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CSU-Wahlkampf Mit sechs Händen an allen Instrumenten

16.09.2009 ·  Die CSU hat gegenüber anderen Parteien einen Vorteil und ein Problem: Sie verfügt mit Seehofer, Guttenberg und Ramsauer gleich über drei Spitzenkandidaten. Und so bestreitet man den Wahlkampf mit einer Trias, die dreierlei vereint: Populismus, Ordnungspolitik und Machtpragmatik.

Von Albert Schäffer
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Schwerstarbeit leisten im Bundestagswahlkampf die Dramaturgen der CSU. Für sie gilt es, den Anspruch ihrer Partei, die letzte Volkspartei in Europa zu sein, in Szene zu setzen. Wie den 18 Jahre alten Abiturienten, die 40 Jahre alte Krankenschwester, den 70 Jahre alten Pensionär erreichen? Wie die führenden Köpfe der Partei – den Ministerpräsidenten und Vorsitzenden Seehofer, den Bundeswirtschaftsminister Guttenberg, den Spitzenkandidaten Ramsauer – präsentieren? Die Versuchung ist groß, alle Kraft auf das Fernsehen, die Zeitungen und Zeitschriften, das Internet zu verwenden und die klassischen Wahlkampfforen nur als Beiwerk zu behandeln. Doch noch wird in der CSU an den vertrauten Formen des Wahlkampfs festgehalten, werden ihre Spitzenleute von den Mitarbeiterstäben durch das Land geschickt.

Im Zentrum des traditionellen CSU-Wahlkampfs steht selbstverständlich der ganz große Klassiker – der Bierzeltauftritt. Seine Ingredienzien sind unumstößlich und mit einem strikten Modernisierungsverbot belegt, zumal wenn der Ministerpräsident und Parteivorsitzende spricht. Auch an einem frühherbstlichen Vormittag in Aubing, einem Stadtteil im Münchner Westen, wird das Protokoll peinlich genau eingehalten: Horst Seehofer zieht unter den Klängen des Bayerischen Defiliermarschs ein, beklatscht vom Publikum, das sich schon einmal durch kräftige Schlucke aus den Maßkrügen stärken durfte. Wer bei dieser „Repraesentatio Maiestatis“ auf den Bänken in dem großen Festzelt sitzen bleibt, kann sich allenfalls damit entschuldigen, der ersten Morgenmaß zu ungestüm zugesprochen zu haben. Es folgen die Huldigungsadressen der örtlichen Parteigrößen, die gut beraten sind, den rhetorischen Glanz dem Hauptredner zu überlassen. In Aubing nimmt der Wahlkreiskandidat Hans-Peter Uhl, ein alter Fahrensmann der CSU, diese Pflicht sehr ernst.

Seehofer auf dem Höhepunkt seiner innerparteilichen Macht

Gerade eine Minute braucht Seehofer, als er an das Rednerpult tritt, um zu verhindern, dass der Blutdruck einiger älterer Herrschaften an den Biertischen unter einen kritischen Wert fällt. Ja, er sei zurück nach Jahren der Verbannung und Rehabilitation: so lässt Seehofer die jüngere Geschichte der CSU Revue passieren. Seine Partei halte es mit ihm wie der FC Bayern mit Franck Ribéry; wenn kein Spiel mehr gewonnen werde, dürften sie aufs Spielfeld. Ein Aufatmen geht durch die Reihen; so selbstgewiss, so selbstironisch mögen die Bayern ihre Fürsten. Seehofer lässt seine Zuhörer nicht lange warten, bis er auf die Frage kommt, wie er es denn aushalte, dass mit Guttenberg eine Supernova die CSU-Galaxie erhellt: Die Partei habe eben „das Beste, was wir haben“, nach Berlin geschickt – und er sei nach München zurückgekehrt. Und sonst sei die Schwesterpartei CDU immer darauf bedacht gewesen, dass CSU-Streiter in Wahlkämpfen hinter dem Limes geblieben seien; jetzt plakatiere die CDU Guttenberg – was solle er als CSU-Vorsitzender mehr wollen. Im Endspurt des Wahlkampfs präsentiert sich Seehofer auf dem Höhepunkt seiner innerparteilichen Macht; die CSU ist auf ihn ausgerichtet, wie sie es in den besten Zeiten von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber war.

Im Genre des Bierzeltauftritts wird längst nicht mehr zum großen Halali auf die scheue Spezies der Wechselwähler geblasen; in Aubing sitzen viele an den Biertischen, die sich in ihrem Stadtviertel für die CSU einsetzen, die Plakate kleben und Handzettel verteilen. Ihnen als Spitzenmann einen kleinen Motivationsschub zu geben ist der Hauptzweck des Bierzeltrituals. Seehofer wiederholt noch einmal die zentralen Botschaften, die seine Unterstützer in den letzten verbleibenden Tagen bis zum 27. September ins Land tragen sollen: Dass Bayern mit seiner Wirtschaftskraft auch in der Krise gut dasteht, dass die CSU die Partei ist, der die Sorgen einer Krankenschwester genauso wichtig sind wie die eines Vorstandsvorsitzenden, dass er eine schwarz-gelbe Koalition wolle, aber deshalb die Abgrenzung zur FDP nicht vernachlässigen dürfe.

Guttenberg: Wahlkampf zwischen Bierzelt und Barack Obama

Der Gegenpol im CSU-Wahlkampf zu Seehofer ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Er absolviert zwar auch Auftritte in Bierzelten; aber seine Partei lässt sich nicht die anderen inszenatorischen Möglichkeiten entgehen, die der Freiherr bietet. An einem Abend in Neuburg an der Donau stellt sie ein veritables „Event“ auf die Beine, das irgendwo zwischen der Croisette in Cannes während der Filmfestspiele und der Siegerfeier von Barack Obama nach den amerikanischen Präsidentenwahlen in Chicago anzusiedeln ist. Offiziell firmiert die Veranstaltung als Wahlkampfparty der Jungen Union; in Wahrheit ist es ein Guttenberg-Festival. Der Weg zur Bühne ist als Laufsteg gestaltet, mit jungen CSU-Mitgliedern, die links und rechts Lichtschläuche halten. So illuminiert, kann Guttenberg durch eine jubelnde Menge schreiten, zu wummerndem Hardrock, den er so liebt, vorbei an Transparenten mit seinem Namenskürzel „KT“. Warum den Defiliermarsch spielen, wenn es AC/DC, die australische Band, gibt?

Ein wenig mag einem zwar mulmig werden, mit welcher Routine Guttenberg die kleinen und großen Gesten setzt, die ihm ein solcher Auftritt abverlangt. Selbstverständlich fehlt nicht der Obama-Finger – das Recken des Zeigefingers ins Publikum hinein, auf dass sich dort jeder sicher sein kann, von der Lichtgestalt auf der Bühne erkannt worden zu sein. Und selbstverständlich nimmt Guttenberg nach seiner Rede an den Mischpulten auf der Bühne die Pose des DJ, des Discjockeys, mit einer Selbstverständlichkeit ein, als bestreite er seinen Lebensunterhalt damit. „I’m T.N.T., I’m dynamite“ dröhnt AC/DC über den Neuburger Schrannenplatz – und Guttenberg, der die Anzugjacke mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „KrisenbewälTiger“ getauscht hat, braucht keinen choreographischen Beistand, wenn die Rufe „Oi, oi, oi“ ertönen.

Mulmig mag es einem werden, weil Guttenberg so gar keine Schwächen erkennen lässt; auch in Neuburg präsentiert er sich als Siegfried der CSU, der durch das Bad im Berliner Drachenblut unverwundbar geworden ist. Munter zieht er zu Feld gegen „manche“ Politiker in Berlin, die bei den Milliarden Euro, mit denen sie jonglierten, „den Bezugspunkt“ verloren hätten. Nur manchmal verfällt er in seine alte Vorliebe für gedrechselte Sätze; wer auf den peitschenden Rhythmus von Lady Gaga eingestimmt ist, mag sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, dass die konzeptionelle Tiefe der Anträge, die einige Unternehmen mit der Bitte um staatliche Unterstützung vorgelegt haben, nicht immer im Gleichklang mit der Größe der Antragsteller stünden. Besser zu Lady Gagas „Mum mum mum mah“ passt da schon Guttenbergs Aufforderung, die Ökologie nicht den „Badeschlappen“ zu überlassen. Was den freiherrlichen Unmut gegen diese Art der Fußbekleidung geweckt hat – vielleicht werden es noch seine Biographen erkunden, vielleicht im zehnten Jahr der Kanzlerschaft Guttenbergs.

Politischer Jazz mit Peter Ramsauer

Intimer, aber nicht weniger routiniert geht es an einem anderen Abend bei Peter Ramsauer zu, der auf dem ersten Platz der CSU-Liste kandidiert. Auch Ramsauer, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, tourt durch große Bierzelte – alles andere zeugte bei einem Spitzenkandidaten der Partei von politisch-suizidalen Neigungen. In Traunstein versucht er sich an einem anderen Format – einem „Politischen Jazz-Abend“, auf dem er zwischen den Bands „Round Midnite“ und „Grandpa’s Penthouse“ einem Moderator Rede und Antwort steht. Im „Sailer Keller“, einem schmucken Gasthof in Traunstein, kann das Publikum erfahren, was den Ramsauer-Peter, wie die in Oberbayern korrekte Reihenfolge lautet, in die Politik und zur CSU gebracht hat: Es sei die Opposition zu linken Lehrern gewesen, die sich herrlich geärgert hätten, wenn man mit dem „Bayernkurier“ unter dem Arm ins Klassenzimmer marschiert sei.

Die Lust, gegen den Strom zu schwimmen, hat Ramsauer auch später nicht ganz verlassen; so mag sich erklären, dass er in seiner Partei nicht nur enge Verbündete hat. Und dass es im Wahlkampf nicht an Sottisen in den eigenen Reihen mangelt, neben Ramsauer gebe es noch zwei weitere Spitzenkandidaten – Seehofer und Guttenberg. Ramsauer lässt sich dadurch nicht verdrießen, schon gar nicht an diesem Abend, der für ihn ein Heimspiel ist; nicht weit von Traunstein liegt Traunwalchen, wo er zu Hause ist. Ramsauer brilliert als charmanter Plauderer – und nach mehr als einer Stunde können die Traunsteiner, die sich trotz strömenden Regens zum „Sailer Keller“ aufgemacht haben, das Gefühl haben, den Ramsauer-Peter schon immer gekannt zu haben. Und sie dürfen einige Anekdoten aus dem Maschinenraum der großen Koalition mit nach Hause nehmen, in dem Ramsauer in Berlin in den vergangenen vier Jahren für die CSU gewerkelt hat.

Wer mag, kann die Trias, mit der die CSU den Wahlkampf bestreitet, mit Etiketten belegen – Seehofer, der Populist, Guttenberg, der Ordnungspolitiker, Ramsauer, der Pragmatiker der Macht. Oder der Ribéry der CSU, der Hardrocker mit der Allergie gegen Badeschlappen und der Alpen-Frondeur, der vielleicht Sozialist geworden wäre, wenn seine Lehrer den „Bayernkurier“ gelobt hätten. Aber nach dem 27. September werden ohnehin wieder andere Konstellationen und Rollenzuschreibungen gelten.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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