten Ministerpräsidenten, die oben im Haus eintreffen. Roland Koch ist besonders pünktlich, Ole von Beust und Christian Wulff kommen eben erst an und Jürgen Rüttgers ist fast da. Jeder von ihnen wird zwei Stunden später einen festen Platz vor irgendeiner Fernsehkamera haben. Deshalb wird besprochen, wie der Ausgang kommentiert wird, damit alle möglichst ähnlich liegen.

Die drei Botschaften des Abends sollen sein: Angela Merkel bleibt Kanzlerin; das Wahlziel Schwarz-Gelb ist erreicht; die SPD hat das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren. Denn kein Institut hat sie höher als 25 Prozent gesehen. "Steinmeier toppt nicht mal Ollenhauer", sagt einer der Unionsgranden oben.

Sieg mit schwachem Ergebnis

Um 17.30 Uhr kommen Wolfgang Schäuble und Norbert Röttgen hinzu. Einer also, der es schwer haben wird, dem nächsten Kabinett Merkel anzugehören, und einer, der fest damit rechnet. Röttgen weiß noch nichts von den Botschaften oben und sagt unten im Foyer zu ein paar Bekannten, man müsse bei aller Freude über den Sieg sicher auch darüber reden, warum die Union vermutlich noch schlechter abschneiden wird als beim letzten Mal.

Angela Merkel verbat sich nach der letzten Bundestagswahl eine solche Analyse. Für sie ist ein Grund inzwischen glasklar: In einem Sechs-Parteien-System kann es nicht mehr die 40-plus-X-Mehrheiten geben, die ihre Vorgänger abräumten. Außerdem hält sie viele Wähler für verunsichert, nicht zuletzt wegen der wirren SPD-Kampagne um "illegitime Überhangmandate". Frau Merkel hat im Wahlkampf selbst bizarre Begegnungen mit höchst ahnungslosen Wählern gehabt. In ihrem Wahlkreis in Stralsund sagte ihr eine Frau strahlend, sie sei eine tolle Kanzlerin und bekäme daher ihre Erststimme. Um ihr aber die Umweltpolitik zu erleichtern, werde sie mit der Zweitstimme Grün wählen. Nahezu anrührend wirkte eine Wählerin in Berlin auf sie. Als Dank für die gelungene Kanzlerschaft wolle sie ihr ihre Erststimme geben, sagte die Wählerin der Kanzlerin freudig. "Und weil wir eine starke Opposition brauchen, wähle ich mit der Zweitstimme die Linkspartei."

Die Kleinen sind die Sieger

Die kleinen Parteien bekommen am Wahlabend alle das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Dagegen Union das zweitschlechteste und die SPD das schlechteste seit Gründung der Bundesrepublik. Doch im Adenauer-Haus bricht um 18 Uhr zur ARD-Prognose der Jubel los, als für die Union 33,5 Prozent verkündet werden. Der Jubel steigert sich, als die 22,5 Prozent für die SPD gezeigt werden. Schreie und Hurra-Gebrüll erklingt zu den 15 Prozent der FDP. Eine Genscher-in-Prag-Stimmung kommt auf, als der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn auf dem Fernsehgerät erscheint und nüchtern sagt: "Wir haben eine Situation in der mit großer Wahrscheinlichkeit Union und FDP eine Mehrheit im Deutschen Bun...", da bricht das Siegesgebrüll seinen Satz ab im Adenauer-Haus.

Rüttgers, Wulff und Schäuble verkünden die Botschaften, niemand weicht ab. Schäuble weist besonders auf den ersten schwarz-gelben Wahlsieg seit 1998 hin - seiner Zeit. Ob er weiter im Kabinett bleibt? "Nun wollen wir erst mal den Abend hier genießen", sagt er und schmunzelt.

Nur die Mehrheit im Bundesrat wackelt

Wo bleibt Angela Merkel? Sie sitzt oben und wartet die Reden Steinmeiers und Münteferings ab. Das dauert. Beust schaut nach zehn Minuten genervt auf die Armbanduhr. Koch fletscht die Unterlippe. Die bestellten Klatscher unten in den orangefarbenen "TeAM"-T-Shirts rufen "Angie, Angie" gegen den Fernsehschirm, auf dem Steinmeier zu sehen ist. Draußen in den Zelten schwitzen die Leute vor dem Buffet der Union - Würstchen mit CDU-Branding. Was redet der Steinmeier jetzt so lang über die Erfolge der SPD in der großen Koalition? Einer der CDU-Vorständler sagt, der müsse sich jetzt die SPD-Linke vom Hals halten, lasst ihn also reden. Angela Merkel wartet auch genauere Zahlen aus Schleswig-Holstein ab. Kommt es dort zu Schwarz-Gelb, und es sieht sehr knapp aus, könnte sie endlich "durchregieren", weil dann auch im Bundesrat Union und FDP die Mehrheit hätten.

Nach 19 Uhr wird die wiedergewählte Kanzlerin mit "Angie"-Rufen begrüßt. Pofalla überreicht ihr einen Blumenstrauß und umarmt sie. "Liebe Freunde", sagt die CDU-Vorsitzende, doch sie wird überjubelt. Beim dritten Ansatz wird sie gehört. Das Wahlziel sei erreicht, sagt auch sie, "mit einer stabilen Mehrheit in eine neue Regierung", so verkündet sie Schwarz-Gelb. "Das ist gut." Jubel im Adenauer-Haus, dass es bebt auf den Balkonen. Nur gegen die SPD sagt die noch immer schwarz-rot Gekleidete kein Wort, kein bisschen Häme. Stattdessen: "Mein Verständnis war es und ist es, dass ich die Bundeskanzlerin aller Deutschen sein möchte." Dann beugt sie zu viel innerparteilicher Selbstkritik vor: "In Deutschland ist es der CDU noch nie gelungen, aus einer großen Koalition in die neue Regierung zu kommen." Damit stellt sie sich als erfolgreicher dar als ihr Vorgänger Kiesinger, der 1969 zwar fast die absolute Mehrheit gewann, aber die Kanzlerschaft verlor. Dann wünschte die Kanzlerin ihrer Partei und sich: "Schöne Party!"

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