26.09.2009 · Im Leben von Lukas Altenbockum aus Lüdinghausen ist gerade viel zu entscheiden: Was soll er werden? Geht er nach dem Abitur ins Ausland? Und wem gibt er am Sonntag seine Stimme? Eine Reportage von Hubert Spiegel über das Kreuz mit dem ersten Mal.
Von Hubert SpiegelWenn am Sonntagmorgen um acht Uhr in Deutschland die Wahllokale öffnen, werden die Erstwähler von Lüdinghausen noch schlafen. Am Abend zuvor dürfte es spät werden. Es wird gefeiert. Auf der Einladungskarte lächelt ein blondes Pin-up-Girl aus den fünfziger Jahren, darunter sind alle Informationen auf einen Blick zu finden. Der Eintritt kostet sieben Euro, immerhin, aber im Vorverkauf nur sechs. Die „Happy Hour“ findet zwischen 20 und 21 Uhr statt, der DJ kommt aus Dortmund und heißt Bermudo, Shuttlebusse fahren fünf verschiedene Stationen in der Stadt und im Umland an und sorgen dafür, dass die Partygäste sicher nach Hause kommen, auch wenn sie womöglich eine Getränkewertmarke mehr vertrunken haben, als sie vertragen können. An alles scheint gedacht, alles ist bestens vorbereitet. Sogar die Gema-Gebühren für die Musik und eine Haftpflichtversicherung haben die Schüler nicht vergessen. Kein Zweifel, die „Abivofi Canisianum“ ist professionell organisiert.
Die Abkürzung steht für „Abiturballvorfinanzierung“ der Jahrgangsstufe 13 des Gymnasiums Canisianum in Lüdinghausen. Dahinter verbirgt sich ein Fest, das nur veranstaltet wird, um die Finanzierung eines weiteren Fests im kommenden Jahr sicherzustellen. Was sich heute abend und im Laufe der Nacht in der Kasse ansammeln wird, soll im nächsten Jahr beim Abiturball verbraten werden. Unter haushaltspolitischen Gesichtspunkten betrachtet, ist die Abivofi eine vernünftige Sache. Sie ist aber auch ein Akt vorausschauender Partypolitik, dessen Nachhaltigkeit außer Frage steht. Heute feiern und damit die Party von morgen sichern - das wäre als politisches Programm nicht nur unter Erstwählern erfolgversprechend. Aber es geht nicht um Politik.
Der leere Wahlzettel als Protest
Für ein solches Fest müssen zahlreiche Entscheidungen getroffen werden: Welcher Ort eignet sich am besten, was soll der Eintritt kosten und wie viel die Getränkemarken? Welches Bier wird wo in welcher Menge gekauft und welcher DJ engagiert? Da wird diskutiert und gestritten, Mehrheiten bilden sich und zerfallen wieder. Es gibt ja immer mehr als nur eine Möglichkeit, aber irgendwann, irgendwann muss man wählen.
Als Lukas Altenbockum zum ersten Mal in der Wahlkabine stand, hat er kein Kreuz gemacht. Das war bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen im vergangenen August. Er hätte auch zu Hause bleiben können wie so viele andere, doch er hat sich für die Wahl entschieden - aber gegen das Wählen. „Es kann ja hinterher keiner wissen, warum einer nicht zur Wahl gegangen ist“, sagt er. „Vielleicht hatte er keine Zeit oder keine Lust, er war krank, verreist oder hat es vergessen“. Lukas Altenbockum wollte, dass sein leerer Wahlzettel wahrgenommen wird - nicht nur als Protest, sondern vor allem als klares Votum gegen das Angebot, das ihm vorgelegt worden war. „Alle Parteien haben sich im Wahlkampf mit Versprechungen überschlagen. Alle haben immer nur aufgezählt, was der Bürgermeister alles versäumt oder falsch gemacht hat. Aber keine hat konkret gesagt, was genau sie anders machen will. Wie soll man da zu einem Urteil kommen?“
Etwa 3,5 Millionen Erstwähler in Deutschland
Die Frage stellt sich in diesem Jahr für etwa 3,5 Millionen Erstwähler in Deutschland. Das sind mehr als fünf Prozent der 62,2 Millionen Wahlberechtigten, genug, um eine Partei im Alleingang in den Bundestag zu bringen. Allerdings müssten dann alle, die zwischen dem 17. September 1987 und dem 27. September 1991 geboren wurden, zur Wahl gehen und ihre Stimme derselben Partei geben. Bei der letzten Bundestagswahl aber, als die Wahlbeteiligung mit achtundsiebzig Prozent so niedrig wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen ist, lag die Quote der Erstwähler sogar noch acht Prozentpunkte unter dem Schnitt. Fast jeder Dritte hatte die erste Gelegenheit in seinem Leben, darüber mitzubestimmen, wer Deutschland regiert, ungenutzt verstreichen lassen. Die Parteien müssten hier also Chancen wittern. Aber wenn man Alt- und Jungwähler vergleicht, wirkt die soeben noch stolz klingende Zahl von 3,5 Millionen Erstwählern plötzlich ganz klein: Fast jeder dritte Wahlberechtigte in Deutschland ist älter als sechzig Jahre. 11,4 Millionen und damit 18,3 Prozent sind über siebzig Jahre alt.
„Hier wird ein Altersheim gebaut“, sagt Lukas Altenbockum und zeigt auf eine Baustelle, als wir seine Schule verlassen, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen. „Das ist dann das vierte in Lüdinghausen.“ Der Ort, der zwischen Dortmund und Münster liegt, hat 24.000 Einwohner. Kein Dorf, aber auch keine Großstadt. Das Schwimmbad war zwei Jahre lang geschlossen, hat aber im Gegensatz zum Kino wieder einen Betreiber gefunden. Um das Bowlingcenter, dessen Ansiedlung im letzten Kommunalwahlkampf diskutiert wurde, ist es mittlerweile wieder still geworden, aber im alten Bahnhof gibt es seit neuestem den „Statt Strand“, „ein neues Freizeitangebot für Jugendliche“, wie Lukas Altenbockum nüchtern konstatiert. War das nun Ironie? In den Augen eines Neunzehnjährigen müsste Lüdinghausen zu jenen Orten zählen, in denen man sich ohne große Mühe zu Tode langweilen kann.
Eine Generation ohne Gesicht und Kontur
Fast zwei Stunden dauert der Rundgang durch den Ort. Bekannte werden gegrüßt, die imposanten Karpfen im Schlossgraben des Grafen inspiziert, die Porträtbüsten historisch bedeutsamer Lüdinghausener begutachtet. Hier ist die Joggingstrecke, dort die Schule, auf die Lukas nach der vierten Klasse nicht gehen wollte, weil dort schon damals Samstagsunterricht stattfand. Der Samstag müsse frei bleiben, habe er gedacht. Einer Partei, die Ganztagsschulen für alle einführen will, würde er seine Stimme nicht geben: „Ein Kind, das normal aufwachsen soll, braucht auch außerschulische Aktivitäten.“ Keine Schule könne alles anbieten, und wenn Schüler gezwungen seien, sich auf das schulische Angebot zu beschränken, würde ihre Individualität eingeschränkt. „Ich will, dass sich eine Persönlichkeit selbst entwickeln kann.“ Aber wie entwickeln eigentlich Jugendliche heutzutage ihre Persönlichkeit? Lukas Altenbockum denkt kurz nach. „Das kann man so allgemein vermutlich gar nicht sagen“, sagt er dann.
Früher hat es alle paar Jahre einen neuen Typus des Jugendlichen gegeben, der eine Zeitlang zumindest den oberflächlichen Eindruck prägte: Punker, Popper, die Müsli- oder die No-future-Fraktion, später Raver und Techno-Anhänger. Zurzeit, so scheint es, haben die Achtzehn- bis Zwanzigjährigen kein Gesicht und keine Kontur. Sie sind die erste Schülergeneration, die mit dem Internet aufgewachsen ist und Amokläufe von ihresgleichen nicht mehr nur als Schreckensnachrichten aus Amerika kennt. Während sich diese Generation auf ihr Abitur vorbereitet und sich für einen Beruf entscheiden soll, wird sie Tag für Tag damit konfrontiert, dass der internationale Terrorismus uns alle bedroht, die Klimakatastrophe vermutlich schon nicht mehr abzuwenden ist und die größte Finanzkrise seit der Steinzeit ihr eine Schuldenlast aufbürdet, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Wie wird ein Neunzehnjähriger damit fertig?
Suche nach Identifikation
„Das ist schon komisch“, sagt Lukas, „aber ich wüsste auch nicht, was für meine Generation besonders typisch ist.“ Die Wut auf eine Gesellschaft, die auf Kosten ihrer Nachkommen lebt, ist es jedenfalls nicht. Sie ist ein Gefühl, das er verständlich findet, aber nicht hat. „Was würde das bringen?“ Oft, wenn von seiner Generation die Rede ist, hört er zu und fragt sich, ob da wohl gerade von ihm gesprochen wird: „Meinen die mich? Bin ich so wie die, von denen da geredet wird?“ Nein, in der Regel fühlt er sich nicht angesprochen, nicht getroffen, nicht gemeint.
Als vor der Kommunalwahl der Anstieg der Kriminalität in Lüdinghausen zum Thema wurde, hat sich Lukas Altenbockum angesprochen gefühlt. Auf der Südwiese waren innerhalb kurzer Zeit vier Personen überfallen worden, darunter auch eine Bekannte der Eltern seiner Freundin, die daraufhin nach 18 Uhr nicht mehr allein mit dem Fahrrad über die Wiese fahren wollte. Aber keine Partei habe konkrete Maßnahmen genannt, die ergriffen werden müssten. Jetzt, vier Wochen vor der Bundestagswahl, auf dem Rundgang durch Lüdinghausen, weiß Lukas Altenbockum weder, wem er seine Stimme geben soll, noch, welches Wahlkampfthema ihn betrifft. „Wenn man zum ersten Mal wählen soll, dann fragt man sich ja, wozu stehe ich eigentlich, was will ich in Zukunft? Und dann sucht man bei den verschiedenen Parteien und Kandidaten nach irgendetwas, womit man sich persönlich identifizieren kann.“ Aber was könnte das sein?
Noch viele offene Wahlmöglichkeiten
Die Frage, ob er konservativ oder liberal, grün oder sozialdemokratisch orientiert sei, hat er sich bislang nicht gestellt. Er denkt nicht in Lagern, er folgt nicht ihren Traditionen. Im Sport hat er sich gegen Fußball und für Schwimmen entschieden, als Fan gegen Dortmund und für Schalke. Als Leistungskurse hat er Deutsch und Englisch gewählt, bei der Wahl des Nebenjobs war der Stundenlohn nicht ausschlaggebend. Drei- bis viermal in der Woche arbeitet er im Callcenter eines Versandhandels für Jagd- und Angelbedarf. Aus dem Angelverein ist er ausgetreten, als der Jahresbeitrag von fünfzig auf einhundertfünfzig Euro anstieg, weil er achtzehn wurde. „So oft gehe ich nun auch wieder nicht angeln.“ Dass er die Kunden am Telefon beraten kann und weiß, was er verkauft, ist ihm wichtig. Womit er später sein Geld verdienen will, hat er noch nicht entschieden. Auch diese Wahl ist noch offen.
„Ich bin keiner, der die Parteiprogramme hintereinander durchliest. Da ist kein spezielles politisches Wissen bei mir, eher eine Mischung aus Allgemeinbildung und dem, was durch die Medien an einen herangetragen wird.“ Jeden Morgen liest er die Lokalzeitung, beim gemeinsamen Frühstück mit den Eltern und der jüngeren Schwester. Das Fernsehen spielt keine große Rolle, das Internet nutzt er gezielt: „Wenn man nicht aufpasst, geht im Netz unheimlich viel Zeit verloren.“ Zeit, die er nicht hat: „Die Schule, der Job, meine Freundin, das Schwimmtraining bei der DLRG, die Fahrten zu den Spielen von Schalke - mein Leben ist eigentlich relativ gut ausgefüllt.“
Prädestiniert für die Kommunalpolitik
Bislang hat sich dieses Leben vor allem in Lüdinghausen abgespielt. Die Altenbockums sind eine große Familie. Fast alle in der Gegend geblieben. Nur ein Onkel ist ausgewandert, nach Paderborn. „Ich bin hier geboren, aufgewachsen, in den Kindergarten und in die Grundschule gegangen, jetzt gehe ich hier aufs Gymasium. Meine Familie ist hier, meine Freunde. Lüdinghausen hat mir viel gegeben.“
Die Bemerkung, dass jemand, der so fest verwurzelt in seinem Heimatort ist, der die Dinge gern selbst in die Hand nimmt und seine Freiheit darin findet, sich in dem Gegebenen ganz nach seinen Vorstellungen einzurichten, die besten Voraussetzungen für ein Engagement in der Kommunalpolitik mitbringt, verblüfft ihn. Für einen Moment und nur dieses eine Mal ist er verunsichert. Drei Wochen später hat er nicht nur eine Wahlentscheidung getroffen, sondern weiß auch, dass seine Partei in Lüdinghausen noch keine Jugendorganisation besitzt.
Ein Leben voller Kompromisse
Es sind noch sechs Tage bis zur Bundestagswahl und fünf bis zur Abivofi. Lukas Altenbockum steht in seinem Zimmer. Den Laptop auf dem großen Schreibtisch, der dem Jugendzimmer etwas Büromäßiges verleiht, hat er von seinem eigenen Geld gekauft. Auch den Urlaub, der in diesem Sommer auf Ibiza und in Schweden stattfand, hat er selbst finanziert. Die Eltern, der Vater ist Elektromeister mit eigenem Betrieb, sind beim Kegeln. Oder beim Kartenspielen. Sie würden ihn während des Studiums zwar finanziell unterstützen, „aber sie werden bestimmt nicht alles bezahlen. Weil sie es wahrscheinlich nicht könnten, aber auch gar nicht wollen. Das finde ich auch richtig.“
Vielleicht geht er nach dem Abitur zunächst nach Australien oder Amerika. Der Zivildienst oder ein freiwilliges soziales Jahr lassen sich auch im Ausland ableisten. Und wenn er dort hängenbliebe? Die Frage erscheint ihm abwegig, die Antwort klingt dennoch vorsichtig: „Das kann ich zumindest nicht vollständig ausschließen.“ Für den Fall, dass er nach der Schule lieber sofort das angestrebte duale Studium beginnen sollte, schreibt er jetzt schon Bewerbungen an große Unternehmen. Er liebt klare Verhältnisse, hält sich aber gern alle Möglichkeiten offen. Dass es am Ende immer im Leben zu einem Kompromiss kommen muss, scheint ihm selbstverständlich. Der Neunzehnjährige nimmt es hin wie die Schwerkraft.
Kleine Hoffnungen statt großer Träume
Hundertprozentig gibt es nicht. Man kann sich nie vollständig mit einer Partei identifizieren. Da muss man abwägen, wo man Vorteile sieht und wo Zugeständnisse möglich sind“, sagt er und klingt, als habe er bereits Koalitionsverhandlungen mit seinem Bundestagskandidaten aufgenommen. Wahlkampfparolen nimmt er kaum wahr. „Leistung muss sich wieder lohnen? Leistung hat sich doch wohl immer gelohnt. Und ich glaube, das wird auch so bleiben.“ Zukunftsangst ist ihm fremd. Er glaubt, dass schwere Zeiten auf seine Generation zukommen, ist aber zuversichtlich, dass er den heutigen Lebenstandard seiner Eltern auch aus eigener Kraft erreichen könnte. „Ich bin der Erste in der Familie, der studieren wird. Vielleicht kann ich ja sogar noch ein bisschen drauflegen.“ Auch künftig würden Leute gebraucht, die bereit seien, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. „Ob man einen Arbeitsplatz bekommt, ist letztlich doch immer noch eine Frage der Qualifikation.“
Wahrscheinlich macht sich kaum jemand in dieser Generation viele Illusionen. An die Stelle großer Träume treten kleine Hoffnungen. Man gibt sich leistungsbereit und verantwortungsbewusst. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist groß, aber größer noch ist der Druck, sich flexibel zu zeigen. Dass diese Generation noch kein Gesicht hat, muss noch nichts über die politische Mentalität sagen, die zu entwickeln sie gerade im Begriff ist.
Zu viel Ablenkung
Am Sonntag wird Lukas Altenbockum die Partei wählen, deren Kandidat ihm bei einer gemeinsamen Veranstaltung aller Parteien in der Aula des Canisianums am meisten überzeugt hat. Mit dem Wahl-O-Mat hat er anschließend im Internet überprüft, ob das Parteiprogramm seinen Überzeugungen entspricht. Entscheidend war für ihn aber vor allem die Haltung der Parteien in der Frage der Vorratsdatenspeicherung zum Datenschutz. „Dass der Staat seine Bürger ausspioniert, und zwar angeblich aus Gründen der Sicherheit, das ist doch selber schon fast kriminell.“ Die Piraten-Partei hat er bislang kaum wahrgenommen. „Ich dachte, dass ist eher ein Witz, oder?“
Was würde der Erstwähler sich wünschen, wenn er einen Wunsch frei hätte? Nicht für sich, sondern für seine Generation. Welche Eigenschaft fehlt ihr am meisten, wo liegt ihr größtes Defizit? Lukas Altenbockum denkt lange nach. Dann sagt er: „Das ist eigentlich ganz einfach. Ihr größter Mangel liegt in der Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen. Es gibt zu viel Ablenkung. Damit kommen viele aus meiner Generation wohl einfach nicht klar.“ Es klingt, als sei es das Wählen selbst, das dieser Generation ein großes Problem bereitet.