14.09.2009 · SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier hat sich im Fernsehduell ungewohnt offensiv und schlagfertig präsentiert. „Weil es eine bessere Alternative gibt: nämlich mich“, antwortete er auf die Frage, warum er Bundeskanzlerin Merkel ablösen wolle. Die CDU-Anhänger hatten nur wenig Grund zur Freude.
Von Wulf Schmiese, BerlinGelassen sei die Kanzlerin ins Studio von Adlershof gekommen, sagt einer, der sie und ihre Mannschaft empfing. Steinmeier dagegen habe zwar nicht gerade nervös, wohl aber sehr still und konzentriert gewirkt. Am Ende sollte es umgekehrt sein. Um es gleich zu sagen: Steinmeier war besser, jedenfalls weit besser als erwartet. Aber er hatte es auch leichter. Denn er wurde freundlicher behandelt, netter gefragt, weniger unterbrochen und vor allem: Er ist nicht Kanzler.
An Steinmeier geht im Ring die erste Frage, so war es abgemacht. Frank Plasberg fragt ihn, warum Angela Merkel nicht mehr Kanzlerin sein sollte? „Weil es eine bessere Alternative gibt - nämlich mich“, antwortet der frisch gescheitelte Steinmeier und lacht, als habe er einen Scherz gerissen. Dann versucht er sofort seine wesentlichen Punkte abzuspulen: „für Arbeit von morgen sorgen“ und „dass kein Weg zurück in die Atomkraft führt“, Mindestlöhne schaffen und so weiter und so fort. Damit hatte schon Müntefering zuvor die Journalisten bephrast. Plasberg dreht den Hahn rechtzeitig ab, bevor die Phrasen allzu auffällig sprudeln. Doch Steinmeier kann noch unterbringen, dass diese Regierung, also seine, die Krise bisher gemeistert habe.
Die Kanzlerin darf dann Peter Limbourg fragen. Da säge einer an Ihrem Stuhl, versucht er locker den Übergang. Limbourg will wissen, was Frau Merkel davon hält. Abgespannt wirkt die Kanzlerin im grellen Scheinwerferlicht, das Puder trocken, die Haut faltiger als auf den Werbeplakaten, auf denen „Wir haben die Kraft“ steht. Sie lässt sich nicht zu Kritik an ihrem Koalitionär verführen, sondern lobt erst einmal. Aber vor allem sich selbst. „Die große Koalition hat gut gearbeitet“, sagt sie und setzt hinzu: „Unter meiner Führung.“
Weil ihre Antwort den Fragern nicht gefällt, kommt es zum ersten kleinen Streit. Das sei ja mehr Duett statt Duell, zieht Limbourg den naheliegendsten Stabreim heraus. Die Kanzlerin aber kontert leicht zickig: „Ich beantworte die Fragen so, wie ich mir das vorgenommen habe.“ Ob das Duett oder Duell hier werde, „das überlassen wir mal den Zuschauern draußen“. Da ist die Stimmung gekippt. Lockerheit kommt nicht mehr auf, zumindest nicht zwischen Kanzlerin und Moderatoren. Steinmeier steht beiseite und genießt das Geplänkel. Er schaut freundlich abwartend, wie er das etwa neben einem Außenminister aus Syrien oder Libyen täte - neutral, aber nicht grimmig.
Maybritt Illner versucht die vermeintliche Harmonie der Großkoalitionäre mit Streit wie bei „Ehen von Gericht“ zu entzweien. Auch sie wird von Frau Merkel dafür getadelt: „Lassen uns doch erst mal die Fragen beantworten.“ Peter Kloeppel will von Steinmeier wissen: Duzen Sie sich mit der Bundeskanzlerin? „Nein“, sagt der, „das halte ich auch nicht für notwendig“. Frau Merkel hatte bis dahin auch nicht so gewirkt, als wolle man sich gern mit ihr duzen.
Steinmeier weicht der Antwort aus, warum er in Krisenzeiten aus der Koalition wolle. „Abwarten“, sagt er oder so etwas Ähnliches und stellt seine SPD als eigentliche Krisenentschärferin dar. „Wir sind unter unseren Möglichkeiten geblieben. An vielen wichtigen Stellen sind wir gescheitert, weil die Union manches nicht mitgetragen hat.“ Auch das hatte Müntefering fast wortgleich schon zuvor verbreitet.
Ist Angela Merkel eine Marktradikale?
Die Bundeskanzlerin doziert kompliziert: „Charta für nachhaltiges Wirtschaften“, sagt sie. Irgendwann fällt sogar das Wortungetüm „Energieerzeugungspreise“. So etwas ist man eigentlich von Steinmeier gewohnt. Doch der hat sich coachen lassen und offenbar brav gepaukt. Seine Sprache ist bildhaft und er findet den Punkt, den am Ende eines Satzes. Das sind nicht seine Stärken sonst. Frau Merkel wirkt im direkten Gespräch wesentlich präziser als der Kandidat. Doch hier im Duell punktet Steinmeier auf diese Weise, weil er Freund und auch Gegner überrascht.
Nachdem Frau Merkel über die Wirtschaftskrise doziert hat, spricht Steinmeier von der „Krise in den Köpfen“. Und er fordert windig, aber klar klingend: „Wir brauchen wirklich einen Neustart der Sozialen Marktwirtschaft. Wir müssen zu einer neuen Haltung zurückkehren, eine neue wirtschaftsethische Haltung durch strenge Regeln.“ Applaus erklingt auf den Sesseln der SPD im großen Studio nebenan. Da sitzen Müntefering und auch die Supernanny von RTL.
Frau Merkel verspricht, auf internationaler Bühne für Regeln gegen Gier sich einsetzen zu wollen. „Nicht nur, Frau Merkel, auf internationaler Bühne. Auch national“, greift Steinmeier ein und fordert klare Begrenzung der Boni und Managergehälter, bevor Frau Merkel dieses Thema zu ihrem machen kann. Ist Angela Merkel eine Marktradikale, will ein Frager wissen. „Das kann ich nicht mit letzter Sicherheit beantworten“, druckst Steinmeier. Hier lacht Frau Merkel, aber mehr grimmig, als denke Sie: Von wegen, Du mieser Typ! „Ich war immer eine Verfechterin der Sozialen Marktwirtschaft, deshalb bin ich in die CDU gegangen“, erklärt sie. Doch Limbourg unterbricht. „Wenn ich jetzt meins sagen dürfte…“, fordert die Kanzlerin. Natürlich müsse manches national geregelt werden. Durchsetzen könne man die Dinge nur, wenn man international darüber rede.
Plasberg sagt, die Mehrheit der Deutschen empfinde das soziale Klima im Land als ungerecht. Welche Schulnote würden sie dem Land geben im Fach Gerechtigkeit? Ginge die Kanzlerin darauf ein, wäre das weltweit Schlagzeilen wert. „Ich bin keine Lehrerin und gebe deshalb keine Noten.“ Limbourg übernimmt auf Kosten Merkels: „Vielleicht sind Sie etwas mutiger“, bittet er Steinmeier um Benotung. Zwischen 3 und 2 habe Deutschland gelegen, sagt der. „Doch diese Krise hat uns zurückgeworfen.“ Dann bringt er die Geschichte vom Pfandbon, der einer Kassiererin den Job kostete. „Das zehrt an den Nerven“, sagt Steinmeier und Frau Merkel schaut ganz so.
Wenigstens die Atomkraft spaltet
Plasberg beginnt seine Frage zu Friseurstundenlöhnen wie eine Kritik am Snobleben der Kanzlerin: „Lassen wir den Starfriseur Walz beiseite“, bittet er. „Wissen Sie, was ein Friseur bekommt?“
Die Kanzlerin will antworten: „Ich kenne mich da ganz gut aus“, beginnt sie, wird aber mitten Satz abermals unterbrochen. Er hoffe, sie zahle mehr als 8,50 Euro, sagt Plasberg. Steinmeier sagt: „Wir befinden uns auf der Lohnspirale nach unten. Sind doch nicht aus daffke darauf. Gekommen die Mindestlöhne zu wollen.“
Daffke, sagt er für Jux und Dollerei. Müntefering spricht so. Nun schaut der hoch zum Bildschirm und nickt, als könne er was lernen.
Auch beim Thema Opel stellt sich Steinmeier als oberster Retter dar: „Das war ein langes Ringen, und ich darf daran erinnern, dass ich daran beteiligt war. Stellen Sie sich vor, Schwarz-Gelb hätte regiert, dann wäre Opel mausetot.“ Frau Merkel kommt zurück auf die Mindestlöhne. „Es gibt nirgends so starke Tarifparteien wie in Deutschland.“ Zu Opel sagt sie: „4,5 Milliarden Steuergelder, das ist einfach nicht wahr. Das sind Kredite und Bürgschaften.“ Steinmeier springt ihr bei: „Was meinen Sie, was uns Opel gekostet hätte, wenn es pleite gegangen wäre.“ Frau Merkel steigt ein: „Wenn ich ergänzen darf, hätte das auch die Unternehmen sehr viel Geld gekostet.“ Die Moderatoren höhnen über die Harmonie.
Atomkraft soll spalten. Frau Merkel laviert: „Wir brauchen eine Energieversorgung, die muss wirtschaftlich sein und umweltverträglich.“ Atomenergie sei nicht mehr als eine „Brückentechnologie“ referiert sie ihr Wahlprogramm. Wieder ist Steinmeier schärfer: „Ich halte den Rückweg zur Kernkraft nicht für verantwortbar. Und darum geht es im Kern.“ Dann bringt er den Angst-Mach-Trick: „126 Fässer in Asse, die da in der Salzlake rumliegen und vor sich hinrosten.“
„Yes, Frank can“
Um 21.10 kommen erste SMS auf die Handys der Journalisten. Die Tochter eines bekannten TV-Manns simst: „Yes, Frank can und Mutti bekommt ihr Fett weg.“ Ein anderer bekommt eine SMS von einem Korrespondentenkollegen aus Nahost: „Steinmeier ist aber sehr souverän. Halbzeit führt er.“
Später wird Frau Merkel besser, doch die Aufmerksamkeit der Zuschauer lässt nach. Die Verschuldung rechtfertigt die Kanzlerin: „Wir haben das doch nicht verheimlicht. Wir haben eine Situation wie in den dreißiger Jahren. Hatten gar keine andere Möglichkeit, als so zu handeln.“
Steinmeier bezweifelt, wie sie aus Steuersenkungen Wachstum gerieren wolle. In der Gesundheitspolitik bekommt er eine gefällige Frage: Wie lange wollen sie noch zuschauen, dass es eine Zweiklassenmedizin gibt? Da kann der Kandidat erstmals Kritik an der FDP üben, die den Gesundheitsfonds „in den Orkus der Geschichte befördern“ wolle.
„Frau Merkel, wird denn bei Schwarz-Gelb alles teurer werden bei der Gesundheit?“ Das ist die wenig schlaue Frage an sie. „Natürlich nicht“, lächelt die Kanzlerin und redet dann davon, nicht die „PKV auflösen“ zu wollen, „die Privaten Krankenkassen“, wie Limbourg übersetzt.
Wie bei einer Neujahrsansprache
Wie Steinmeier das schlechteste SPD-Ergebnis jemals von 28,5 Prozent erreichen wolle, wird auch er mal in die Enge getrieben. Steinmeier redet von der „ganz anderen Stimmung“, die er auf den Plätzen auf Wahlveranstaltungen erlebe. „Sind Sie nervös?“ bohrt ein Frager. „Tja, Pff“, stottert Steinmeier und windet sich wenig trickreich raus: „Fragen Sie doch Frau Merkel.“ Die Frager tun ihm den Gefallen wirklich und die Kanzlerin sagt, „Nein“, sie sei nicht nervös.
Das Schlussstatement gelingt wiederum Steinmeier besser: „Ich will ehrlich sein“, beginnt er. Das Land sei „inmitten der Krise und noch nicht über den Berg“. Er frage nur, welche Richtung nehmen wir aus der Krise? „Darüber entscheiden Sie. Die eine Richtung ist die von Schwarz-Gelb.“ Dann noch mal alles vom Anfang: Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander und so fort….
„Liebe Bürgerinnen und Bürger“, beginnt Frau Merkel ihr Schlusswort wie eine besinnliche Neujahrsansprache. „Wir wollen, das ist das allerwichtigste, Arbeit.“ Das ist ihr prägnanter Satz. „Arbeit für alle, das können wir hinbekommen“, verspricht sie. Da applaudieren die Unions-Anhänger. Es war das einzige Mal an diesem Abend.
Steinmeier brilliert und wird die SPD noch auf 29% hiefen
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 13.09.2009, 23:18 Uhr
Ist doch egal...
Gerhard Schloendorffer (schloendorffer)
- 13.09.2009, 23:18 Uhr
Wattebäuschenduell und Kinderstudiointerviewer
Thomas Nachtweih (Literat48)
- 13.09.2009, 23:30 Uhr
Was bringt ein so früher Kommentar?
Jan Schmutzler (Exorz1st)
- 13.09.2009, 23:39 Uhr
Bessere Alternative.......?
wolf haupricht (emilgilels)
- 14.09.2009, 00:20 Uhr