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Der 17. Deutsche Bundestag Kein Spiegel der Gesellschaft

 ·  Wer sind die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, der sich an diesem Dienstag konstituiert? Der Prototyp ist männlich, 49 Jahre alt und Jurist. Frauen sind in zwei Fraktionen in der Mehrheit. Majid Sattar entschlüsselt die Sozialstruktur des Parlaments.

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In Kürschners Volkshandbuch zum Deutschen Bundestag, dessen Auflage für die 17. Wahlperiode zurzeit erarbeitet wird, sind kleinen typographischen Extras wichtige Hinweise zu entnehmen. Wie Fußballnationalspieler stolz ihre Sterne auf der Brust tragen, die für die Weltmeistertitel stehen, zieren die Abgeordneten neben ihrem Porträt kleine Sternchen. Bei „Dr. Schäuble, CDU“ werden künftig derer elf stehen – für elf Wahlperioden.

Wolfgang Schäuble zog 1972 erstmals in den Bundestag ein, als dieser noch am Rhein stand, die Republik „Willy“ wählte und die SPD auf ihrem Zenit war. Der Südbadener ist der Abgeordnete mit den meisten Sternchen. Gefolgt wird er unter anderem von „Müntefering, SPD“ mit zehn Sternchen. Während der eine wieder der neuen Bundesregierung angehören wird, nimmt der andere als einfacher Abgeordneter in den Reihen der Opposition Platz. Beide zählen zu den letzten aktiven Parlamentariern, die noch die sozialliberale Koalition im Bundestag erlebt haben. Eine Handvoll Parlamentarier hat neun Sternchen – auch sie waren somit Beteiligte der Wende von 1982, der bislang letzten Anwendung des Artikel 67 Absatz 1 des Grundgesetzes, des konstruktiven Misstrauensvotums.

Der Altersdurchschnitt liegt bei 49 Jahren

Beide, Schäuble und Müntefering, gehören zu den ältesten Abgeordneten – der Sozialdemokrat wird im Januar 70, der Christliche Demokrat ist 67 Jahre alt. Ältestes Mitglied des Hohen Hauses ist der CDU-Abgeordnete Heinz Riesenhuber (73), dessen Porträt übrigens ebenfalls zehn Sternchen schmücken. Er wird an diesem Dienstag die konstituierende Sitzung des 17. Deutschen Bundestages als Alterspräsident eröffnen. Riesenhuber zog 1976 erstmals in den Bundestag ein, ebenso wie Michael Glos (CSU). Zehn Prozent der Abgeordneten des neuen Bundestages wurden während der damaligen Wahlperiode oder später geboren.

Interaktiv: Das Parlament der Deutschen

Abgeordnete jenseits der 67 Jahre gibt es nicht viele. Die meisten MdBs – 62 Prozent – sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt liegt bei 49 Jahren. Zwei Prozent der Abgeordneten sind jünger als 30 Jahre. Der jüngste ist mit 22 Jahren Florian Bernschneider von der FDP, die nach den Grünen über die durchschnittlich zweitjüngste Fraktion im Bundestag verfügt. Die durchschnittlich älteste Fraktion stellt die SPD mit 52 Jahren. Sie zählt nur noch 146 Abgeordnete, 76 weniger als 2005. Nur 28 Mitglieder der SPD-Fraktion sind Parlamentsneulinge. Proportional den höchsten Anteil an Neulingen stellt die FDP mit 40 von 93 Abgeordneten, gefolgt von CDU/CSU mit 73 von 239.

Der Frauenanteil variiert von Fraktion zu Fraktion. Bei Grünen und Linkspartei sind sie in der Mehrheit, in der SPD-Fraktion stellen sie 56 von 146 Abgeordneten, in der FDP 23 von 93, in der CDU 42 von 194 – und in der CSU-Landesgruppe nur 6 von 45. Insgesamt sind von den 622 Abgeordneten 204 weiblich – 33 Prozent gegenüber 32 in der Wahlperiode zuvor. Die Entwicklung liegt im allgemeinen Trend der vergangenen Jahrzehnte, in denen der Frauenanteil stetig gestiegen ist. Jedoch waren es früher meist gleich Sprünge um fünf Prozentpunkte.

Die Verlangsamung hat zwei Gründe. Zum einen lässt sich sagen: Je höher das erreichte Niveau, desto geringer der proportionale Anstieg. Zum anderen hängt der leicht rückläufige Anstieg mit dem starken Einbruch in der SPD-Fraktion zusammen, die traditionell über eine relativ hohe Zahl weiblicher Abgeordneter verfügt. Bisheriger Tiefpunkt der Frauenrepräsentation waren im Übrigen nicht etwa die vermeintlich rückständigen fünfziger Jahre, sondern die angeblich so progressive sozialliberale Ära. In der Wahlperiode 1972 bis 1976 betrug der Frauenanteil 5,8 Prozent. Mehr Demokratie wagen – das war offenbar zunächst Männersache.

Je bürgerlicher, desto mehr Juristen

Das Parlament am Spreeufer ist auch unabhängig von der Geschlechterfrage kein Spiegel der deutschen Gesellschaft, wie es idealistische Parlamentarismustheorien nahelegen. Repräsentation ist keine Widerspiegelung, sondern Vertretung. In der CSU heißt Repräsentation vor allem Rechtsvertretung. Die christlich-soziale Landesgruppe hat mit 18 von 45 den höchsten Anteil Juristen in ihren Reihen, gefolgt von der CDU mit 62 von 194 und der FDP mit 21 von 93. Selbst bei den Grünen ist der Anteil mit 12 von 68 relativ hoch. Generell lässt sich sagen: Je bürgerlicher die Partei, desto mehr Rechtswissenschaftler hat sie in ihren Reihen.

Bei der SPD ist traditionell der Anteil der Lehrer und der Funktionäre aus Gewerkschaften und aus der Partei selbst recht hoch. Das eint sie mit der Linkspartei. Abgeordnete mit Arbeiterhintergrund sind hingegen kaum im Parlament vertreten – auch nicht bei den Genossen. Die höchste berufliche Diversität weisen die Christlichen Demokraten auf mit Handwerkern, kirchlichen Mitarbeitern, Professoren, Landwirten und Unternehmern. Bei letzteren ist der Anteil nicht etwa in der FDP am höchsten (5 von 93), sondern in der CSU (7 von 45).

Zunehmende Professionalisierung

Der hohe Akademisierungsgrad und der große Anteil an Berufspolitikern – mehr als die Hälfte der Abgeordneten gehen neben ihrem Mandat keinem anderen, „bürgerlichen“ Beruf nach – spricht für die zunehmende Professionalisierung des Politikerberufes beziehungsweise für die weitere Ausprägung eines regelrechten Berufspolitikertums.

Zu den freiwilligen Angaben der Abgeordneten gehört der Ehestatus und die Konfession. Was Scheidungsrate (und auch das Thema Homosexualität) sowie die kirchliche Bindung betrifft, ist das Parlament durchaus Spiegel der Gesellschaft. 67 Prozent der Abgeordneten sind verheiratet, 10 Prozent ledig – die restlichen Parlamentarier geben dazu keine Auskunft. Michael Kauch (FDP) gibt eine eingetragene Lebenspartnerschaft an, Gerhard Schick (Grüne) bezeichnet sich im Handbuch als „verpartnert“.

Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt stetig ab: Von den 622 Abgeordneten sind 195 evangelisch – 14 weniger als in der Wahlperiode zuvor – und 176 katholisch (nur drei weniger). Quelle dieser Zahlen ist die Evangelische Nachrichtenagentur Idea. Damit gehören 59,7 Prozent der Bundestagsabgeordneten einer Kirche an. 246 Parlamentarier machen keine Angaben. Die meisten Kirchenmitglieder finden sich in der Unions-Fraktion: Ihr Anteil beträgt 93,7 Prozent – 95 sind evangelisch, 129 katholisch. Mehrere Mitglieder des Bundestages stammen aus Einwandererfamilien. Nur einer von ihnen macht Angaben zur Konfession: Omid Nouripour von den Grünen. Er ist Muslim.

In der F.A.Z. von diesem Dienstag finden Sie weitere Texte über den 17. Deutschen Bundestag auf einer Doppelseite:

Mal mehr, mal weniger Abgeordnete
Eine Folge des Wahlrechts
Von Reinhard Müller

Nesthäkchen unter der Kuppel
Die jüngsten Abgeordneten
Von Marie Katharina Wagner

Die Mittel der Parlamentarier
Über die Höhe der Fraktionszuschläge entscheidet der Bundestag
Von Günter Bannas

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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