05.12.2008 · Wie könnte es anders sein: Nach dem dramatischen Kursverfall blicken die Strategen der Banken mit vorsichtigem Optimismus in das neue Jahr. Im Schnitt sehen Experten den Dax Mitte 2009 bei 4.813, am Jahresende sogar bei 5.440 Punkten stehen.
Nach dem dramatischen Kursverfall am deutschen Aktienmarkt im zu Ende gehenden Jahr blicken die Strategen der Banken mit vorsichtigem Optimismus in das neue Jahr. Im Schnitt sehen die von Dow Jones Newswires befragten Experten den Dax Mitte 2009 bei 4.813 Punkten, am Jahresende soll der Leitindex sogar bei 5.440 stehen.
Das attraktive Bewertungsniveau, die Bereitschaft der Politik und der Notenbanken, alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zur Bekämpfung der Finanzkrise auszuschöpfen, sowie die Aussichten auf umfassende Konjunkturprogramme insbesondere in den Vereinigten Staaten lassen die Experten hoffen.
Analysten überschlagen sich mit Abwärtsrevisionen
Auch wenn eine große Depression wie in den Dreißiger Jahren verhindert werden dürfte, der Nachrichtenfluss vor allem aus der Realwirtschaft wird zunächst schlechter werden bevor es besser wird. Derzeit überschlagen sich die Analysten mit Abwärtsrevisionen für das weltweite Wirtschaftswachstum. Erstmalig seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs befinden sich die Vereinigten Staaten, Europa und Japan gleichzeitig in der Rezession.
Das wird nicht nur eine Flut von Gewinnwarnungen zur Folge haben. Beobachter stellen sich auch auf einen rasanten Anstieg der Ausfallraten bei Unternehmensanleihen ein. Erschwerend wirkt, dass der für die Kreditvergabe so wichtige Handel der Banken untereinander noch immer nicht funktioniert. Die Unsicherheit über die Länge und Tiefe der Rezession dürfte dafür sorgen, dass sich die Kursausschläge an den Börsen zunächst weiter auf einem sehr hohen Niveau bewegen werden.
Aufgrund ihres Vorlaufcharakters sind Rezessionen allerdings nicht automatisch negativ für die Kursentwicklung. Die ING weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Aktienmärkte in der Regel zu Beginn einer Rezession die Talsohle erreichen. Wie die Commerzbank anmerkt, hat sich in den eigentlichen Rezessionsjahren 1967, 1975, 1982, 1993 und 2003 der Dax jeweils positiv entwickelt
Gewinnrückgang von 40 Prozent eingepreist, aber nicht im Konsens enthalten
Nach dem Kursverfall 2008 preisen die Aktienmärkte laut der ING inzwischen Ertragsrückgänge von 40 Prozent ein. „Das ist mehr als während früherer Rezessionen, entspricht aber unseren Erwartungen“, so die Analysten. Diese prognostizierten Gewinnrückgänge sind zwar in den Kursen eingearbeitet, spiegeln sich aber noch nicht in den Konsensschätzungen der Unternehmens-Analysten wider. Diese sind nach Einschätzung von Aktienstrategen noch immer viel zu optimistisch.
Für den Zeitraum 2008 und 2009 werde im Schnitt der Schätzungen bislang in Europa lediglich ein Rückgang von 5,3 Prozent erwartet, sagt etwa J.P. Morgan. Das amerikanische Haus geht aber von einem Minus bei den Unternehmensgewinnen von 34 Prozent aus, im schlimmsten Fall sogar von 57 Prozent. Die WestLB rechnet derweil mit einem Ergebnisrückgang von 40 Prozent über den Zeitraum der gesamten Rezession. Das relativiere das optisch niedrige Bewertungs-Niveau - die WestLB-Analysten sehen den Dax aktuell bei gut 4.000 Punkten fair bewertet.
Die erste Jahreshälfte dürfte noch von hoher Volatilität geprägt sein, bei der die bisherigen Kurstiefs im Dax im Rahmen der Finanzkrise durchaus noch zeitweise unterschritten werden könnten. „In dem Maße, wie in der zweiten Jahreshälfte bei den Marktteilnehmern die Zuversicht auf einen langsamen Wiederaufstieg aus der globalen Rezession zunimmt, werden auch wieder fundamentale Faktoren und Marktbewertungen stärker in den Fokus rücken.“ Eine solche Entwicklung würde vor allem in der zweiten Jahreshälfte Kurspotential eröffnen.
Hauptrisiko: Dauer der Rezession
Das Hauptrisiko für die Börsen liegt in einer länger anhaltenden Rezession und einem damit verbundenen stärkeren Einbruch bei den Unternehmensgewinnen. Nicht auszuschließen ist auch eine weitere Verschärfung der Finanzkrise. Hierbei würden sich die von den Regierungen und Zentralbanken ergriffenen Gegenmaßnahmen als unzureichend erweisen und verpuffen. „In einem solchen Szenario würde die Kreditvergabe der Banken vollends zum Erliegen kommen“, meint die WestLB.
Auch die UniCredit hält ein Unterschreiten der bisherigen Jahrestiefs für möglich, sollte deutlich werden, dass das Wachstum auch im zweiten Halbjahr 2009 negativ bleiben wird und sich die Konjunkturerholung in das Jahr 2010 hinein verschieben sollte. Beobachter stellen sich daher auf einen insgesamt schwierigen und komplexen Bodenbildungsprozess an den Aktienmärkten ein. Um so wichtiger wird die Frage, an welchen Indikatoren sich die Investoren zur besseren Orientierung halten sollen.
Analysten verweisen dabei immer wieder auf ein Anspringen der Geldmärkte und in der Folge des Interbankenhandels. Das könnte die so für die Wirtschaftsentwicklung wichtige Kreditvergabe an die Unternehmen normalisieren. Eine Einengung der Spreads, d.h. Risikoaufschläge, an den Geldmärkten sowie ein Rückgang der in der Einlagenfazilität geparkten Liquidität auf null, wären Zeichen für abnehmenden Stress im Bankensystem, führt die UniCredit aus.
Daneben verweist die Bank auf eine Stabilisierung oder Erholung der Rohstoffpreise sowie bei den Frühindikatoren wie etwa der Ifo-Konjunkturerwartung. Auch würde ein Ende der Mittelabflüsse bei Aktienfonds den Druck durch Zwangsverkäufe reduzieren. Die Mittelzuflüsse seien im Trend mit der Entwicklung des Verbrauchervertrauens korreliert. „Der Hochpunkt der Belastungen von dieser Seite sollte hinter uns liegen“, ist die UniCredit zuversichtlich.
Sektor-Allokation bleibt zunächst defensiv
Angesichts der bestehenden Unsicherheiten und dem voraussichtlichen Gewinneinbruch gerade bei zyklischen Werten sind die Strategen in ihrer „Asset-Allocation“ noch vorsichtig ausgerichtet. So bleibt die WestLB bis auf weiteres defensiv. Der Schwerpunkt liege auf den Sektoren Gesundheit, Telekommunikation und Versorger. Gerade der letztgenannte Sektor habe 2009 sehr gute Chancen, wieder stärker als 2008 als sicherer Hafen zu fungieren und sollte nicht zuletzt auch aus diesem Grund übergewichtet werden, heißt es.
Angesichts der Konjunkturrisiken bleiben die Analysten bei zyklischen Branchen dagegen weiter vorsichtig. Insbesondere in den Sektoren Chemie und Industriegüter und -dienstleistungen bestehe noch größeres Anpassungspotential bei den Unternehmensgewinnen. Nach Einschätzung der UBS wird im Laufe des Jahres 2009 der Zeitpunkt kommen, an dem ein Umschichten in zyklische Werte gerechtfertigt ist. Nicht jetzt bedeute keineswegs niemals, entscheidend sei das richtige Timing.