03.09.2009 · Die Union tritt in die zweite Phase des Bundestagswahlkampfs ein. Forderungen einiger CDU-Politiker nach einem Strategiewechsel werden abgewiesen. Stattdessen gibt es nun Merkel in Potenz: in Print, Funk und Fernsehen.
Von Wulf Schmiese, BerlinÄrger um ihr größtes Werbeplakat ist der CDU derzeit willkommen. Denn Streit, der sonst in diesem Wahlkampf von der Union gemieden wird, sorgt für Aufmerksamkeit und lenkt ab – vom unheilvollen Ausgang der Landtagswahlen für die CDU und von ungeduldigen Parteifreunden wie Friedrich Merz, Angela Merkel endlich kämpfen sehen zu wollen. Beunruhigt hingegen vernimmt die CDU-Führung Umfragen, wonach drei Viertel der Deutschen bereits fest mit einem Wahlsieg der Union im September rechnen. „Das kann zu dem fatalen Eindruck führen, die Wahl wäre schon gewonnen“, sagt Generalsekretär Pofalla.
Nun beginnt die zweite von drei Wahlkampfphasen. Nicht mehr die Bundesminister der Union sollen die Werbeträger sein, sondern allein die Bundeskanzlerin. Doppelt so viele Plakate wie bisher sollen in ganz Deutschland geklebt werden, auf jedem wird Angela Merkel zu sehen sein zu dem Slogan „Wir haben die Kraft“.
Mehrere hundert Mal soll der Kurzfilm laufen
Dieser Spruch steht auch auf dem größten deutschen Wahlplakat aller Zeiten, das seit Dienstag am Charlottenburger Tor in Berlin hängt. Doch ist fraglich, ob es dort bleiben darf. Es überspannt in 28 Metern Höhe die achtspurige „Straße des 17. Juni“. Auf einer Gesamtfläche von annähernd 2000 Quadratmetern sind 1800 namenlose Gesichter abgebildet, die für eine weitere Amtszeit der Bundeskanzlerin werben. Ausgerechnet ein CDU-Politiker, der Baustadtrat des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdof Klaus-Dieter Gröhler, sieht darin einen Verstoß gegen einen privatrechtlichen Vertrag zwischen dem Land Berlin mit der Stiftung Denkmalschutz, die für das Tor zuständig ist. In diesem Vertrag nämlich sei politische Werbung an dem historischen Tor ausgeschlossen, sagt Gröhler. Gleichwohl hatte die Stiftung eine Firma namens „Megaposter“ beauftragt, einen Werbekunden zu finden, was dann die CDU war. Noch sei ungeklärt, wer Schuld am Vertragsverstoß habe, sagt Gröhler, aber alle Seiten suchten eine einvernehmliche Lösung.
„Wir sind gesprächsbereit“, sagt Pofalla und grinst, denn er glaubt sein Werbeziel längst erreicht zu haben. Nun schaut er auf das nächste der insgesamt 20 Millionen Euro teuren Wahlkampagne: den zentralen Fernsehwerbespot für die Union, genauer gesagt für die Kanzlerin. Mehrere hundert Mal soll der Kurzfilm im Fernsehen laufen, der am Mittwoch in einem Berliner Großkino vorgestellt worden ist.
„Keine harte inhaltliche Auseinandersetzung“
Frau Merkel habe diesen Spot „bis in jede Formulierung mitgestaltet“, versichert Pofalla. Das verrät, wie sie gesehen werden will, um die Wahl zu gewinnen: als Ostdeutsche, die Deutschland dient; als Klimaschützerin und Christin; als Familien- und Forschungspolitikerin; als lernfähig und selbstironisch uneitel, weil sie über ihre Frisur spricht; als jubelnder Fußballfan, aber auch als Arbeits- und Wirtschaftsfachfrau, die sich um Schwache kümmert. So stellt sie sich selbst dar in anderthalb Filmminuten. Sie steht dabei in ihrem Kanzlerbüro, und durch die Scheiben sind zwei Jahrzehnte deutscher Geschichte zu sehen – ihrer Geschichte vom Mauerfall bis zur Vereidigung zur Bundeskanzlern mit Schwur auf Gott.
Angriffe gegen politische Gegner gibt es keine in der Werbung. Das würden die Deutschen in Zeiten der Krise nicht mögen, sagt Pofalla. Dem stimmt mancher in der CDU ausdrücklich nicht zu. Vor allem Mittelstandspolitiker ärgern sich über zu wenig inhaltliche Botschaften, zumal besonders weite Teile ihrer Klientel bei den Wahlen in Thüringen und dem Saarland nicht mehr CDU wählten, wie jüngste Analysen ergaben. Doch Mahner für mehr Inhalt im Wahlkampf wie der Vorsitzende der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, Josef Schlarmann, sind unter strenge Beobachtung der Parteispitze gestellt worden, damit sie ihre Kritik an der Kanzlerin nicht wiederholen.
Den früheren Unionsfraktionsvorsitzenden und nun aus dem Bundestag scheidenden Merz ärgert das so sehr, dass er sein selbstverordnetes Schweigen brach: „Ich hoffe, dass wir auch noch über Themen reden“, sagte Merz auf einer Veranstaltung des Berliner CDU-Ortsverbands Altglienicke. „Ich gehöre zu denjenigen, vielleicht zu den wenigen in der CDU, die bedauern, dass wir keine harte inhaltliche Auseinandersetzung führen.“ Pofallas Antwort darauf ist so knapp wie eindeutig: „Wir nehmen das zur Kenntnis.“