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Bundestagswahlkampf Der Tausend-Meter-Lauf der Orientierungslosen

13.06.2009 ·  Das Fernsehen hat die zweite Stufe im sogenannten Superwahljahr gezündet: „Anne Will“ und „Maybritt Illner“ sahen einen völlig ratlosen Frank-Walter Steinmeier und eine buddhahafte Angela Merkel dem Wahlkampfziel entgegentaumeln.

Von Nils Minkmar
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Eine wichtige Aufgabe des Fernsehens ist es, Trost zu spenden. Egal was tagsüber los war, das abendliche Programm weicht nicht oder nur in genau vorgesehenen Bahnen – Raumschiff von der Venus gelandet? Fünfzehn Minuten Brennpunkt! – vom versprochenen Schema ab. Wollte man wirklich für eine nationale Panik sorgen, müssten die Fernsehbeschäftigten aus ihren Formaten fallen, so wie in dem alten Seyfried-Cartoon, wo ein völlig fertiger Anchorman, vor sich die leeren Tablettenröhrchen, die Zuschauer fragt: „Raten Sie mal, was heute passiert ist . . .“

Fernsehen ist mindestens so systemrelevant wie die Banken, und darum tun beide brav ihre Pflicht in unsicherer Zeit, nämlich so, als sei nichts, als sei dies ein normales Wahljahr mit einem – Tataa – Kanzlerduell.

Ein fürchterlicher Auftritt

In der vergangenen Woche wurde gemäß dem vorgegebenen Kalender die zweite Stufe im sogenannten Superwahljahr gezündet, in der also die Bundeskanzlerin und ihr Stellvertreter und Herausforderer wenige Tage aufeinanderfolgend als Gast in politischen Talksendungen auftraten, Frank-Walter Steinmeier bei Anne Will und Angela Merkel bei Maybrit Illner. Es war, aus je unterschiedlichen Gründen, in beiden Fällen gutes, erkenntnisstiftendes Fernsehen, obwohl es die politische Landschaft, auf die sich solch eine Anordnung bezieht, gar nicht mehr gibt. Vor unser aller Augen ist am vergangenen Sonntag in ganz Europa die sozialdemokratische Linke untergegangen, ohne auch nur Blubb zu machen – und im deutschen Fernsehen folgte dann der Kandidat.

Man soll ja in diesen schrumpfenden Zeiten – minus sechs Prozent Wirtschaftswachstum in Deutschland, minus drei Prozent weltweit – nichts unnötig kleinreden, aber die Wahrheit darf man schon noch sagen: Es war ein fürchterlicher Auftritt. Es war vermutlich der enttäuschendste, fehlgeleitetste Auftritt eines Spitzenkandidaten, seit SPD-Kanzlerkandidaten im Fernsehen auftreten, dazu angetan, auch leidgeprüfte Anhänger der Sozialdemokraten am Sinn der ganzen Veranstaltung zweifeln zu lassen. Kann man nicht einfach für eine möglichst große Fraktion werben? Muss man ein Kanzlerduell mitmachen, auch wenn man weder einen guten Kandidaten noch einen zwingenden Grund für oder die geringste Chance auf den Wechsel hat?

Opfer der eigenen Taten

Der sozialdemokratische Kanzlerkandidat konnte in der ganzen langen Sendezeit nicht einen Punkt nennen, wegen dem es nötig wäre, die bestehende Regierung abzulösen und durch eine unter seiner Führung zu ersetzen, und kein Wunder: Er führt sie ja bereits an verantwortlicher Position. Kritik empfand er als Anmaßung, Satire als Beleidigung. Die Moderatorin wurde im Gegenschnitt in unverhohlener Fassungslosigkeit gezeigt.

An einem entscheidenden inhaltlichen Punkt, der Krise, angelangt, drückte er – man fasste sich an den Kopf – auf die Vorspultaste: Sie sei geschehen „aus Gründen, die nicht zu rekapitulieren sind“. Es ist für einen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten, für uns alle aber wichtig, diese Gründe zu rekapitulieren. Klar ist es schwer, zugleich als geistiger Vater der Agenda-Politik zu gelten und als Kritiker einer Shareholdervalue-Ideologie; von dem Mann, bei dem seit 1998 erst an Schröders Seite und nun schon jahrelang allein die Fäden der Macht zusammenlaufen, zugleich eine politische Wende einzufordern.

Steinmeier ist so lange an der Spitze des Staates, dass er ganz normale Fragen an einen Oppositionsführer, etwa, wie er an die für einen Machtwechsel nötigen Stimmen kommen wolle, als Zumutung empfindet. Sein einzig verbliebenes Rückzugsgebiet ist die Behauptung, er wisse schon, was er tue, und werde es, wie bisher, schon richten. So endet die 150-jährige Geschichte der Sozialdemokratie im Paternalismus. Kein Wort verlor Steinmeier über Verbündete, Genossen, mögliche Koalitionspartner oder die sozialen Trägerschichten, die er doch braucht, um ein Reformprojekt umzusetzen – vielleicht, weil er kein solches Projekt verfolgt. Fies wurde es am Ende, im Gespräch mit einem Langzeitarbeitslosen. Da verwies Steinmeier auf ungenannte Kontakte, die er für diesen Einzelfall bemühen könne, und nahm die Attitüde des „Na, Junge, ich regle das schon!“ ein. Anne Will sollte dann in einigen Wochen noch mal nachschauen, wie bei der Prominentenwette von „Wetten dass...?“.

Es war ein Auftritt ohne jeglichen Mut, bloß getragen von der verzweifelten Behauptung, man kenne den Weg und wolle ihn unbeirrbar verfolgen. Es war bloß noch Pose.

In Kanzlerinnenpose

Die Fernsehsender sind nett, unterstellen auch wegen der schöneren Dramatik quasi amerikanische Duellverhältnisse. Die Zahlen geben das nicht her, nur der Wille der Sender zum Format garantiert Steinmeier den luxuriösen Soloauftritt: Von den Zahlen her hätte Steinmeier gleichberechtigt neben Trittin, Westerwelle, Lafontaine und Seehofer stehen müssen. Etwas anderes ist es logischerweise bei der Bundeskanzlerin, die allerdings bei Maybrit Illner konsequent nur Frau Merkel genannt wird. Ihr wurde kein weiterer Politiker zugesellt, dafür, wie zur Strafe, zwei Herren aus der Mitte der Gesellschaft, die ihre spezifischen Probleme aus dem Komplex Leiharbeit beziehungsweise Familienbesteuerung schilderten. Das war irritierend, ging es doch im Titel der Sendung um die Pläne der Kanzlerin mit dem ganzen Land, aber Merkel ließ sich nicht beirren.

Es war gleich zu Beginn der Sendung merkwürdig geworden, als lang und breit zwei Herren aus dem Randgebiet der Politik zu Wort kamen, Friedrich Merz und Reinhard Münch. Das mochte für Doktoranden zur Geschichte der CDU interessant sein, für den Rest der Zuschauer freilich war es langweilig, weil die beiden keine Relevanz und nur alte Hüte zu verkaufen haben.

Merkel versank in ihren berühmten buddhaähnlichen Aussitzmodus, kam aber erquickt daraus hervor. Ihr Moment kam, als die Illner ihr unterstellte, sie spreche als Wahlkämpferin – auch Maybrit Illner beseelt von dem Wunsch nach einem Kampf vor der Wahl –, und Merkel sie korrigierte, da „spreche die Bundeskanzlerin“. Ganz in der Kanzlerinnenrolle war sie in jenen Momenten, in denen sie eine Ahnung von den Unsicherheiten des Systems gab, von der Katastrophe, an der das Land nur knapp vorbeigekommen ist, und der Ratlosigkeit, die sie ab und zu erfasst.

„Ya pas photo“, heißt es im Umgangsfranzösischen in einem solchen Fall: Nach den beiden Einzelsendungen der vergangenen Woche braucht man keinen Fotobeweis, um festzustellen, wer hier als Erstes ins Ziel kommt, wer sich überhaupt nur in Richtung Ziel bewegt und wer den klassischen Monty-Python-Sketch vom Tausend-Meter-Lauf der Orientierungslosen nachspielt.

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