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Guido Westerwelle Der große alte Mann der FDP

22.09.2009 ·  Guido Westerwelle hat das Clownskostüm gegen die Staatsmannsuniform eingetauscht, und die lange Zeit der Albernheiten ist längst dem Habitus des Gentleman gewichen. Jetzt muss seine Partei nur noch mitregieren.

Von Peter Carstens
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Durch Guido Westerwelle geht ein Ruck, als sei elektrischer Strom in seine Glieder gefahren. Für Sekundenbruchteile legt er seine Rechte an den Ellbogen des Lebensgefährten an seiner Seite; eine Handreichung in ein derzeit ungelebtes Leben. Dann öffnen sich hohe Türen. Westerwelle betritt eine Wahlkampfarena. Aus dem Curio-Saal an der Rothenbaumchaussee brandet Beifall, ein Schlager der achtziger Jahre hämmert Westerwelle ans Trommelfell: „Don’t stop thinking about tomorrow!“ Der Spitzenkandidat der Partei schreitet langbeinig mitten ins Hamburger FDP-Milieu, reckt die Rechte steil empor, als wolle er nach den Kristallleuchtern greifen. Plakate mit seinem Namen schießen in die Höhe. Etwa fünfhundert springen von den Stühlen. Erfolgsmänner in blau-weiß gestreiften Hemden, bunten Hosen, handgenähten Lederschuhen applaudieren genauso heftig wie Unternehmerinnen von Fünfzig im Burberry-Look ihrer englischen Mädchenträume und zart geschminkte blonde Studentinnen im Gewande ihrer künftigen Schwiegermütter. Das Ganze wirkt wie eine Eigentümerversammlung in Kampen auf Sylt. Die Hamburger FDP ist nicht gerade die stolzeste Truppe der Partei: zerstritten und chronisch erfolglos, obgleich dort alles nach affinem Milieu duftet. Für Westerwelle ist hier niemand zu gewinnen, alle gehören längst dazu. Keine Hinzukommer.

Hinzukommer, das sind die Leute, die Westerwelle bei seinen Wahlkampfveranstaltungen haben will. Leute, die bei seinen öffentlichen Auftritten zwischen Flensburg und Konstanz zufällig vorbeikommen, stehenbleiben und nicht mehr weggehen. Für die wirft er sich ins Zeug, diese Bewohner der „Mitte der Gesellschaft“ will er gewinnen. In Schwerin, am Nachmittag zuvor, hatte er im milden Herbstlicht seine Dr.-Guido-Westerwelle-Sprechstunde abgehalten. Die Krankheiten der Gesellschaft hatte er beschrieben – den schrumpfenden Mittelstand, die bangende Familie des Handwerkers, der „mit seinem letzten Hosenknopf“ ums Überleben kämpft, die Bildungsmiseren, das ideenlose Regime der Schwarz-Roten – und dann seine Rezepte verteilt. Steuern senken, in Bildung investieren, Leistung fördern. Alles klingt danach, als würden er, Dr. Westerwelle und seine FDP-Assistenzärzte, vom 28. September an das Land heilen von Verzagtheit und vor allem von der Steuerpest: riesengroße Freibeträge, drastischer Rückschnitt bei der „kalten Progression“ und dann die Steuerstrukturreform. Das alles steht bei der FDP auf dem Zettel. Für sich selbst plant Westerwelle allem Anschein nach eher eine Rolle als Außenminister im Weltspital und weniger an den heimischen Operationstischen der Krise.

Heimlichtuerei für den Parteifrieden

Doch darüber wird im Wahlkampf nicht geredet. Um den inneren Frieden in der Partei zu wahren, wird den Wählern systematisch verheimlicht, wer was werden soll: Cornelia Pieper Wissenschaftsministerin? Rainer Brüderle ins Wirtschaftsministerium, Otto Solms Nachfolger von Steinbrück? Birgit Homburger an die Spitze der Fraktion? – Wenn man Westerwelle auf den Überlandfahrten in seinem Wahlkampfbus danach fragt, reagiert er folgendermaßen: Erst schaut er einen lange traurig an, dann blicken seine blauen Augen scharf wie spitze Bleistifte und er lächelt verächtlich. Unprofessionelle Frage. Niemand wird vor der Wahl erfahren, wen der Parteivorsitzende gegebenenfalls in die Ministerien schickt. „Vertrauen Sie uns!“, ruft Westerwelle in Schwerin, Münster oder München von seiner gelb-blauen Bühne herab, „Wägen Sie!“ und „Wort halten ist auch ein Kriterium!“ Der Protest der wenigen Grünen auf dem Schweriner Marktplatz ist verhalten, einige versuchen, ihn zu provozieren: „Ich will ein Kind von dir!“, ruft eine junge Frau mit Batiktuch, Westerwelle überhört sie.

Ganz scheinvertraulich redet Dr. Westerwelle also mit den Wählern, die ihn ja tatsächlich auch schon eine Weile kennen: „Schauen Sie“, sagt er, „ich bin erst auf der Realschule gewesen und danach durfte ich dann auf das Gymnasium . . .“, so erzählt er den Schwerinern von seinem akademischen Aufstieg im Bonner Akademikermilieu (Mutter und Vater sind Anwälte), der mit der Promotion des jungen Juristen an der Fernuniversität Hagen einen vorläufigen Höhepunkt fand. Westerwelle hat dann noch viele Jahre gebraucht, bis er lernte, sich selbst etwas zu bedeuten. Heute redet er über die „Schnapsideen“ (Westerwelle), mit denen er noch vor wenigen Jahren seine Partei und die Wähler veralberte (Guidomobil, 18-Prozent-Schuhsohlen, Kanzlerkandidatur), als seien das spätpubertäre Anwandlungen gewesen. Immerzu redet er in privatistischen Interviews in „Super-Illu“, „Bild am Sonntag“ oder „Frau im Spiegel“ von der Reifung seiner selbst. Die Spaßwahlkämpfe der Vergangenheit stilisiert Westerwelle auf diese Weise zu Studentenstreichen. Dabei war er 2002, auf dem Höhepunkt der Albernheiten, kein Bengel von zweiundzwanzig, sondern ein Mann von einundvierzig Jahren.

Habitus eines gut durchbluteten Gentleman

Inzwischen hat er sich am anderen Ende der Altersskala breit gemacht. Sein Habitus gleicht seit längerem dem eines gut durchbluteten Gentleman. Auf den Wahlkundgebungen trägt er Staatsmannsuniform: dunkle Anzüge, gelb durchwirkte Krawatten, blütenweiße Hemden. Fehlt bloß noch ein gelber Pullunder. Westerwelle redet im Plauderton, kein Geschrill, kein Gebrüll, höchstens mal ein Witz über das abgekühlte Verhältnis zwischen Umweltminister Gabriel (SPD) und seinem groß gewordenen Patenkind, dem Eisbären Knut. Von Kanzlerin Merkel erzählt er ein Beispiel bildschöner, jedoch wirkungsloser politischer Geste: Wie sie sich nach Grönland habe fahren lassen zu den Eisbergen und dort „im roten Kampfanzug und begleitet von einem Dutzend Journalisten“ einen „ganz persönlichen Eindruck vom Klimawandel und vom Abschmelzen der Gletscher“ habe gewinnen wollen. „Man muss allerdings“, höhnt Westerwelle, „schon sehr, sehr lange auf so einen Gletscher schauen, um ihm höchstpersönlich beim Abschmelzen zuzusehen!“ Doch das sind kleine Seitenhiebe, von Bosheiten hat sich die FDP im Wahlkampf ferngehalten. Nur einmal, als die politischen Artilleriegeschosse von CSU und CDU immer häufiger bei der FDP landeten, hat er Mitte August energisch gerufen: „Jetzt reicht’s – der Gegner steht links!“ Dennoch hat in der FDP die Befürchtung zugenommen, die Unionsparteien könnten zum gemeinsamen Erfolg zu wenige Wählerstimmen beitragen. Was Westerwelle in diesem Zusammenhang über den bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer denkt, dazu schweigt er bei seinen Wahlkampfreden.

Später im Bus überkommt Westerwelle eine aufgekratzte Erschöpfung. Mit Volldampf hat er den Europawahlkampf bestritten, dann, nach einer Woche Mallorca-Urlaub, die Kämpfe um die Landesparlamente in Thüringen, Sachsen und dem Saarland. Nun redet er täglich zweimal vor fünfhundert, tausend oder eintausendfünfhundert Wählern. Die Grünen wären froh über solchen Zulauf. Mancherorts kamen zu Westerwelles Veranstaltungen mehr Wähler als zum SPD-Kandidaten. Darauf ist er stolz, er füllt die Marktplätze, früher hat es immer nur zu kleineren Sälen und Wirtsstuben gereicht.

Seine Partei, die FDP, setzt ganz auf seine Redegabe und sie vertraut sich inzwischen seiner Führung an. Westerwelle hat vor vier Jahren handstreichartig seinem Vorgänger Gerhardt zusätzlich zum Parteivorsitz den Vorsitz der Bundestagsfraktion entwunden. Da gab es in den eigenen Reihen anfangs viel Skepsis, ob sein Fleiß und seine Führungskunst hinreichen würden, beide Ämter zu füllen. Eine Fraktion von etwa sechzig freien Abgeordneten zu leiten ähnelt der Führung eines mittelständischen Unternehmens, allerdings eines mit sechzig gefühlten Generaldirektoren. Westerwelle hat das geschafft. Nicht nur nach Ansicht seiner Mitstreiter ist er im Bundestag einer der besten Redner, schonungslos nicht bloß gegen die grünen oder roten Lieblingsgegner, sondern auch gegenüber der Bundeskanzlerin, der er immer wieder vorwarf, sie betreibe eine „erschreckende Sozialdemokratisierung der Union“.

Wenig Raum für Außenpolitisches

´Für außenpolitische Übungen blieb bei alledem wenig Raum. Eine längere Reise nach China, Abstecher in die Türkei und nach Polen, viel mehr war nicht drin. Dann waren wieder die Wahlkämpfe dran, landauf, landab. Jede der vierzehn Landtagsfraktionen, die die FDP inzwischen stellt, hat ihren Erfolg auch seinen Auftritten zu verdanken, Westerwelle war in diesen Wahlkämpfen stets das Pferd, das den Karren zieht. Einmal, im Frühsommer, hat er vor der vornehmen Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) eine breit angekündigte „Grundsatzrede“ gehalten, die sich allerdings als eine ziemlich steif vorgetragene Ansammlung von Allgemeinplätzen erwies. Noch hat der mögliche Außenminister einer schwarz-gelben Koalition nicht entschieden, ob er sich bei seiner nächsten Wandlung als politischer Nachfolger Hans-Dietrich Genschers stilisiert oder doch einen anderen Vorgänger von der FDP im Auswärtigen Amt zum Vorbild wählt, nämlich den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel. Bei dem, so sagte er am vergangenen Samstag bei einem Festessen zu Scheels neunzigstem Geburtstag im Charlottenburger Schloss, hätten „charmante Freundlichkeit und ein großes Durchsetzungsvermögen“ zusammengefunden. Sein „Optimismus, Zukunftsmut und eine Portion Fröhlichkeit“ dürften wieder „zum Markenzeichen deutscher Politik“ werden. Das klang, als habe Westerwelle von sich selbst gesprochen. Opposition sei, sagte er zum Schluss seiner Rede, „eine ehrenvolle Aufgabe in der Demokratie – aber jetzt ist es auch gut“.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.