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Fernseh-Dreikampf Drei zu zwei

15.09.2009 ·  Wenn im Fernseh-Dreikampf der „Kleinen“ am Montagabend giftige Töne aufkamen, dann zwischen Westerwelle und Lafontaine. Trittin verlegte sich stattdessen auf die Strategie: Kaputtmachen, was mich kaputtmacht - die große sowie die schwarz-gelbe Koalition.

Von Jasper von Altenbockum und Majid Sattar
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Wann steht Jürgen Trittin schon mal in der Mitte? Am Montagabend durfte er sich im „Dreikampf“ zwischen Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine stellen, was hie und da auch nötig war, denn wenn in diesem Kampf der „Kleinen“ giftige Töne aufkamen, dann zwischen Westerwelle und Lafontaine. Aber nur so dezent gezischt, dass Trittin in seiner mitunter etwas zu dick aufgetragenen Rolle als Puffer die grüne Lässigkeit nicht verlor. Mit deren Hilfe gelang es ihm auch, seine Vorliebe für Rot-Grün wie selbstverständlich auf Lafontaine zu übertragen, ohne dass es am Ende groß aufgefallen wäre - war Lafontaine gerade wieder in die SPD eingetreten?

Die beiden waren über weite Strecken in diesem Kampf ein Herz und eine Seele, und nichts überraschte Lafontaine am Ende der Sendung mehr, als dass Trittin behauptete, die Linkspartei könne, ja wolle doch (leider, leider?) nicht regieren. Das war eine der Varianten im Spiel Trittins, die Zuschauer im Unklaren zu lassen, was die Grünen nun eigentlich nach der Wahl wollten: Ampel? Jamaika? Rot-Rot-Grün? Trittin verriet es nicht, und Rot-Grün als Projekt hatte ihm vor der Sendung seine Parteifreundin Renate Künast sogar als Illusion zunichtegemacht, als sie zugegeben hatte, dass das wohl die Möglichkeit sein werde, die mit Sicherheit nicht zum Zuge kommen könne.

„Der Dampfer nach Jamaika wird nicht ablegen“

Trittin verlegte sich stattdessen auf die Strategie: Kaputtmachen, was mich kaputtmacht - also die große Koalition sowie die schwarz-gelbe Koalition -, und sagte: „Der Dampfer nach Jamaika wird nicht ablegen.“ Auch da wusste er sich mit niemandem so einig wie mit Lafontaine.

Westerwelle und Lafontaine hatten es da besser, denn eine innere Zerrissenheit kennen ihre Parteien derzeit nicht. Die Begründung Westerwelles, die Ampelkoalition mit Rot und Grün sei nichts, weil er sie ja sonst schon hätte wählen können (nach der Wahl 2005), könnte allerdings am 28. September schon zur Zeitgeschichte gehören. Enttäuscht war er dennoch von Trittin: warum der so auf ihn einprügele, wenn er doch vielleicht nach der Wahl mit ihm eine Ampelkoalition eingehen wolle?

Das war am Ende einer Debatte, die keinen Vergleich zum sogenannten Duell vom Sonntagabend scheuen musste: Es ging zur Sache! Sicherlich, der Abend lebte auch davon, dass sich die Opposition im Wahlkampf damit leichter tut. Und der Anspruch, eine Botschaft zur Information zu formen, war für die drei harte Arbeit - wenn auch in diesem Fall nicht gegen TV-Moderatoren, sondern mit deren Hilfe, und vielleicht mit Hilfe der Studioumgebung, einer Mischung aus Fabrik und Haftanstalt.

Inhaltliche Unterschiede

Es ging also zur Sache, und dazu gehörte, dass jeder seine Rolle gut gelernt hatte. Westerwelle spielte den staatstragend ernsten (zuweilen bierernsten) Minister in spe, der nur bei den Ausführungen Trittins mitunter ein Augenrollen nicht unterdrücken konnte. Dieser wiederum ließ sein mimikreiches Gesicht ausgiebig spielen: hier ein wohlwollendes Kopfnicken, dort demonstrativ hängende Mundwinkel in Richtung des adretten Herrn auf der rechten Seite, dann wiederum ein feixendes Kopfschütteln nach links unten, wo der kleine Herr von der Linkspartei alle Mühe hatte zu verbergen, dass ihn der herrschende politisch-mediale Komplex inzwischen entsetzlich nervt. Und wenn er nicht genervt wirkte, dann ermattet. Als der äußerst virile Moderator Sigmund Gottlieb (bald 58) am Ende sogar daran erinnerte, dass Lafontaine nun bald (an diesem Mittwoch) 66 Jahre alt werde, wies dieser den Hinweis mit Bezug auf den Tatbestand des „Altersrassismus“ gespielt beleidigt zurück.

Inhaltlich wiederum förderte die Debatte bemerkenswerte Unterschiede, aber auch erstaunliche Gemeinsamkeiten zutage. Beispiel: die Gewalttat von München - nebenbei: ein Thema, dessen Nichterwähnung am Sonntagabend ein Skandal war. Nun forderte Trittin - schon immer ein Mann des Gesetzes! - die volle Härte des Gesetzes und eine stärkere Polizeipräsenz an deutschen S- und U-Bahn-Stationen. Auch Westerwelle und Lafontaine riefen nach mehr Polizei, Lafontaine immerhin mit dem Zusatz: Das koste Geld.

Bestärkendes Kopfnicken des großzügigen Trittin

Westerwelle wähnte sich indessen durch die fragenden Journalisten unversehens in der Rolle eines vermummten Anarcho-Demonstranten, der in der Grauzone der Legalität gegen den Überwachungsstaat kämpft. Ob die Forderung seiner Partei nach weniger Videoüberwachung im Lichte der Münchner Tat nicht neu bewertet werden müsse? Als Westerwelle ein wenig kleinlaut erwiderte, die FDP sei nur gegen die flächendeckende Überwachung, aber durchaus für Videokontrollen an den Brennpunkten, erhielt er sogar ein bestärkendes Kopfnicken des großzügigen Trittin.

Einig waren sich Westerwelle, Trittin und Lafontaine auch beim Thema Rente mit 67: Hier forderte Westerwelle mehr Gerechtigkeit und Lafontaine mehr Flexibilität - oder war es umgekehrt? Trittin bekräftigte den Vorstoß der Grünen, eine Garantierente für all jene einzuführen, die 30 Jahre dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestanden haben. Und einig waren sich die drei Herren auch darüber, dass das Schonvermögen von Arbeitslosen erhöht werden müsse.

Eine Million neuer Arbeitsplätze mit den Grünen, zwei mit der Linkspartei

Freilich gab es auch die weniger überraschenden Differenzen: so, als Westerwelle darauf verwies, dass der Staat keine Arbeitsplätze schaffe, sondern vor allem und in erster Linie der Mittelstand. Daher sei es unredlich, konkrete Zahlen für die Schaffung neuer Arbeitsplätze in die Welt zu setzen. Die ordoliberale Ermahnung hielt Trittin und Lafontaine indes nicht davon ab, ihre Versprechungen von einem blühenden Arbeitsmarkt zu erneuern: Mit den Grünen soll es also eine Million neuer Arbeitsplätze geben, mit der Linkspartei gar zwei (eine davon im öffentlichen Dienst).

Und auch steuerpolitisch geriet die Welt nicht aus den Fugen: Während Westerwelle „Leistungsträger“ stärker entlasten will, forderten Trittin und Lafontaine eine Vermögensabgabe für Reiche. Einig waren sich die drei Oppositionellen wiederum darüber, wohin das nicht vorhandene Geld fließen soll: in die Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Über Bildung, das beklagten die drei gar nicht mehr so kleinen Spitzenkandidaten, hätten die gar nicht mehr so großen Kanzlerkandidaten am Tag zuvor überhaupt nicht gesprochen. Wie über so vieles andere auch.

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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.