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Allensbach-Umfrage Die unverdrossenen Nichtwähler

22.07.2009 ·  Wahlenthaltung ist weniger Ausdruck von Protest als von Desinteresse an Politik. Eine große Zahl von Bürgern meint, es sei nicht entscheidend, ob sie an der Wahl teilnehmen oder nicht. Die Beteiligung an der Bundestagswahl dürfte deshalb in diesem Jahr abermals sinken.

Von Thomas Petersen
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Wenn Ereignisse oder Erscheinungen, deren Zusammenhang plausibel erscheint, gleichzeitig oder am gleichen Ort auftreten, neigen die meisten Menschen dazu, sie als Ursache und Wirkung aufzufassen. Doch manchmal führt das Einleuchtende auch in die Irre. Zumindest zum Teil trifft das auch auf den Zusammenhang zwischen Politikverdrossenheit und Wahlenthaltung zu.

Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Begriff der „Parteienverdrossenheit“ aus der öffentlichen Diskussion kaum noch wegzudenken. Der Anteil derjenigen an der Bevölkerung, die sich in den Allensbacher Umfragen als enttäuscht von allen Parteien bezeichnen, ist seitdem starken Schwankungen unterworfen, stieg aber von Werten um die 30 Prozent in den 1980er Jahren auf bis zu 65 Prozent im August 2004. Gleichzeitig begann die auch zuvor schon schwankende Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen in der Tendenz stark abzunehmen. Auch bei Bundestagswahlen ging die Wahlbeteiligung zurück, allerdings langsamer. Da lag es nahe, diese Entwicklung als Folge der Parteienverdrossenheit zu interpretieren.

Die meisten Nichtwähler interessieren sich wenig für Politik

Für Prognosen der Wahlbeteiligung bei der kommenden Bundestagswahl im September ist es heute noch zu früh, aber es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass wir in diesem Jahr eine niedrige Wahlbeteiligung und gleichzeitig ein vergleichsweise niedriges Niveau der Politikverdrossenheit erleben werden. Wie passt das zusammen?

Die Vorstellung, Wahlenthaltung sei gleichbedeutend mit Protest gegen die Parteien und das politische System, verstellt den Blick auf die eigentlichen Strukturen des Phänomens. Natürlich gibt es auch Bürger, die den Parteien mit ihrer Wahlenthaltung ganz bewusst einen Denkzettel verpassen wollen, doch dabei handelt es sich um eine kleine Minderheit. Die meisten Nichtwähler sind Menschen, die sich wenig für Politik interessieren und vergleichsweise wenig politische Kenntnisse haben. Oft handelt es sich um junge Leute, die - anders als ihre Eltern und Großeltern - nicht der Ansicht sind, Wählen sei eine Bürgerpflicht. Dies wird deutlich an den Ergebnissen der jüngsten Repräsentativumfrage des Allensbacher Instituts für diese Zeitung, für die in der Zeit vom 6. bis zum 17. Juli 2009 ein repräsentativer Bevölkerungsquerschnitt von rund 1800 Personen befragt wurde.

Dabei kann man auf einer allgemeinen Ebene, mit abstrakt formulierten Fragen, den Nichtwählern durchaus Antworten entlocken, die sich als Politikverdrossenheit deuten lassen. Beispielsweise mit einer Frage, bei der die Interviewer den Befragten eine Liste mit Aussagen über das Wählen vorlegen mit der Bitte anzugeben, welchen dieser Aussagen sie zustimmen würden. 62 Prozent derjenigen, die sagen, dass sie bei Bundestagswahlen nicht wählen gehen, aber nur 11 Prozent der Bevölkerung insgesamt stimmen der These zu: „Mir gefällt zurzeit keine Partei. Deshalb gehe ich nicht wählen.“ 59 Prozent der Nichtwähler gegenüber 13 Prozent der Gesamtbevölkerung meinen, es bringe nichts, wählen zu gehen. Bei der Aussage „Ich frage mich häufig, ob es Sinn macht, wählen zu gehen.

Die Parteien machen doch sowieso, was sie wollen“ beträgt das Verhältnis 60 zu 42 Prozent. Doch die ablehnende Haltung der Nichtwähler gegenüber der Politik bleibt vage: Der Aussage „Wenn ich mit meiner Partei unzufrieden bin, bleibe ich am Wahltag zu Hause, um ihr einen Denkzettel zu verpassen“ stimmen nur 7 Prozent der Nichtwähler zu, bei der Gesamtbevölkerung sind es 5 Prozent. Der größte Unterschied zwischen Wählern und Nichtwählern ist bei dem Statement „Ich finde, Wählen gehen ist eine Art Pflicht für den Bürger“ festzustellen: Hier stimmen 62 Prozent der Bevölkerung insgesamt, aber nur 6 Prozent der Nichtwähler zu. Von einer aktiven, bewussten und konkret politisch begründeten Protesthaltung ist wenig zu sehen.

Deutliche, aber keineswegs dramatische Unterschiede

Vergleicht man die Parteisympathien der Nichtwähler mit denen der übrigen Bevölkerung, sind deutliche, aber keineswegs dramatische Unterschiede zu verzeichnen. Der deutlichste Abstand ist noch bei den Unionsparteien zu beobachten: 38 Prozent der Befragten insgesamt, aber nur 23 Prozent der Nichtwähler bezeichnen die CDU/CSU als die derzeit sympathischste Partei. Der Unterschied dürfte zu einem guten Teil darauf zurückzuführen sein, dass die Unionsparteien besonders bei der älteren Generation Zuspruch finden, die sich besonders intensiv an Wahlen beteiligt.

Bei den meisten anderen Parteien sind die Abstände geringer: Die SPD ist für 28 Prozent der Deutschen insgesamt und für 31 Prozent der Nichtwähler die sympathischste Partei, bei der FDP beträgt das Verhältnis 9 zu 12, bei den Grünen 14 zu 10 Prozent. Lediglich bei der Linkspartei ist ein größerer Unterschied auszumachen: Sie wird von 10 Prozent der Bevölkerung insgesamt, aber von 16 Prozent der Nichtwähler als sympathischste Partei genannt. Von einem größeren Protestwählerpotential ist nichts zu erkennen.

Die vielzitierte „Partei der Nichtwähler“ gibt es nicht

Deutlich wird, dass Politik im Leben derjenigen, die nicht zur Wahl gehen, eine untergeordnete Rolle spielt. Auf die Frage „Einmal ganz allgemein gesprochen: Interessieren Sie sich für Politik?“ antworten 50 Prozent der Deutschen insgesamt, aber nur 13 Prozent der Nichtwähler mit „Ja“. Ähnlich eindeutig sehen die Antworten auf die Frage aus, ob die Befragten einen Freundes- oder Bekanntenkreis haben, mit dem sie sich regelmäßig treffen, und, wenn ja, ob in diesem Kreis auch über Politik gesprochen wird. 73 Prozent derjenigen, die bei Bundestagswahlen regelmäßig wählen gehen und die einen solchen Freundeskreis haben, sagen, dass in diesem Kreis auch über Politik gesprochen wird, die Nichtwähler sagen dies nur zu 42 Prozent.

Auch die Vorstellung, dass Wahlverweigerung mit einer aktiven politischen Teilnahme abseits der traditionellen Bahnen, etwa in Bürgerinitiativen, einhergehen könnte, führt in die Irre: 49 Prozent der regelmäßigen Wähler und 19 Prozent der Nichtwähler sind abseits politischer Parteien ehrenamtlich aktiv, sei es in Vereinen, Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden oder in anderen Organisationen. Die vielzitierte „Partei der Nichtwähler“ gibt es nicht.

Die Bedeutung der politischen Familientradition

Zum Teil ist das nachlassende Interesse vor allem der jüngeren Generation an Wahlen auf eine allmähliche Schwächung traditioneller politischer Bindungen zurückzuführen. Elisabeth Noelle-Neumann schrieb 1994 in dieser Zeitung, die Antworten auf die Frage, warum jemand eine bestimmte Partei wähle, seien ungefähr so sinnvoll wie die Frage, warum jemand katholisch oder evangelisch sei: Praktisch niemand antworte auf diese Frage: „weil ich in eine katholische, eine evangelische Familie hineingeboren bin“. Und doch wäre dies in vielen Fällen die zutreffende Antwort.

Diese Beobachtung trifft auch heute noch zu, doch in einem spürbar geringeren Maße als noch im letzten Jahrzehnt. Auf die Frage „Gibt es eigentlich - wenn Sie an Ihre Eltern oder auch die Großeltern denken - eine bestimmte Partei, die in Ihrer Familie Tradition hat, die also immer wieder gewählt worden ist, oder gibt es da in Ihrer Familie keine solche Tradition?“ antworteten im Jahr 1998 50 Prozent, es gebe bei ihnen eine solche Familientradition, heute sind es noch 41 Prozent. Es gebe keine entsprechende Tradition, meinten vor 11 Jahren 41 Prozent, inzwischen sind es 49 Prozent. Mit der Bedeutung der politischen Familientradition nimmt aber auch das Gefühl ab, einer solchen Tradition verpflichtet zu sein und die betreffende Partei in jedem Fall unterstützen zu müssen.

Die Bundestagswahl als „Schicksalswahl“

Der Bundestagswahlkampf des Jahres 2009 verläuft bisher außerordentlich ruhig. Von Erregung in der Bevölkerung ist nichts zu spüren. Auf die Frage „Würden Sie sagen, dass Sie an der kommenden Bundestagswahl stark interessiert sind, normal oder weniger interessiert?“ antworten heute 28 Prozent, sie seien an der Wahl stark interessiert, gleich viele wie im Juli 2002, aber weniger als in den Wahljahren 1994, 1998 und 2005. Es ist offensichtlich, dass die Bevölkerung der Wahl im September eine geringere Bedeutung zuspricht als den letzten Bundestagswahlen. Gerade 16 Prozent sagen, sie würden die kommende Bundestagswahl als eine „Schicksalswahl“ bezeichnen. 1998 sprachen der Wahl 45 Prozent diese Bedeutung zu, 2002 waren es 27, 2005 47 Prozent.

Es liegt nahe anzunehmen, dass die Konstellation der großen Koalition, die der öffentlichen politischen Auseinandersetzung in den letzten Jahren einiges an Schärfe genommen hat, zu dieser Situation beiträgt. Auch die in der Bevölkerung weit verbreitete Vermutung, dass die Wahl bereits zugunsten der CDU/CSU entschieden sei, mag hier eine Rolle spielen: Die Einsatzbereitschaft der Parteianhänger ist erkennbar geringer als vor vier Jahren, lediglich die FDP-Anhänger erscheinen heute - beflügelt von den jüngsten Wahlerfolgen - aktiver als damals.

31 Prozent sind von allen Parteien enttäuscht

Wenn sich an dieser Situation bis zum September nichts ändert, könnte es sein, dass die Wahlbeteiligung gering ausfällt. Der Grund wäre nicht in Parteienverdrossenheit zu suchen: Der Anteil derjenigen, die sagen, sie seien von allen Parteien enttäuscht, liegt heute bei 31 Prozent. Ein niedrigerer Wert wurde zuletzt vor elf Jahren gemessen. Stattdessen muss man von einer großen Zahl von Bürgern ausgehen, die meinen, es sei nicht wirklich entscheidend, ob sie an der Wahl teilnehmen, und die sich auch nicht dazu verpflichtet fühlen.

Eine Frage in der jüngsten Allensbacher Umfrage lautete: „Einmal angenommen, Sie machen an einem Sonntag, an dem Wahl ist, einen Ausflug. Sie haben viel Spaß, das Wetter ist traumhaft schön, aber die Wahllokale schließen um 18 Uhr. Was machen Sie: Beenden Sie den Ausflug, um noch rechtzeitig wählen zu gehen, oder ist Ihnen das nicht so wichtig?“ 1998 sagten 59 Prozent der Befragten, sie würden für die Wahl den Ausflug abbrechen. Heute sind es noch 39 Prozent.

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