28.04.2008 · „Die Kreditkrise ist vorbei und die Gewinne der Unternehmen sind und bleiben hoch“. Solche Argumente locken die Anleger wieder in riskantere Anlageformen. Dabei gibt es genug Argumente, die sie davon abhalten könnten.
„Die Kreditkrise ist vorbei und die Gewinne der Unternehmen sind und bleiben hoch“. Dieses und ähnliche optimistische Argumente lockt die internationalen Anleger seit dem Zwischentief Mitte März wieder an die Börsen, in riskante Carry Trades und weg von den Rentenmärkten.
Allerdings gibt es auch Gegenargumente. Die amerikanische Konjunktur befindet sich aufgrund fallender Häuserpreise, angeschlagener Banken und zurückhaltender Verbraucher mit großer Wahrscheinlichkeit in einer ausgeprägten Rezession. Optimisten argumentieren, sie werde kurz und harmlos ausfallen. Skeptiker erklären, sie werde ausgeprägt und länger dauern als viele erwarteten.
Wieso zahlen die amerikanischen Banken so hohe Zinsen?
Faktisch spricht vieles für die pessimistischere Variante. Die amerikanische Zentralbank hat zwar massiv den Leitzins gesenkt, allerdings kommen diese Zinssenkungen nicht oder nur bedingt bei den Verbrauchern und den Unternehmen an, die sie nötig hätten, da die Banken bei der Kreditvergabe deutlich restriktiver geworden sind als in der Vergangenheit.
Dazu haben sie ihre Gründe. Denn die Immobilien- und Finanzkrise dürfte noch lange nicht ausgestanden sein. Wieso sonst sollten Banken wie die Citigroup, Merrill Lynch, and Bank of America bereit sein, nach den massiven Abschreibungen der vergangenen Wochen bei ihrer Rekapitalisierung Rekordkupons von mehr als acht Prozent über mehrere Jahre - oder gar ewig im Falle der Citigroup - zu zahlen, wenn ihre Verfassung so gut wäre, wie sie behaupten? Das sind die höchsten Renditen seit dem Jahr 2001.
Sehr wahrscheinlich versuchen sie sich auf diese Weise rechtzeitig gegen weitere Schwierigkeiten zu wappnen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit bald auf sie zukommen werden. Denn erstens ist bisher weltweit erst rund ein Viertel der geschätzten Verluste mit einem Gesamtbetrag von einer Billiarde Dollar offen gelegt worden, die sich selbst nach konservativen Schätzungen aus der amerikanischen Immobilienkrise ergeben können. Das heißt, weitere Abschreibungen scheinen angesichts der andauernden Misere am amerikanischen Häusermarkt absehbar zu sein.
Zum anderen dürften die Finanzunternehmen bald mit weiteren Abschreibungen in anderen Bereichen konfrontiert werden. Sie zeigen sich am Beispiel des Einzelhandelsunternehmens Target. Es hat in den vergangenen Tagen rund acht Prozent der Kreditkarten-Forderungen abgeschrieben, da immer mehr Konsumenten in Zahlungsverzug geraten. Auch die Bank of America sieht ähnliche Probleme, vor allem in Gebieten, die von der Häusermarktkrise am stärksten betroffen seien.
Nächste Welle der Krise: Kreditkartenschulden und gewerbliche Immobilien
Glaubt man kritischen Analysten, so wird die nächste Welle der Krise von gewerblichen Immobilien ausgehen. Waren in den vergangenen Jahren immer mehr Einkaufszentren und Außenstellen von Filialisten vor allem auch in Neubaugebieten aus dem Boden geschossen, so dürften sie längst die Krise spüren. Die Folgen zeigen sich inzwischen selbst bei Unternehmen wie Starbucks und anderen. Diese Entwicklung dürfte für weiteren Abschreibungsbedarf sorgen, vor allem auch bei lokalen Banken.
Damit scheint der Abschreibungszyklus längst noch nicht abgeschlossen zu sein. Anleger, die jetzt auf die Finanzwerte setzen, könnten die Risiken unterschätzen. Aber auch mit Blick auf andere Unternehmen ist der Optimismus noch sehr ausgeprägt. Immerhin befinden sich die durchschnittlichen Gewinnmargen auf oder nahe am Rekordniveau. Angesichts deutlich steigender Produzentenpreise ist es jedoch sehr wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sie zurückgehen werden. Dann sehen viele Aktien plötzlich nicht mehr so attraktiv aus, wie es im Licht optimistischer Analystenerwartungen den Anschein hatte.
Solche Argumente gelten nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für Europa und die Schwellenländer. Sie dürften sich kaum von der amerikanischen Wachstumsschwäche abkoppeln können. Immerhin wurden die Wachstumserwartungen in Europa in den vergangenen Tagen deutlich nach unten revidiert.
Insgesamt mögen die Börsen aufgrund der in den vergangenen Tagen entstandenen Eigendynamik kurz- und mittelfristig weiter nach oben laufen. Absicherungsstrategien können jedoch nie schaden. Denn Rückschläge scheinen wahrscheinlich zu sein.