07.01.2009 · Die Anleger rechnen an den amerikanischen Aktienmärkten mit abgrundtief schlechten Zahlen für das vierte Quartal. Doch es gibt Hoffnung: Sogar wenn die Gewinne nur schlecht ausfallen, könnte es schon zu einer Kursrally kommen.
Von Ben StevermanNach dem Jahreswechsel arbeiten die Unternehmen mit Hochdruck an der Zusammenstellung ihrer Jahresendergebnisse, wobei derzeit niemand so recht weiß, wie sie ausfallen werden.
Die Eskalation der Finanzkrise im vergangenen Herbst und der kräftige Konjunkturabschwung haben die Erwartungen der Analysten und Investoren zur Makulatur werden lassen. Nach schwachen Drittquartalszahlen hielten sich viele Konzernchefs mit Prognosen für das vierte Quartal oder für die Geschäftsentwicklung 2009 zurück. Während Wirtschaftsdaten die Angst vor einer kräftigen Abschwächung schüren, gehen die Meinungen der Ökonomen über das weitere Ausmaß der Misere oder den Zeitpunkt einer einsetzenden Erholung auseinander.
Analysten halten mit ihren Schätzungen jedoch nicht hinterm Berg. Nach Angaben von Thomson Reuters wird für die im marktbreiten S&P-500 vertretenen Unternehmen ein Gewinnrückgang im vierten Quartal 2008 von 1,2 Prozent prognostiziert.
Gewinne nahe der Null-Linie
Angesichts der massiven Wirtschaftsprobleme und Finanzmarktturbulenzen mag dies zwar gering erscheinen, es gilt jedoch zu bedenken, dass noch zu Beginn des vierten Quartals ein Anstieg der Unternehmensgewinne von 46,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr prophezeit wurde.
Dass die Gewinne nun nahe der Null-Linie schwanken, ist dabei einzig und allein dem Finanzsektor zu verdanken, der im vierten Quartal 2008 gegenüber den Ende 2007 erlittenen Milliardenverlusten geringe Zuwächse verzeichnen dürfte. „Die Finanzwerte werden die Gewinne positiv beeinflussen“, sagt Ashwani Kaul, leitender Research-Analyst bei Thomson Reuters.
Abseits der Finanzwerte gehen die Analystenschätzungen dagegen von zum Teil starken Einbußen aus. Im Sektor dauerhafte Konsumgüter wird infolge der schwachen Weihnachtssaison und der Konsumabschwächung mit einer Gewinnerosion von 54 Prozent gerechnet. Thomson Reuters zufolge dürften die Gewinne im Energiesektor um 17 Prozent niedriger ausfallen, während bei Industriewerten ein Rückgang von 18 Prozent, im Grundstoffsektor ein Einbruch um 66 Prozent, bei Technologieunternehmen ein Minus von 15 Prozent und für Telekommunikationswerte eine Verringerung von 14 Prozent erwartet wird.
Gewinnsteigerungen in manchen Branchen
Wenn die Analysten mit ihren Prognosen richtig liegen, dürften in den Sektoren Konsumgüter, Gesundheitswesen und Versorger einstellige Gewinnsteigerungen auszumachen sein. Die Frage ist jedoch, ob die Wall-Street-Propheten diesmal richtig liegen. In Gesprächen mit Marktstrategen und professionellen Investoren wird jedenfalls erhebliche Skepsis laut.
„Niemand glaubt ernsthaft, dass der Gewinn von 'Unternehmen X' entsprechend den Konsensschätzungen ausfallen wird“, sagt John Buckingham, Chief Investment Officer von Al Frank Asset Management. Nach seiner Überzeugung sind die Analysten noch immer viel zu optimistisch.
Die Mitte Dezember von Goldman Sachs und Best Buy vorgelegten Zahlen waren möglicherweise Vorboten der Reaktion des Marktes auf Quartalsberichte. Obwohl die Ergebnisse der Investmentbank und des Elektronik-Einzelhändlers durchwachsen ausfielen, zündete der Markt bei beiden Aktien ein Kursfeuerwerk mit prozentual zweistelligen Zuwächsen.
Schlechte Zahlen oft schon eingepreist
Zumindest in diesen von der Wirtschaftskrise und dem Ausverkauf an den Aktienmärkten stark gebeutelten Branchen dürften schlechte Quartalszahlen schon in den Kursen berücksichtigt sein, sagt Doug Roman, Geschäftsführer und stellvertretender Vorsitzender von PNC Capital Advisors. Best Buy und Goldman Sachs konnten die Investoren bereits mit Zahlen überzeugen, die nicht ganz so schlecht ausfielen, wie im Worst-Case-Szenario befürchtet.
Die Erwartungshaltung für die Berichtssaison zum vierten Quartal sei äußerst gering, sagt Richard Sparks von Schaeffer's Investment Research. „Selbst schlechte Nachrichten könnten positive Reaktionen hervorrufen, wenn mit noch Schlimmerem gerechnet wurde“, so Sparks.
Die amerikanische Berichtssaison wird traditionell von Alcoa eingeläutet. Der Aluminiumproduzent legt am 12. Januar als erstes Großunternehmen Zahlen für ein am 31. Dezember beendetes Geschäftsjahr vor. Doch schon am gestrigen Dienstagabend hatte der Konzern ein drastisches Programm zur Kostensenkung bekanntgegeben. Bis Ende des Jahres sollten 13.500 Stellen abgebaut werden.
Zuvor stehen noch Berichte von Unternehmen an, deren Geschäftsjahr bereits im November endete. Am 7. Januar legen Monsanto, Bed Bath & Beyond und Family Dollar Stores ihre Zahlen auf den Tisch.
Bruce Bittles, Chef-Investmentstratege bei Robert W. Baird, geht davon aus, dass „die Gewinne in den kommenden zwei Quartalen unter erheblichem Druck stehen werden“.
Anleger rechnen mit dem Schlimmsten
„Was die Wirtschaftslage und die Unternehmensgewinne anbelangt, rechnen Anleger mit dem Schlimmsten“, fügt Bittles an. Doch vielleicht richtet der Aktienmarkt seinen Blick ja bald auf die für die zweite Jahreshälfte erwartete Erholung. Vor dem Hintergrund der Marktturbulenzen und der Wirtschaftskrise dürfte ein Blick nach vorn allerdings außerordentlich schwierig werden. „Derzeit ist es besonders schwer, da die üblicherweise herangezogenen Kennzahlen nicht funktionieren“, sagt Buckingham.
In der Tat dürften die vom Markt bevorzugten Kriterien der Aktienbewertung diesmal schwerer zu deuten sein. Gewinne dienen den Anlegern als wichtiges Spiegelbild des Fundamentalwerts eines Unternehmens, wobei häufig das Kurs-Gewinn-Verhältnis als grundlegende Kennzahl zur Beurteilung der Rentabilität einer Aktie herangezogen wird. Die Ungewissheit vieler Marktteilnehmer über die weitere Entwicklung der Gewinne lässt die Berechnung der Kurs-Gewinn-Verhältnisse indes zu einer Lektion in Sachen unscharfer Mathematik werden.
Verunsicherung am Markt
Mit dem Start der Berichtssaison würden Anleger sehr genau auf die Kommentare der Konzernchefs achten, um daraus Rückschlüsse auf künftige Gewinnentwicklungen schließen zu können, sagt Sparks. In der Berichtssaison zum dritten Quartal 2008 schien das sich verändernde Umfeld bei zahlreichen Managern für Verwirrung zu sorgen, und viele weigerten sich, Prognosen zukünftiger Ergebnisse abzugeben.
Dies hätte Verunsicherung am Markt ausgelöst, so Sparks. „Das Fehlen neuer Sorgen ängstigt den Markt mehr als schlechte Nachrichten“, sagt er. Sollten Investoren ihren Willen bekommen, dann werden die Quartalsberichte in Zukunft ein wenig mehr Vertrauen schaffen, selbst wenn diese Zukunft eher trostlos aussehen sollte.
Sollte jedoch das Gegenteil eintreten, könnte die jüngste Aktienmarktrally abrupt zum Stillstand kommen. Die Jahresendergebnisse könnten so schlecht wie befürchtet oder sogar noch schlechter ausfallen, während die Anleger zugleich keine weiteren Hinweise erhalten, wie lange sich die Wirtschaftsprobleme noch hinziehen werden. Letztlich hassen die Märkte nichts mehr als die Ungewissheit.