Home
http://www.faz.net/-geh-13tns
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Flashmobs Blitzmeuten im Spätwahlkampf

22.09.2009 ·  Sie kommt scheinbar aus dem Nichts, ist laut, und ihr Jubel bedeutet kein Lob: die Blitzmeute. Der sogenannte „Flashmob“ changiert zwischen Internet-Spaßgesellschaft und Protestbewegung 2.0. Nicht nur Kanzlerin Merkel macht er zu schaffen.

Von Reinhard Bingener, Reinhard Veser und Marie Katharina Wagner
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (13)

Sie kommt scheinbar aus dem Nichts, ist laut und ihr Jubel bedeutet kein Lob: die Blitzmeute. Schon zum zweiten Mal hatte Angela Merkel am Montagabend während einer Wahlkampfrede in Mainz mit etwa 150 Besuchern zu schaffen, die jeden ihrer Sätze - gleich welchen Inhalts - mit einem lautstarken und langgezogenen „Yeaahh“-Ruf quittierten.

Am vergangenen Freitag war der Kanzlerin auf dem Gänsemarkt in Hamburg bei einer Veranstaltung Ähnliches widerfahren. In Mainz hatten die Rufer ihr Repertoire allerdings schon erweitert: Neben dem Jubelruf wurden wahllos einzelne Wörter aus der Rede der Kanzlerin wiederholt, etwa „Wachstum“, „fünf“ oder „Hintertür“. Der erfolgreichste Mitschnitt bringt es bei „Youtube“ auf mehr als 200.000 Aufrufe (siehe auch das Video bei Youtube: Flash Mob bei Merkel-Auftritt in Hamburg).

Zwischen Internet-Spaßgesellschaft und Protestbewegung 2.0

Die Aktion der Blitzmeute changiert zwischen Internet-Spaßgesellschaft und Protestbewegung 2.0, zwischen „Smartmob“ und „Flashmob“. Der Flashmob sucht lediglich die Zerstreuung und Erheiterung in den Zwängen des Großstadtlebens, der Smartmob hingegen ist eine Form der politischen Agitation. Beiden ist gemeinsam, dass der Aufruf zur Ad-hoc-Vergemeinschaftung über Blogs, Twitter, SMS und MMS verbreitet wird. Die Grenzen zwischen Spontaneität und konzertierter Aktion sind dabei jeweils fließend.

Ausgangspunkt der Flashmobs in Hamburg und Mainz war die Verunstaltung - wohlwollender könnte man auch sagen: die Verfremdung - eines CDU-Plakats. Auf diesem wurde unter einem Konterfei der Kanzlerin mit dem Schriftzug „Die Kanzlerin kommt“ für deren Auftritt auf dem Hamburger Gänsemarkt geworben. Statt der Kanzlerin mit schwarzem Filzmaler einen schmalen Oberlippenbart oder einen raumgreifenden Gebissschaden anzudichten, erweiterte ein Unbekannter den Satz „Die Kanzlerin kommt“ um die Worte „und Alle so: Yeaahh“.

Über ein Foto des Plakats entspann sich eine Diskussion in Internetforen, wie denn die eigenartige Komik dieser Worte auf einen Begriff zu bringen sei. Ein Eintrag am Tag vor Merkels Rede bündelte dann die Diskussion zu einem Aufruf: „Gerne wäre ich morgen in Hamburg! Wer geht hin? Ein ,Yeaahh'-Flashmob?“, dem ein anderer Besucher des Forums sogleich die Pointe für den Auflauf lieferte: „LOL, ein Flashmob, der nach jedem Satz ,Yeaahh!' ruft, wäre unglaublich fantastisch :)“.

Campact-Mob und Blitzmeute

Zunächst galt die Internet-Plattform „Campact“ als Initiator der Flashmobs in Hamburg und Mainz. Campact organisiert per Newsletter Kampagnen gegen Atomkraft und andere Themen und hatte schon seit dem 15. September zu Flashmobs bei Wahlkampfauftritten von Angela Merkel, Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg aufgerufen. Auf ein Zeichen hin hielten etwa hundert Aktivisten kollektiv schwarz-gelbe Anti-Atomkraft-Plakate hoch und zerrissen sie dann stumm.

In Hamburg vermischte sich der Campact-Mob mit der Yeah-Blitzmeute, so dass sich die Plakat-Aktion „zu den ersten Worten der Kanzlerin verselbständigte“ und nicht „wie geplant - auf unser Zeichen“ begann, wie Campact im Internet schrieb. Christoph Bautz aus dem Führungsteam der Plattform distanzierte sich von den Yeah-Rufern. Ihre Aktion sei „eher unpolitisch“ gewesen und außerdem eine „massive Störung“ der Veranstaltung, was Campact ausdrücklich ablehne. Ihr Ziel sei es, durch die Flashmobs kurze Impulse zu geben, die nur etwa eine Minute dauerten.

Die Geburt des Flashmob wird in der Regel auf den Sommer 2003 datiert. Etwa hundert junge Männer und Frauen, vorwiegend aus Manhattans Online-Mittelschicht, leisteten damals dem Aufruf des Journalisten Bill Wasik Folge und gaben sich in einem Kaufhaus als Kommune aus, die einen wertvollen Teppich erwerben wolle, um ihn als „Liebesteppich“ zu nutzen. Die Idee wanderte um den Globus: Auf dem Ku'damm verlangten zahllose Personen in einem Kino Karten für einen Film, der überhaupt nicht lief; in São Paulo zogen gut hundert Menschen in Sekundenschnelle einen ihrer Schuhe aus und schlugen mit ihm auf einen Zebrastreifen; in Rom verlangte in einer Buchhandlung ein „Kunde“ nach dem anderen nach der - nichtexistenten - Fortsetzung „Pinocchio 2: Die Vendetta“.

Höllenlärm auf Deutschlands Bahnhöfen

Rasch wurde die Idee auch für politische Zwecke genutzt. Im Oktober 2007 setzte auf etwa 40 deutschen Bahnhöfen unvermittelt ein Höllenlärm ein, den etwa 2000 Menschen produzierten, um gegen die Bahnprivatisierung zu demonstrieren. 16 Gewerkschafter von Verdi befüllten im Juni 2009 in einem Kaufhaus Einkaufswagen mit kleinteiligen Produkten und stellten diese vor den Kassen ab. Ein Gericht urteilte, im Arbeitskampf sei das erlaubt. Auch wenn das Vorgehen von Verdi einem Smartmob ähnelte, für eine Blitzmeute fehlte der geplanten Aktion das anarchische Element.

Oppositionelle Jugendbewegungen in den autoritären Regimen Osteuropas, vor allem in Weißrussland, haben die Flashmobs zu einer gewaltfreien Partisanentaktik weiterentwickelt. Angekündigte Demonstrationen der Opposition werden in Minsk von den Sicherheitskräften oft schon im Ansatz gewaltsam unterbunden. Auf die scheinbar aus dem Nichts kommenden Flashmobs dagegen können die Sicherheitskräfte nur mit einer gewissen Verspätung reagieren. Zudem sind die Aktionen oft so gestaltet, dass gegen die Teilnehmer sogar nach den weit auslegbaren und repressiven weißrussischen Gesetzen keine Vorwürfe erhoben werden - etwa wenn auf einem belebten Platz im Zentrum von Minsk plötzlich hundert Menschen die Regierungszeitung aus der Jackentasche ziehen, demonstrativ zerknüllen, ordentlich in Papierkörbe stopfen und sich dann wieder zerstreuen.

Inspiriert wurden diese osteuropäischen Flashmobs nicht nur durch die Bewegung aus New York. Einer ihrer Vorläufer ist die polnische „Orange Alternative“, die in den achtziger Jahren durch unangekündigte Happenings die kommunistische Staatsmacht lächerlich machte. Charakteristisch für diese Bewegung war, dass sie auf politische Forderungen verzichtete. Alltagserscheinungen wurden ironisch aufgegriffen, Sicherheitskräfte durch reinen Nonsens provoziert. So riefen die Aktivisten zum Beispiel Menschenaufläufe hervor, indem sie auf der Straße Toilettenpapier verteilten, das damals in Polen wie viele Dinge des täglichen Bedarfs fast nicht erhältlich war. Den Aktionen der „Orange Alternative“ schlossen sich oft spontan Passanten an - während die Polizei sich lächerlich machte, wenn sie eingriff. „Jeder Polizist ist ein Kunstwerk!“, lautete eine Losung der Gruppe. Besonders erfolgreich in diesem Sinne war die von der „Orange Alternative“ provozierte Festnahme aller Weihnachtsmänner in der Innenstadt von Breslau im Dezember 1987, über die ganz Polen lachte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

Jüngste Beiträge