26.05.2008 · Seit Monaten hat sie in internen Gesprächen ihre Bereitschaft zur Kandidatur erklärt. „Vertrauen zu schaffen“, hatte Gesine Schwan 2004 als ihr Leitmotiv angegeben. Nun sagt sie: „Wer mich wählt, hat sich für Demokratie entschieden“- und wirbt ausdrücklich auch um die Stimmen der Linkspartei.
Von Günter Bannas„Ich wäre nicht angetreten, wenn es aussichtslos wäre.“ So hat Gesine Schwan einen der Hintergründe ihrer Bereitschaft umschrieben, sich abermals zur Kandidatin der SPD für das Amt des Bundespräsidenten nominieren zu lassen. 2004, als sie schon einmal kandidierte, sei es nicht wirklich „ernst gewesen“, vermerkte sie nun in der Rückschau. Damals verfügten Union und FDP über eine Mehrheit in der Bundesversammlung.
Dieses Mal könnte der Wettbewerb – nach der Landtagswahl in Bayern – offen sein. Wie 2004 scheint sie einen Wahlkampf gegen Horst Köhler im engeren Sinne nicht führen zu wollen. Sie habe kein Konzept für die kommenden Monate. Doch Gesine Schwan ist nicht politisch naiv. Seit Monaten hat sie in internen Gesprächen ihre Bereitschaft zur Kandidatur erklärt. Sie weiß, dass von nun an ihre öffentlichen Auftritte mehr als bisher und womöglich auch mehr als vor vier Jahren registriert und bewertet werden. Den Eindruck, sie könnte darunter leiden, vermittelt sie nicht. Eher trifft das Gegenteil zu.
Keine politische Funktionen
„Vertrauen zu schaffen“, hatte Frau Schwan 2004 als ihr Leitmotiv angegeben. Auf ähnliche Weise spricht sie nun davon, das Präsidentenamt biete die Chance, die Demokratie, die in eine „kulturelle Krise“ geraten sei, wieder zu stärken. Demokratische Prozesse wolle sie im Sinne des Gemeinwohls transparent machen.
Unionspolitiker haben ein Ende des Regierungsbündnisses gefordert, sollte die SPD wie erwartet die Hochschulpräsidentin Gesine Schwan als Gegenkandidatin zu Horst Köhler aufstellen. Linken-Chef Lafontaine signalisiert unterdessen Unterstützung für Schwan.
Politische Funktionen hatte das sozialdemokratische Parteimitglied freilich nicht inne, abgesehen von ihrer vorübergehenden Mitarbeit in der SPD-Grundwertekommission, die sie 1984 auf Drängen der damaligen SPD-Führung wegen – nach den Kategorien jener Zeit – rechtsabweichlerischer Tendenzen verlassen musste. Sie gehörte schließlich zu den wenigen SPD-Politikern, die sich auch nach dem Ausscheiden Helmut Schmidts aus dem Kanzleramt für den Nato-Doppelbeschluss aussprachen.
Werben um Linkspartei
Mit Schärfe setzte sie sich mit dem DDR/SED-System auseinander. Nun will sie – weil sie weiß, ohne deren Stimmen gehe es nicht – ausdrücklich auch um die Stimmen der Linkspartei werben. Die Linke sei Produkt der „Wiedervereinigung“ und der „Globalisierung“. Sie sehe, sagte sie, dort unterschiedliche Strömungen – DDR-Nostalgiker, junge Linke und auch demagogische Populisten. „Wer mich wählt, hat sich für Demokratie entschieden.“
Gesine Schwan wurde 1943 in Berlin geboren. Ihre Eltern hatten zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus gehört. In den siebziger Jahren studierte sie unter anderem auch in Warschau und Krakau. 1975 wurde sie an die Freie Universität (FU) Berlin zur Professorin für Politikwissenschaften und Philosophie berufen. In der SPD blieb sie, auch nachdem ihr Mann, Alexander Schwan, diese Partei verlassen hatte und in die CDU eingetreten war. 1999 unterlag sie bei der Bewerbung für das Amt des FU-Präsidenten. Wenig später wurde sie Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. In der vergangenen Woche wurde Gesine Schwan 65 Jahre alt. Neue Aufgaben stehen an. „Ich tue es mit Lust.“