17.09.2008 · Die Rettung des Versicherers AIG durch den amerikanischen Staat ist letztlich nur ein organisierter Konkurs. Gelingt dessen Durchführung, war dies sicher die beste Lösung der Krise.
Von Martin HockManche hatten es erwartet, viele gehofft und einige befürchtet. Staatliche amerikanische Behörden übernehmen den vor dem Bankrott stehenden Versicherungskonzern AIG, der Welt größten Rückversicherer.
Das ist die Quintessenz einer Aktion, die von amtlichen Stellen als Vergabe eines Stützungskredits verbrämt wird. Konkret gewährt die New Yorker Niederlassung des Federal Reserve System, die keine staatliche Stelle ist, sondern sich im Eigentum ihrer Mitgliedsbanken befindet, dem Konzern einen Kredit von 85 Milliarden Dollar.
Dieser hat eine Laufzeit von zwei Jahren und ist mit sämtlichen Vermögenswerten des Konzerns besichert. Zudem muss AIG 79,9 Prozent seines Aktienkapitals an die Regierung der Vereinigten Staaten abtreten, die zudem das Recht erhält, Dividendenzahlungen zu untersagen.
Die Rettungsaktion ist gar keine
Doch im Grunde ist die Rettungsaktion gar keine. Denn die Rückzahlung des Kredites soll durch den Verkauf von Vermögenswerten erfolgen. Angesichts der Summe bedeutet dies faktisch die Absicht, den Versicherer zu zerschlagen.
Wenn dies tatsächlich in die Tat umgesetzt wird, so ist der Schritt letztlich zu begrüßen. Vermieden wird ein ungeordneter Konkurs mit unwägbaren Folgen. Zumindest kurzfristig hätte sich eine Kettenreaktion ergeben können, die die Krise der Weltwirtschaft weiter vertieft und verlängert hätte. Dies hätten auch Verbraucher zu spüren bekommen, im Zuge von Arbeitsplatzabbau, vor allem aber als Kreditnehmer.
Lösung mit Nebenwirkungen
Denn grundsätzlich läuft eine solche Kreditvergabe allen marktwirtschaftlichen Grundsätzen zuwider, hebt doch der Staat damit die Sanktionen des Marktes für falsche unternehmerische Entscheidungen auf und beraubt ihn so seiner wichtigsten Funktion, ineffiziente Verwendung von Kapital zu bestrafen und abzustellen. Mit einer behördlich gelenkten Zerschlagung simuliert der Staat in diesem Fall die voraussichtlichen marktlichen Entwicklungen.
Allerdings ist dies auch keine Lösung ohne mögliche Nebenwirkungen. Denn durch die Nähe zum Staat ergeben sich erfahrungsgemäß Möglichkeiten der Einflussnahme auf den Verkaufsprozess, der zudem zumindest teilweise auch unter politischen Gesichtspunkten abgewickelt wird.
Als erster Vorgeschmack kann die Meldung gelten, wonach der deutsche Versicherungskonzern Allianz zwei Tage vor der Auffangaktion gemeinsam mit dem amerikanischen Finanzinvestor J.C. Flowers ein Übernahmeangebot für AIG unterbreitet haben soll.
Unter diesen Gesichtspunkten wird eine Zerschlagung von AIG innerhalb von zwei Jahren unwahrscheinlich, auch wenn neben der Allianz auch die Münchener Rück schon Interesse unter anderem an den Erstversicherungsaktivitäten in Osteuropa und der Industrieversicherung geäußert hat.
Hoffen, dass der Plan gelingt
Insofern darf auch nicht übersehen werden, dass der Milliardenkredit der Notenbank eine unmittelbare Erweiterung der monetären Basis bedeutet und die Fed just also zu dem Mittel greift, mit dem sie die Kreditkrise erst ermöglicht hat: Ein Übermaß an Liquidität führte dazu, dass Kapital in immer riskantere Verwendungsmöglichkeiten floss, die nur aufgrund der einfachen Finanzierbarkeit überhaupt rentabel wurden.
Das ist eine Kapitalverschwendung, die nun vorerst einmal weitergeführt wird. Es werden ähnlich wie bei Subventionen Strukturen konserviert, die weniger zukunftsträchtig sind. Der Griff zu Notenbankgeld vergrößert zumindest vorübergehend die Diskrepanz zwischen Geldmenge und realwirtschaftlicher Gütermenge, was zwangsläufig zu Inflation führt, entweder bei den Verbraucherpreisen oder den Vermögenswerten.
Im ersten Fall würden die Verbraucher die Kosten der Rettung über das Portemonnaie zahlen, im zweiten steigt das Potential der Finanzmärkte zur Blasenbildung und damit deren Krisenanfälligkeit und Volatilität. Dies soll durch eine rasche Tilgung des Kredits vermieden werden.
Die Maßnahme der Fed zeigt zusammen mit der Entscheidung, die Leitzinsen trotz anders lautender Forderungen aus den Finanzmärkten nicht zu senken, das Bemühen um einen Kompromiss zwischen kurzfristiger und langfristiger Stabilisierung. Sie bringt auf kurze Sicht keine Lösung der Finanzkrise, sondern lindert diese bloß. Das ist nicht zu verachten, kann es doch den Märkten helfen, von selbst wieder auf die Füße zu kommen und die weiter fortbestehende Krise auch längerfristig zu bewältigen und nicht gleich in die nächste zu taumeln. Vorausgesetzt, die Abwicklung der Rettungsaktion gelingt wie geplant.