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Allensbach-Analyse Fatalistische Gelassenheit

 ·  Die anstehende Bundestagswahl wird von der schwierigen wirtschaftlichen Lage überschattet. Doch nur jeder Vierte sieht den kommenden zwölf Monaten voller Befürchtungen entgegen. Weder die Krise noch die Wahl scheinen die meisten Bürger sonderlich zu bewegen.

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Die anstehende Bundestagswahl wird von der schwierigen wirtschaftlichen Lage überschattet, insbesondere von der Sorge, die Arbeitslosigkeit könnte vom Herbst an steil ansteigen. Von Alarmstimmung ist jedoch wenig zu spüren. Weder die Wahl noch die wirtschaftliche Entwicklung scheinen die meisten Bürger zurzeit sonderlich zu bewegen. Nur 26 Prozent der Bevölkerung sehen den kommenden zwölf Monaten voller Befürchtungen entgegen. In Bezug auf die weitere konjunkturelle Entwicklung werden die Sorgen der Bevölkerung von Monat zu Monat schwächer. Anfang des Jahres rechneten noch zwei Drittel mit einem anhaltenden Abwärtstrend, im Mai noch 55 Prozent, im Juni 44 Prozent, jetzt 39 Prozent.

Jedoch teilen nur 26 Prozent der Bevölkerung die Überzeugung, dass das Schlimmste vorbei sei, während knapp die Hälfte erwartet, dass das Schlimmste der Krise noch bevorstehe - zwar kein neuerlicher Einbruch der Konjunktur, aber deutlich steigende Arbeitslosenzahlen. Der Bevölkerung ist durchaus bewusst, dass die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise zurzeit noch durch die Kurzarbeit und die staatlichen Konjunkturpakete abgefedert werden. Zwei Drittel erwarten, dass die Arbeitslosenzahlen in Deutschland binnen Jahresfrist steigen werden, 45 Prozent rechnen mit einem gravierenden Anstieg.

Jeder vierte macht sich Sorgen um den Job

Und trotzdem ist die überwältigende Mehrheit gelassen. Das hat zum einen mit der fatalistischen Überzeugung zu tun, dass sich machtvolle wirtschaftliche Zyklen kaum aufhalten und steuern lassen; die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt, dass in Abständen immer wieder wirtschaftliche Schwächen auftreten; vor allem ist es jedoch die bis heute relativ geringe persönliche Betroffenheit. Rund 5 Prozent der Erwerbstätigen machen zurzeit Kurzarbeit, weitere 6 Prozent befürchten, dass sie in absehbarer Zeit zu Kurzarbeit übergehen müssen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit hält sich bisher in bemerkenswert engen Grenzen.

Verglichen mit dem Sommer 2008, der noch von der Boomphase geprägt war, hat sich die Zahl der Arbeitslosen um 252.000, die Arbeitslosenquote um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Gut jeder vierte Arbeitnehmer macht sich jedoch Sorgen um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes; weit überdurchschnittlich gilt dies für die unteren Einkommensschichten. Von Arbeitnehmern aus Haushalten, in denen der Hauptverdiener netto weniger als 1250 Euro nach Hause bringt, fürchten 41 Prozent um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, von den Arbeitnehmern aus Haushalten mit einem Hauptverdiener-Nettoeinkommen von 2000 Euro und mehr dagegen lediglich 16 Prozent.

40 Prozent beobachten im eigenen Unternehmen Auswirkungen

Doch ist zu erkennen, dass die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz nicht wächst, sondern seit Beginn der Krise in der engen Bandbreite zwischen 27 und 32 Prozent oszilliert. Dies entspricht weitgehend dem Niveau von 2005 und 2006. Verglichen mit dem Frühjahr 2008, liegt der Anteil, der sich um den eigenen Arbeitsplatz sorgt, zurzeit 5 Prozentpunkte höher. Bei vielen ist es auch keine Sorge, die sich aus Beschlüssen des eigenen Unternehmens, Arbeitsplätze abzubauen, speisen würde. Der Kreis, der fürchtet, in den nächsten sechs Monaten seinen Arbeitsplatz zu verlieren, liegt zurzeit bei 17 Prozent. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres lag der Anteil, der akut um den eigenen Arbeitsplatz besorgt war, bei 11 Prozent, im August 2007 bei 12 Prozent.

40 Prozent der Berufstätigen beobachten im eigenen Unternehmen Auswirkungen der Krise, nur 11 Prozent haben jedoch den Eindruck, dass ihr Unternehmen stark betroffen ist. Ähnlich äußert sich die gesamte Bevölkerung über die bisherigen Auswirkungen der Krise auf ihre persönliche Lage. 6 Prozent sind von der Krise stark, 29 Prozent begrenzt betroffen. Damit ist der Anteil der hart getroffenen Bevölkerungskreise heute genauso groß wie bereits im Frühjahr, während sich der Anteil der nach eigenen Angaben „etwas, aber nicht stark“ Betroffenen von 20 auf 29 Prozent erhöht hat. 25 Prozent können bisher keine Auswirkung auf ihre persönliche Lage erkennen, befürchten jedoch, dass sich das in den nächsten Monaten ändern könnte.

Finanzielle Spielräume der privaten Haushalte gewachsen

Die größte Gruppe stellen jedoch mit 38 Prozent diejenigen, die bisher nicht betroffen sind und auch davon ausgehen, dass dies so bleibt. Dieser Kreis rekrutiert sich überdurchschnittlich aus der Altersgruppe unter 30 Jahren und der über 60 Jahren sowie aus den Bevölkerungskreisen mit überdurchschnittlichen Einkommen.

Insgesamt befindet sich die überwältigende Mehrheit zehn Monate nach Ausbruch der Krise in einer gefestigten Lage. Mitten in dem schwersten Konjunktureinbruch der Nachkriegszeit sind die durchschnittlichen finanziellen Spielräume der privaten Haushalte gewachsen. 2007 bezifferte die westdeutsche Bevölkerung den Betrag, der im eigenen Haushalt nach Begleichen der festen Lebenshaltungskosten zur Verfügung bleibt, auf monatlich im Durchschnitt 315 Euro, im Frühjahr 2008 auf 325 Euro, aktuell auf 331 Euro; in den neuen Bundesländern stieg dieser Betrag seit Frühjahr 2008 von 222 auf 231 Euro.

Die Konsumneigung bleibt robust

Die langsam wachsenden finanziellen Spielräume der privaten Haushalte prägen Konsum und Sparquote. Obwohl die Sparquote seit 2006 stetig angestiegen ist und sich mittlerweile auf einem Niveau befindet, das zuletzt in der Mitte der neunziger Jahre zu beobachten war, bleibt die Konsumneigung robust. Der Anteil der Bevölkerung, der die eigene wirtschaftliche Lage als schwierig beschreibt, hat sich seit dem Frühjahr 2008 gerade einmal von 14 auf 15 Prozent erhöht.

Die Krise hat dadurch für die überwältigende Mehrheit nach wie vor einen nahezu virtuellen Charakter. Entsprechend findet die Bundestagswahl auch nicht inmitten einer allgemeinen Krisenstimmung statt. Zwar ist die Mehrheit überzeugt, dass es bei der bevorstehenden Wahl vor allem auch darum geht, dass Deutschland wirtschaftlich wieder vorankommt. Dieses Motiv spielte jedoch bei der letzten Bundestagswahl, die noch von der mehrjährigen Wachstumsschwäche geprägt war, eine wesentlich größere Rolle. Damals erklärten 65 Prozent, dass sie die Wahl auch unter dem Gesichtspunkt betrachten, welche Option für Deutschland die besten ökonomischen Chancen verspricht, diesmal sind es 51 Prozent.

Der Weg aus der Krise

Gleichzeitig gilt die Wahl nur bei einer Minderheit als Schicksalswahl, auch im ökonomischen Sinne. Nur 27 Prozent glauben, dass der Ausgang der Bundestagswahl darüber entscheidet, wie rasch sich Deutschland wirtschaftlich erholt. 60 Prozent erwarten keine schwerwiegenden ökonomischen Auswirkungen. Diese Einschätzung, die auf den ersten Blick im Widerspruch zur Überzeugung der Mehrheit steht, dass es bei der Wahl auch um die erfolgreiche Bewältigung der Krise geht, erklärt sich aus der allgemeinen Erwartung, dass sich die Regierungskonstellation im Kern wenig verändern wird. Die überwältigende Mehrheit erwartet, dass die CDU/CSU nach der Wahl die Regierung führen wird, ob in einer schwarz-gelben oder einer großen Koalition.

Die Unionsparteien verzeichnen sehr stabile Werte, die Kanzlerin sogar wachsende Unterstützung. Der Anteil der Bevölkerung, der sich mit ihrer Politik ausdrücklich einverstanden erklärt, hat sich seit Beginn der Krise von 36 auf 45 Prozent erhöht, der Anteil der harten Kritiker von 28 auf 24 Prozent verringert. Der unaufgeregte Regierungsstil entspricht der derzeitigen Stimmungslage der Bevölkerung. Auch das Zutrauen in das Management der ökonomischen Probleme hat im Verlauf der Krise zugenommen. Ende 2008 trauten 30 Prozent Angela Merkel am ehesten zu, mit den wirtschaftlichen Problemen fertig zu werden, heute 40 Prozent, umgekehrt ist das Vertrauen in die Kompetenz Steinmeiers, die Krise besser zu meistern, von 14 auf 9 Prozent zurückgegangen; ein gutes Drittel der Bevölkerung traut keinem von beiden die Bewältigung dieser Herausforderung zu.

Vorschusslorbeeren für Guttenberg

Die Assoziation von wirtschaftlicher Kompetenz mit den Unionsparteien wird durch die Popularität des Wirtschaftsministers befestigt, der insbesondere in den politisch interessierten Bevölkerungskreisen in höchstem Ansehen steht. 51 Prozent der gesamten Bevölkerung, 66 Prozent der politisch Interessierten haben von zu Guttenberg eine gute Meinung, lediglich 9 Prozent stehen ihm kritisch gegenüber. Seine Popularität reicht tief in die Anhängerkreise von SPD und Bündnis 90/Die Grünen hinein. Noch nie wurde ein Politiker, der erst am Beginn einer Karriere steht, von der Bevölkerung derart mit Vorschusslorbeer bedacht.

Insbesondere das Urteil der politisch interessierten Bevölkerungskreise hat fast etwas von der amerikanischen Begeisterungsfähigkeit für Personen, wenig von der eher typischen deutschen Skepsis. Die überwältigende Mehrheit der politisch Interessierten sieht in ihm einen Politiker mit Zukunft und klarer Linie. Kein anderer Politiker steht zurzeit so wenig unter Opportunismusverdacht; nur 7 Prozent der Bevölkerung haben den Eindruck, dass seine Äußerungen primär von dem Streben nach Popularität diktiert sind. Dass er die Rettungsversuche für Opel mit hörbarer Skepsis begleitete, hat ihm ungleich mehr Ansehen eingetragen als anderen der Wettlauf um die Rolle des Retters. Auch dies zeigt die nüchterne Distanz, mit der die Bevölkerung zurzeit Krisenphänomene beobachtet.

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