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CDU Ein Volksfest der Rockmusik

 ·  Die CDU läutet mit lauter Musik und viel Aufsehen um ihre Protagonisten die heiße Phase des Wahlkampfs ein. Ein eigener Deutschland-Plan war auch nicht zu erwarten.

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Roland Koch gehört zur Vorgruppe. Erst halb voll ist Deutschlands modernste Veranstaltungshalle, Düsseldorfs ISS Dom. Die „Swinging Fanfares“ dröhnen schon vorn auf der Bühne und Koch stimmt die Union-Fans ein. Angela Merkel soll erst in zwei Stunden kommen, um drei Uhr. Noch ist kein Prominenter zu sehen zum Bundestagswahlkampfauftakt der CDU – außer eben Hessens Ministerpräsident Koch. Der geht durch die Reihen, wo viele in orangefarbenen Partei-T-Shirts sitzen. Aus ganz Deutschland sind sie angereist. Die zuvor verteilten „Angie“-Poster stehen noch hochkant neben ihnen. Manche halten nun Koch das Merkelplakat hin für sein Autogramm. Er schüttelt Reihe für Reihe Hände. „What a feeling“ spielt die Band.

„Der Roland macht das richtig“, macht Ulf Leisner sich selbst Mut. Er ist als stellvertretender Bundesgeschäftsführer Chef des „Eventmanagement“ der CDU und somit verantwortlich, dass an diesem Sonntag genug Stimmung aufkommt für den Wahlendspurt. Eine Gruppe vorn schwenkt brav Schäuble-Plakate. Und auf der Bühne singen sie: „I will survive“. Eine Stunde später sind die 9000 Plätze noch immer nicht alle besetzt. Aber die Halle ist bereits zur Nachmittagsdisko geworden; die Ränge oben im Dunkeln sind gegen das rot-rot-grüne Lichtgeorgel nicht mehr zu sehen.

Einlauf der Chefin beklatschen

Rot-Rot hat Bundeskanzlerin Merkel an diesem Sonntag als Warnsignal ins Land gesendet. „Nicht gut für Deutschland, weder in der Außen- noch in der Innenpolitik“ wäre eine rot-rote Regierung, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die CDU-Vorsitzende will dennoch ihren angriffsarmen Wahlkampf fortführen. Obgleich SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier sie kräftig beschimpft, verordnete sich Frau Merkel im Interview Zurückhaltung. „Ich qualifiziere niemanden ab.“ „I am still standing“ singt die Band als die engsten Mitarbeiter der CDU-Vorsitzenden auf die Hallen-Party kommen. Einige Hundert Helfer stehen bereits Spalier vor dem Eingang, durch den Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer gefolgt von ihren Generalsekretären kommen sollen. Auf der Bühne wird noch die Springreiterin Nicole Uphoff interviewt. Die lobt an Angela Merkel „die Stärke ihrer weiblichen Diplomatie, mit der sie die Männer in ihre Richtung bekommt“. So sagt es die Gewinnerin von Gold im Dressurreiten über die Bundeskanzlerin.

Einige dieser Männer laufen dann wie Pferde in die Manege den Parcours für die Kanzlerin: Rüttgers, Koch, Wulff, Oettinger, Kauder, Carstensen und ganz hinten in der Schlange auch Peter Müller, der Wahlverlierer von der Saar. Für Dieter Althaus ist dessen Stellvertreterin Birgit Diezel gekommen. Bei jedem Namen, den der Moderator von der Bühne verkündet, jubeln die Unions-Anhänger. Ein Orkan rauscht los zu „Karl-Theodor zu Guttenberg!“. Neben allen Bundesministern der Union und den Ministerpräsidenten setzt sich der komplette CDU-Bundesvorstand auf die blauen Bühnenstühle, um von dort den Einlauf ihrer Chefin zu beklatschen.

Leiernder Singsang

„Start me up“ von den Rolling Stones erklingt vom Tonband. Das ist das Zeichen: Nun kommt sie, „die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland“, wie der Moderator sich überschlägt. Die Menge jubelt so begeistert, dass Eventchefmanager Leisner zufrieden mitklatscht. Alle „Angie“-Schilder werden hoch gehalten. Der Einmarsch wird unterbrochen, damit der Moderator auch noch Seehofer und die Generalsekretäre namentlich ankündigen kann – unter abnehmendem Applaus.

Zu politischen Inhalten wird in einer Art Talkshow gefragt. Um „kurze Antwort“ bittet der Moderator als er nach einer Botschaft für die Wähler fragt. „Wachstum und Werte“, sagt Volker Kauder, der Fraktionsvorsitzende im Bundestag. „Klare Verhältnisse“ wünscht Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Ronald Pofalla begrüßt die Anhänger: „Heute geht es los, liebe Freunde, heute starten wir in die heiße Phase ... wir haben die Kraft“. Im leiernden Singsang eröffnet Pofalla den bislang wichtigsten Wahlkampftag der CDU. Die Prominenz hinter ihm redet bereits miteinander. Fast geht unter, dass Pofalla für den Endspurt ankündigt „harte, sehr harte Wochen“.

Alle klatschen – nur die Kanzlerin nicht

Dann spricht Jürgen Rüttgers. Er ist als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident der Gastgeber und hat den Sonntagvormittag in den Nachrichten beherrscht wegen seiner Wahlkampfäußerungen über rumänische Nokia-Arbeiter. Vor Rot-Rot warnt er, lobt die Soziale Marktwirtschaft, fordert Wachstumspolitik, „weil diese Krise viel Geld gekostet hat“. Er schimpft auf Boni und kündigt weitere Kämpfe für einen Neuanfang von Opel an. Dazu bleiben Guttenbergs Arme verschränkt, während die Kollegen applaudieren. Rüttgers Grußwort gerät zur wirtschaftspolitischen Rundum-Rede – nur rumänische Arbeiter kommen darin nicht mehr vor. Wohl aber Frank-Walter Steinmeier. „Der kann es schon gar nicht“, sagt Rüttgers. „Der ist eine matte Kopie von Gerhard Schröder.“

Seehofer nimmt in seiner Rede den Part der Kanzlerin vorweg, die Kabinettsmitglieder der Union einzeln zu loben, was er äußerst ausgiebig macht. Seehofer vergisst dabei selbst den Kanzleramtsminister nicht, wohl aber dessen Namen. Den „lieben Lothar“ de Maizière würdigt er, der jedoch Thomas heißt. „Auch den Import aus Bayern“ feiert Seehofer: „Ilse Aigner und Karl-Theodor zu Guttenberg“. Zum Jubel lächelt Landwirtschaftsministerin Aigner verlegen, als wisse sie, wem er gilt. Vor allem aber lobt Seehofer seine einstige Chefin im Kabinett. „Wo Angela Merkel draufsteht, da ist CDU/CSU drin“, sagt er. „Wo Steinmeier draufsteht, ist Lafontaine und Gysi drin. Das ist der wesentliche Unterschied.“ Alle klatschen – nur die Kanzlerin nicht.

„Wir haben beste Chancen“

Als sie endlich am Rednerpult an der Reihe ist, es geht schon auf fünf Uhr zu, da steigen ihre Anhänger auf die Stühle und wedeln wild die „Angie“-Poster. „Union und FDP muss stärker werden als Rot-rot-grün“, sagt die Kanzlerin. Denn nur so bleibe Deutschland „auf dem Kurs der Mitte, der Besonnenheit und Zuversicht“. Mit anderen Mehrheiten gerate Deutschland „in unklare Verhältnisse“.

„Niemals“ wolle sie die Bilanz der großen Koalition schlechtreden, „nur weil Sozialdemokraten daran beteiligt waren“. Nun aber gehe die Zeit dieser Regierung zu Ende „und das Land braucht eine Regierung aus Union und FDP“. Die SPD befinde sich „inmitten eines Identitätskampfes“, sagt die Kanzlerin. „Gönnen wir ihnen eine Pause, nämlich in der Opposition. Da können sie sich erholen.“ Bei diesem Satz johlen die Leute. Und noch lauter wird es, als Frau Merkel der SPD vorwirft, „realitätsfremd“ und „verzweifelt“ zu sein, weil „das Brandt-Haus“ die mageren Landtagswahlergebnisse von zehn, 18 und 24 Prozent als Siege feiert. „Wir haben unsere roten Socken lange im Schrank versteckt“, sagt die Kanzlerin. Die SPD jedoch hole „schwarz-gelbe Socken hervor, um „Panik zu schüren“. Immer wieder kommt sie auf die SPD zurück, erinnert an die Wahlkampflügen von Andrea Ypsilanti, die versuchte Abwahl von Bundespräsident Köhler durch die SPD im Bunde mit der Linkspartei, höhnt über falsch verstandenes „Multi-Kulti“ der „Rot-Grünen“ und deren „Einheitsbrei“ in der Bildungspolitik. „Diese Wahl ist nicht entschieden“, sagt die Kanzlerin mit erhobenem Zeigefinger. „Aber wir haben beste Chancen.“ Da rufen die ersten „Angie“, „Angie“, als sähen sie neue Kraft ihrer vordersten Wahlkämpferin.

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