05.09.2009 · Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle will werden, was Hans-Dietrich Genscher länger war als jeder andere Deutsche: Außenminister. Nun leiht er sich dessen Legende für den Bundestagswahlkampf. Und Genscher, dessen Ziehsohn Westerwelle nie war, genießt die Aufmerksamkeit.
Von Peter Carstens, BerlinGenschman kehrt zurück. In seinen achtzehn Jahren als Außenminister und Vizekanzler hatte Hans-Dietrich Genscher seit Mitte der siebziger Jahre die FDP und die Bundespolitik bestimmt wie kaum ein anderer. Dann ging er in Pension. Jetzt wächst sein Einfluss wieder - bei Guido Westerwelle und möglicherweise auch in der künftigen deutschen Außenpolitik. Aus der FDP heißt es: „Genscher greift in den Wahlkampf ein.“ Am Donnerstag bei der Eröffnung der FDP-Kampagne trat er in Düsseldorf neben Westerwelle als Hauptredner auf. Die beiden Männer haben angeblich in den letzten Wochen einen „sehr engen und dichten Gesprächsfaden geknüpft“. Genscher rufe Westerwelle an, Westerwelle Genscher. Man berate außenpolitische Themen, aber natürlich auch taktische Fragen des Wahlkampfes. „Ich kenne niemanden, der eine feinere Spürnase für politische Situationen, Gefahren und Kompromissmöglichkeiten hat als er“, sagt ein Präsidiumsmitglied über Genscher. Dieser werde „im Hintergrund eine große Rolle spielen“, falls Westerwelle ins Auswärtige Amt komme, vor allem am Anfang. Auch im Auswärtigen Amt wird mancher gerne von Genschers Erfahrungen aus dem vergangenen Jahrhundert hören.
Der gebürtige Hallenser hat in Bonn einst die verlässlichste deutsche Außenpolitik aller Zeiten betrieben. Von diesem Ruhm will sein potentieller Nachfolger profitieren, der sich offenbar noch nicht traut, ganz für sich selbst zu stehen. Genschers Art der wägend-tastenden, diplomatisch ausbalancierten Außenpolitik hat das Wort „Genscherismus“ geprägt, es wurde nicht immer als Kompliment gebraucht. Auch im Prozess der Deutschen Einheit spielte er seine Rolle und nutzte die Spielräume, die der vorausdampfende Kanzler Kohl ihm übrigließ. Genschers Rücktritt 1992 überraschte die Republik. Die Älteren verehrten ihn als Gelber-Pullunder-Minister, sogar unter Jüngeren genoss der allgegenwärtige „Genschman“ mit den großen Ohren Kultstatus.
Seine Partei machte ihn umgehend zum Ehrenvorsitzenden, eine Position, die in der FDP innerhalb von drei Jahren dreimal vergeben wurde (Scheel seit 1991, Lambsdorff seit 1993). Das sicherte den „Heiligen Drei Königen“ dauerhaften Einfluss. Sie dürfen an Präsidiumssitzungen teilnehmen, auf Parteitagen werden sie mit Ovationen zu ihren Ehrenplätzen geleitet. Die drei bilden seit anderthalb Jahrzehnten einen altväterlichen Block, der immer mitreden kann, meist hinter den Kulissen. So war Jürgen Möllemanns politisches Schicksal erst besiegelt, als der „Meister des Ungefähren“ 2002 dem Ziehsohn seine schützende Hand entzog. Andererseits hätte Westerwelle diese bittere Zeit kaum überstanden, wenn nicht Lambsdorff und Genscher das gewollt hätten.
Genscher, der Westerwelle 2002 beim Mannheimer Parteitag als „Kanzlerkandidaten“ vorgeschlagen hatte, unterstützte den albernen Wahlkampf des Kandidaten mit gelben Schuhsohlen, „Projekt 18“ und Guidomobil: „Ich möchte meine Partei bitten, um das Wort Spaß keine Tabuzone zu errichten“, soll er in Mannheim gesagt haben. Das ist lange her. Westerwelle hat Genscher die damalige Unterstützung gedankt und alle deutschen Lexika nach bis dahin ungesagten Lobes-Adjektiven für den Ehrenvorsitzenden abgesucht. Zu Genschers 80. Geburtstag ließ er im März 2007 am Berliner Hauptbahnhof ein Zirkuszelt für 1500 Gäste errichten. Bundeskanzlerin Merkel sagte in ihrer Rede einen Genscher-Imitationssatz, dessen tiefe Wahrheit sich erst jetzt voll entfaltet: „Die aus meiner Sicht in seinen Äußerungen doch vorhandene Unbestimmtheit und die daraus gleichwohl resultierende Zufriedenheit der Journalisten haben auf meinem politischen Lernweg eine doch große Wirkung entfaltet.“
Danach hat Westerwelle sich schon lange gesehnt
Westerwelle modernisiert unterdessen den „Genscherismus“ zur „Kultur der Zurückhaltung“. Der FDP-Spitzenkandidat lässt aber keinen Zweifel, woran er die deutsche Außenpolitik orientieren würde. In etlichen Diskussionen der letzten Jahre - etwa über den amerikanischen Raketenabwehrschirm, den Libanon-Einsatz der Bundesmarine - oder bei seinen Abrüstungsvorschlägen folgte Westerwelle der Genscher-Furche, auch habituell. Im Wahlkampf ist der fröhliche Rheinländer ein mitreißender Redner, ein pointensicherer Ironiker. Doch bei einem Vortrag der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“, der vom Dehler-Haus als „programmatisch“ angekündigt wurde, konnte das interessierte Fachpublikum im Mai einen genscherisierten Westerwelle erleben, einen, der sich vorsichtig durch das abgeschliffene, von Zeugnissen eigenen Denkens befreite Manuskript tastete. Hatte es der Meister selbst geschrieben?
Hans-Dietrich Genscher ist inzwischen 82 Jahre alt. Ohne große Vorkenntnisse hat er 1974 im Auswärtigen Amt angefangen, angeblich konnte er anfangs kaum Englisch. Und doch ist er zur Legende geworden. Aber warum wirft sich „Genschman“ nach all den Jahren, nach schweren Krankheiten noch einmal in die Wahlschlacht? - Er habe, sagt er, „den ganzen Werdegang“ Westerwelles erlebt und gesehen, wie er die FDP in den letzten Jahren dorthin gebracht habe, wo sie heute hervorragend dastehe. Westerwelle habe „unglaublich dazugewonnen“. Jetzt solle er Außenminister werden. Darum wolle er ihn nun, wo es für das Land um so viel gehe, unterstützen. „Ja“, sagt Genscher im Gespräch, „es ist auch persönliche Zuwendung.“ Und danach hat Westerwelle sich wohl schon lange gesehnt.
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