10.09.2007 · Niemand vermag derzeit die Entwicklung der Finanzmärkte hinreichend sicher zu prognostizieren. Denn noch können die konjunkturellen Auswirkungen der Finanzkrise mehr geraten als abgeschätzt werden. Eine defensive Strategie empfiehlt sich in jedem Fall.
Nach den überaus schwachen Arbeitsmarktdaten vom Freitag hat die Unsicherheit der Anleger weltweit zugenommen. Ganz besonders Neueinsteiger stellen sich die Frage, wie sich denn nun die Märkte weiter entwickeln werden und vor allem, welche Konsequenzen sie daraus ziehen sollen.
Just die Tatsache, dass diese Frage allseits gestellt wird, macht deutlich, dass es derzeit äußerst schwierig ist, eine Entwicklung wirklich zuverlässig zu prognostizieren. Wenn auch die Arbeitsmarktdaten vom Freitag der amerikanischen Wirtschaft kein gutes Zeugnis ausgestellt haben, so nehmen sich etwa die erneuerten Konjunkturprognosen des Internationalen Währungsfonds einem Bericht der „Financial Times Deutschland“ (FTD) zufolge unspektakulär aus.
Amerikanisches Wachstum - leicht oder deutlich weniger?
Angeblich rechnet die Organisation mit einem Anstieg des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 5,3 Prozent, nachdem der IWF im Sommer erst seine Prognose auf 5,2 Prozent erhöht hatte. Für die Vereinigten Staaten erwarte die Organisation im laufenden Jahr einen BIP-Anstieg von 1,9 Prozent (zuvor: 2,0 Prozent). Die Prognose für Japans Wirtschaftswachstum 2007 werde auf 2,5 Prozent (2,6 Prozent) reduziert, die für China werde auf 11,5 von 11,2 Prozent erhöht, für den Euroraum werde sie angeblich belassen.
Demgegenüber sprach IWF-Direktor Rodrigo Rato von den „deutlichsten Änderungen“ bei den Abwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen für die Vereinigten Staaten. Die jüngst veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen seien deutlich schlechter ausgefallen als erwartet und ein schwächerer Konsum dürfte eine Zinssenkung in den Vereinigten Staaten unterstützen.
Generell besteht Einigkeit, dass die Vereinigten Staaten als Ausgangspunkt auch die Hauptlast der aktuellen Krise tragen werden. Die Analysten des Bankhauses JPMorgan rechnen damit, dass die größten Auswirkungen im vierten Quartal dieses Jahres in Form von Wachstumseinbußen spürbar werden.
Risiken für Europa - gering oder spürbar?
Außerhalb der Vereinigten Staaten werde das Wachstum dagegen nur in Maßen gedämpft, wenn auch durch die Liquiditätsengpässe die Kreditverfügbarkeit für die breite Wirtschaft leide. Für Deutschland etwa geht das DIW davon aus, dass sich die wirtschaftliche Expansion im gemäßigten Tempo fortsetzt und sich die „Verspannungen“ auf den Interbankengeldmärkten nicht spürbar auf die Realwirtschaft niederschlagen.
Indes sehen alle Experten durchaus bestehende Risiken. Vor allem machen dem DIW wie dem IWF mögliche Rückwirkungen der Krise auf den amerikanischen Hypotheken- und Immobilienmärkten auf die dortige Konsumnachfrage Kummer. Dies könnte mittelbar auch die deutsche Exportwirtschaft betreffen.
Indes ist die große Frage, die derzeit noch niemand zuverlässig beantworten kann, wie sich die Kreditkrise auf die internationalen Investmentbanken auswirkt. Bislang hielten sich diese im Rahmen und auch die Societe Generale, um die sich am Freitag negative Gerückte rankten, gab am Montag bekannt, trotz der Marktturbulenzen im August an ihren Finanzzielen für das Geschäftsjahr 2007/2008 festzuhalten. Es seien risikoreiche Geschäfte reduziert worden, hieß es in einer am Montag veröffentlichten Präsentation lapidar. Das Institut sei auf den Kreditmärkten begrenzt aktiv und habe lebhafte Geschäfte im Bereich Aktienderivate gemacht.
Kritischere Blicke am Kreditmarkt
Leidtragende sind bislang diejenigen Investoren und Finanzinstitute, die mit kurzfristigen Fremdmitteln in langfristigen, derzeit illiquiden Anlagen investiert sind. Derzeit erhalten sie nur unter großen Schwierigkeiten Verlängerungen ihrer Kreditlinien.
Die Illiquidität der Finanzinstrumente geht zurück auf deren Intransparanz und auf die Intransparenz der Märkte. Da es aufgrund der Globalisierung der Finanzmärkte erheblich schwieriger geworden sei, abzuschätzen, wer worin investiert ist und demzufolge wo welche Risiken liegen, ist Vorsicht Trumpf und, so die Analysten von JP Morgan, ist Liquidität Trumpf.
Erst wenn die kurzlaufenden Finanzierungen in den nächsten Wochen und Monaten verlängert würden - oder auch nicht - werde sich das Bild erhellen. Dabei wird sich auch zeigen, wie es mit den Unternehmensanleihen weitergeht.
Wie stabil sind die Bilanzen?
Denn nachdem vor wenigen Monaten noch eine Anschlussfinanzierung kein Problem war, sieht es mittlerweile kritischer aus. Emittenten müssen derzeit für eine Einmonats-Finanzierung am Geldmarkt rund 50 Basispunkte mehr als üblich zahlen, schreibt JP Morgan - entgegen niedrigerer Zinserwartungen, die bereits am Futures-Markt eingepreist sind.
Indes suggerieren die bislang vorgelegten Unternehmensbilanzen, dass das Gros der Unternehmen kurzfristige Engpässe überdauern kann. Wenn Teile der Mittel, die in den vergangenen Monaten für höhere Dividenden, Aktienrückkaufprogramme und Fusions- und Übernahmeaktivitäten verwendet wurden, in die interne Finanzierung flössen, so ist noch ausreichend Luft vorhanden, bevor Dividenden und Investitionen gekürzt werden.
Allerdings heißt das auch, dass womöglich weniger Geld für Aktienrückkäufe ausgegeben wird und das ein oder andere Dividendenwachstum niedriger als erwartet ausfallen könnte, was für den Aktienmarkt eher nicht von Vorteil ist.
Hinzu kommt, dass nicht alle Schuldner auf Rosen gebettet sind. Im Januar 2008 steht beispielsweise eine zwei Milliarden Euro schwere Ford-Anleihe zur Tilgung an, die erst einmal refinanziert werden will. Derzeit ist davon auszugehen, dass dies bewerkstelligt werden kann, aber dies dürfte sicherlich nicht für jeden Schuldner mit spekulativem Rating zutreffen.
Anleihenmarkt auf dem Weg zur Normalität
Insofern dürfte für Aktien nicht alles schlecht sein. Indes scheint geraten, die eigenen Investments noch einmal genau zu überprüfen, eine überhöhte spekulative Ausrichtung zu reduzieren und sich verstärkt auf Value-Werte mit moderater Bewertung zurückzuziehen, die eine vertretbare Bewertung haben.
Längerfristig positiv ist für den Finanzmarkt sicherlich, dass Übertreibungen wie laxe Finanzierungskonditionen und die Tendenz zu immer undurchschaubareren Derivateprodukten eingedämmt wird. Es finde eine zunehmende Differenzierung zwischen erstklassigen und nachrangigen Schuldnern statt, Normalität kehrt an die Anlage- und Kreditmärkte zurück, meint JP Morgan und sieht darin eine deutliche Verbesserung zu den vergangenen Wochen, als jegliche Arten von Kreditanleihen gleichermaßen gemieden wurden.
Ob dies Anleihen mit Qualitätsrating so recht nützt, ist eine andere Frage. Auch die Rentenmärkte sind sich ihrer Sache derzeit nicht so recht sicher. Noch suchen sie Bestätigung für ihren Konjunkturpessimismus. In der kommenden Woche stehen Zahlen zur Industrieproduktion, zu den Einzelhandelsumsätzen und zum Verbrauchervertrauen an.
Querschüsse vom Devisenmarkt
Zudem könnte den amerikanischen Staatsanleihen der schwache Dollar in die Quere kommen. Ausländische Staaten und Zentralbanken haben ihre Bestände im August so deutlich wie seit 1992 nicht mehr abgebaut. Und diese Klientel hält immerhin mittlerweile mehr als die Hälfte der in Umlauf befindlichen amerikanischen Staatsanleihen, die nun versuchen ihre Dollar-Gewichtung zu reduzieren. Sollten die Vereinigten Staaten den Leitzins senken, könnte dieser Prozess neue Nahrung finden.
Insofern ist Euro-Anlegern eher anzuraten, lieber im Euroraum zu bleiben, und Währungsrisiken eher ab- als aufzubauen.
Indes ist das die eher positive Variante der aktuellen Entwicklung. Sollte sich das Bild für die amerikanische Wirtschaft aber stärker eintrüben und die Unternehmensergebnisse schwächer ausfallen, so werden wir die Folgen weltweit zu spüren sein. Raghuram Rajan, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds erwartet zwar keinen jähen Absturz, aber eine Verlangsamung des Wachstums, denn die aktuelle Entwicklung stelle vorangegangene Krisen in den Schatten.
Weltkonjunktur: robust oder anfällig?
Wenn das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten von 2,3 Prozent im ersten Halbjahr auf unter zwei Prozent falle, könnte sich das weltweite Wachstum auf unter 4,75 Prozent abschwächen. Sollten die Vereinigten Staaten in eine Rezession abgleiten, dann würde das weltweite Wachstum auf 3,5 Prozent oder darunter sinken, sagen zahlreiche Prognosen.
Sollte dies der Fall sein, könnte es zu einem kumulativen Prozess wie in den siebziger Jahren kommen, besagt eine schon im April veröffentlichte Studie des Internationalen Währungsfonds
Insbesondere könnten Asiens Wachstumsmärkte, die weiterhin auf Konsumgüterexporte in den Dollarraum angewiesen sind, ins Straucheln kommen, befürchtet Stephen Roach, Leiter des Asiengeschäfts bei Morgan Stanley.
In einigen Ländern mache sich der Trend bereits bemerkbar. In Thailand verlangsamte sich das Wachstum der Ausfuhren auf sechs Prozent in den Monaten Juli und August. Im Juni hatte das Wachstum noch bei 18,1 Prozent gelegen. Auch in Malaysia waren die Exporte im Juli zum zweiten Mal in Folge rückläufig.
Chinesisches Wachstum: Wie viel Wunsch, wie viel Wirklichkeit?
Und auch China ist nicht vor einer Abschwächung der Nachfrage von Seiten amerikanischer Verbraucher gefeit. Etwa ein Fünftel aller im Juli verzeichneten Exporte gingen in die Vereinigten Staaten, während der Binnenkonsum immer noch der Entwicklung hinterherhinkt. Nach Daten der Bundesagentur für Außenwirtschaft betrug der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr 70 Prozent. In China waren es nach Daten von 2005 lediglich 38 Prozent.
Der Anteil der Bruttoanlageinvestitionen machte dagegen 41,5 Prozent aus - ein weiteres Indiz für die Theorie eines politisch induzierten Wachstums, dem die Fundierung durch eine adäquate Inlandsnachfrage fehlt.
Schlimmstenfalls könnten sich weltweit stagflationäre Tendenzen ergeben. Denn weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten sind die Inflationsgefahren wirklich erkennbar gebannt. In zahlreichen Ländern, allen voran China, werden sie durch administrative Maßnahmen zurückgehalten, während sie in kleinen, offenen Volkswirtschaften wie dem Baltikum oder Island kaum zu zügeln ist.
Negativszenario Stagflation
Sollten sich die Wachstumsaussichten eintrüben, könnten die Unternehmen, die aufgrund der globalen Konkurrenz und der guten Wachstumsaussichten auf Preiserhöhungen bislang verzichtet haben, dazu übergehen, die Preissteigerungen im Rohstoffbereich stärker auf die Endpreise zu überwälzen.
Eine solche Entwicklung bekäme den Aktienmärkten überhaupt nicht und könnte einen länger anhaltenden Bärenmarkt nach sich ziehen. Dieser dürfte dann zwar nicht die spektakulären Kursrückgänge der ersten Jahre des laufenden Jahrzehnts erleben. Viel eher könnte sich eine Entwicklung ergeben ähnlich der der Jahre 1976 bis 1982, in denen der S&P-500 zunächst von 140 auf fast 60 Punkte rutschte, sich dann etwas erholte, nur um dann über drei Jahre lang beständig auf der Stelle tretend um die Marke von 100 Punkten zu schwanken.
Doch ob es soweit kommt, ist heute noch nicht abzusehen. Was hingegen vergleichsweise gesichert erscheint ist, dass die kommenden Monate mit Sicherheit nicht von krisenfreiem Wachstum gekennzeichnet sein werden und sich dementsprechend eine defensivere Anlagestrategie empfiehlt.