28.11.2007 · Mit ihren düsteren Prophezeiungen erschütterte Analystin Meredith Whitney den Finanzgiganten bis ins Mark und handelte sich sogar Morddrohungen ein. An der Wall Street scheint man jedoch ihrer Meinung zu sein.
Von Steve RosenbushIn diesem Jahr wird Meredith Whitney wahrscheinlich keine Weihnachtskarte vom ehemaligen Citigroup-Chef Charles Prince erhalten. Die Aktienanalystin des kanadischen Finanzinstituts CIBC World Markets war an vorderster Front dafür verantwortlich, dass der langjährige Kapitän der 200 Milliarden Dollar schweren Bank seinen Posten am Ruder räumen musste.
Das sich bereits aufgrund seines schwachen Aktienkurses in der Kritik befindliche Unternehmen geriet durch sein Engagement auf den krisengeschüttelten Kreditmärkten in noch größere Bedrängnis. Und dann kam Meredith Whitney. In einem am 31. Oktober veröffentlichten Bericht schrieb sie, dass die infolge der Subprime-Krise stark angeschlagene Bank trotz ihrer gewaltigen Größe unterkapitalisiert sei.
Die düstere Prophezeiung
Whitneys Bericht stufte die Aktie des Unternehmens auf „market underperform“, dem Äquivalent von „verkaufen“, herab. Doch das war erst der Anfang. Sie weissagte, dass Citigroup seine Dividende kürzen und hochwertige Vermögenswerte verkaufen müsse, um die Quote aus Eigenkapital (ohne immaterielle Vermögenswerte) und Sachanlagevermögen zu steigern, die zuletzt auf 2,8 Prozent gefallen war und damit um mehr als 50 Prozent unter dem Branchendurchschnitt lag.
Whitney begann mit ihrem Bericht Anfang Oktober, nachdem die Citigroup ihre Zahlen für das dritte Quartal vorlegte, in denen ein drastischer Gewinnrückgang und Abschreibungen in Höhe von 6,5 Milliarden Dollar offen gelegt wurden. Die Veröffentlichung von Whitneys Bericht fiel mit der Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed am 31. Oktober zusammen, in deren Mitteilung vor einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums gewarnt wurde. All das waren Hiobsbotschaften für die Banken, die in ihren Quartalsberichten bereits gewaltige Abschreibungen im Zusammenhang mit zweitklassigen Hypothekenkrediten ausgewiesen hatten.
Whitney folgerte, dass die Citigroup angesichts der gegenwärtigen konjunkturellen Lage nicht über die Mittel verfüge, um ihre Kapitalquoten durch organisches Wachstum zu erhöhen. Sie argumentierte, dass Dividendenkürzungen oder Anteilsverkäufe die einzigen kurzfristigen Mittel zur Beschaffung von Liquidität seien. Sie prophezeit, dass sich „das Gesicht der Citigroup in sechs bis achtzehn Monaten merklich verändert haben wird. Die Situation der Citigroup ist besorgniserregend und ich verwende dieses Wort nicht leichtfertig“, so Whitney. „Das Unternehmen hat echte Kapitalprobleme.“ Citigroup könnte im vierten Quartal wahrscheinlich weitere Abschreibungen in der Größenordnung zwischen acht und elf Milliarden Dollar vornehmen.
Steigerung der Kapitalquote
Whitneys Bericht schlug am Aktienmarkt ein wie eine Bombe. Die Citigroup-Aktie sackte am 1. November um sieben Prozent ab, nachdem Analysten von Morgan Stanley und Credit Suisse ihrerseits Herabstufungen vornahmen. Auch der breitere Markt reagierte mit Abschlägen, wobei der Aktienindex S&P-500 um fast 2,5 Prozent einbüßte. Am darauf folgenden Wochenende rief der Citigroup-Vorstand eine Notstandssitzung ein; am 4. November nahm der Vorstandsvorsitzende Charles Prince seinen Hut.
Die 38jährige Whitney ist bei der in diesem Jahr zusehends folgenschwereren Kreditmarktkrise als eine der wichtigsten mahnenden Stimmen hervorgetreten. Im Mittelpunkt ihrer Analyse der Kreditkrise stand die Citigroup, die das zweithöchste Engagement im Bereich komplexer und risikoreicher Kreditpools, die so genannten CDOs (Collateralized Debt Obligations), eingegangen war.
Während Merrill Lynch noch stärker engagiert war, ist die Citigroup nach Ansicht Whitneys aufgrund ihrer schwachen Kapitaldecke besonders anfällig. Nach ihrer Meinung bleibe der Citigroup keine andere Wahl, als ihre Kapitalquote durch Veräußerungen und Dividendenkürzungen zu steigern. „Sie haben schlichtweg nicht genügend Kapital und sie werden sich diesem Problem schnellstmöglich stellen müssen.“ sagte Whitney im November, und ergänzte, dass Citigroup höherwertige Vermögenswerte wie Immobilen und Kreditkartenforderungen verkaufen müsse, da für geringwertigere Vermögenswerte gegenwärtig kein Markt vorhanden sei. Nach ihrer Einschätzung dürften derartige Verkäufe die Gewinne des Unternehmens über Jahre hinweg belasten.
Citigroup lehnte einen Kommentar zu Whitneys Analyse ab. Das Unternehmen behauptet jedoch, seine Kapitalquote bis zur Jahresmitte 2008 ohne Dividendenkürzungen oder umfangreiche Veräußerungen von Vermögenswerten steigern zu können. Allerdings sind massive Stellenstreichungen zu befürchten. Am 26. November berichtete der amerikanische Sender CNBC, dass Citigroup bis zu 45.000 ihrer 327.000 Arbeitsplätze abbauen könnte. Citigroup bestätigte, dass Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung geprüft würden, wies die kursierenden Zahlen in einer Mitteilung jedoch als „nicht den Tatsachen entsprechend“ zurück.
Eine etwas andere Wall-Street-Karriere
Zu Whitneys Kunden zählen große Hedgefonds wie SAC Capital Partners, Fontana Capital und Denver Investment Advisors, die jedoch allesamt nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung standen. Ein Kunde jedoch, ein Portfoliomanager, der Vermögenswerte in Milliardenhöhe verwaltet, war schnell mit Lob bei der Hand. „Ich halte ungemein viel von ihr. Sie hat Schneid und macht Nägel mit Köpfen“, sagte der Manager, der nicht näher genannt werden möchte.
Doch nicht jeder stimmt mit Whitneys Citigroup-Bericht überein. Für Jeremy Siegel, Professor für Finanzen an der Wharton School der Universität von Pennsylvania, sei es keine ausgemachte Sache, dass Citigroup seine Dividende werde kürzen müssen. Er erinnert daran, dass die Bank eine Finanzkrise Anfang der neunziger Jahre ohne diesen Schritt gemeistert hatte.
Sell-Side-Analysten wird nachgesagt, dass sie über die von ihnen abgedeckten Unternehmen nur widerwillig Tacheles reden würden. Whitney kann in ihrer Karriere jedoch auf eine ganze Reihe dieser freimütigen Äußerungen zurückblicken. Sie hat Verkaufsempfehlungen für Aktien etwa von Enron, CIT und Capital One herausgegeben, wobei sie Capital One im Jahr 2006 zwei Mal herabstufte.
Ihre Kaufempfehlungen sind ähnlich interessant. So bewertete sie die Goldman Sachs Group 2006 mit „kaufen“, als deren Aktie bei 130 Dollar notierte. Das Papier stieg anschließend auf 200 Dollar und wird zwischenzeitlich mit etwa 207 Dollar gehandelt.
Duell mit dem Wrestler
Mit einem Bachelor in Geschichte von der Brown University in der Tasche begann Meredith Whitney vor 16 Jahren ihre Laufbahn an der Wall Street. Ohne Abschluss in Wirtschaftswissenschaften oder einschlägiger Ausbildung in Finanzanalyse ergatterte sie sich einen Posten als Junior-Analystin bei Oppenheimer, wo sie Enron und andere Öl- und Gasunternehmen unter die Lupe nahm.
Im Jahr 2001 wechselte sie zum Hedgefonds Front-Point Partners, wo sie mit dem renommierten Finanzanalysten Steve Eisman zusammenarbeitete. „Im Unterschied zu vielen anderen Sell-Side-Analysten ist Meredith bereit, die Äußerungen von Unternehmen zu hinterfragen“, so Eisman über Whitney.
Vor zwei Jahren kehrte Whitney in die Bankenwelt zurück, nachdem sie einige Zeit bei Fox News tätig war. Zum Fernsehen kam sie dabei eher zufällig. Whitney wechselte von FrontPoint Partners zur First Union Bank, die später von Wachovia übernommen wurde. Dieser Wechsel ermöglichte ihr größere Freiheiten, führte jedoch nach Whitneys Aussagen zu „kulturellen“ Differenzen, die sie dazu bewogen, die Bank wieder zu verlassen. Wachovia lehnte eine Stellungnahme hierzu ab. Ein dreijähriges Wettbewerbsverbot machte eine Tätigkeit in der Finanzdienstleistungsbranche unmöglich, weshalb sie während dieser Zeit bei Fox anheuerte.
Dort traf sie auf John „Bradshaw“ Layfield, einen ehemaligen Profi-Football-Spieler und Wrestler, der einst unter dem Spitznamen „Death Mask“ in den Ring stieg. Im August 2003 waren beide in der Fox-Finanzshow „Bulls and Bears“ zu Gast. Dort waren sie unterschiedlicher Meinung über die Aussichten von Citigroup. Layfield nahm die Position des Bullen ein. „Sie fragte mich, weshalb man in einer Zeit steigender Zinsen Finanzaktien besitzen sollte, und sie hatte Recht. Sie erniedrigte mich vor laufender Kamera“, erzählt der 1,98 Meter große und rund 130 Kilo schwere Texaner.
Doch Freunde bei Fox arrangierten ein Essen in einem Restaurant in Manhattan und plazierten beide nebeneinander an einen Tisch für acht Personen. Die sechs anderen Tischgäste verständigten sich darauf, weder mit Layfield noch mit Whitney zu sprechen. Die Sache funktionierte; Layfield und Whitney kamen sich näher, wurden ein Paar und heirateten schließlich im Februar 2005 an einem Strand in Key West (Florida).
Hochmut kommt vor dem Fall
Nach ihrem Bericht vom 31. Oktober erhielt Whitney mehrere Morddrohungen. Sie nimmt's jedoch gelassen: „manchmal ist es gut zu wissen, dass man einen Nerv getroffen hat“. Für Layfield, der sich privat intensiv mit Geldanlagen befasst, worüber er auch in seinem Buch „Have More Money Now“ schreibt, sind die hinter diesen Drohungen stehenden Menschen Feiglinge. Er sagte einen Besuch in Texas ab, um persönlich für die Sicherheit seiner Frau zu sorgen.
Whitney ist nach eigenen Aussagen fasziniert davon, wie Macht an der Wall Street ausgeübt und missbraucht wird, und ergänzt, dass ein Großteil der Probleme in der Unternehmenswelt - von Enron bis Citigroup - auf übersteigertes Selbstbewusstsein zurückgeht. „Vieles hier ist einfach eine menschliche Geschichte. In 90 Prozent der Fälle ist Hochmut die Ursache von Managementfehlern“, so Whitney.
Seit Veröffentlichung von Whitneys Citigroup-Bericht haben Credit Suisse, Morgan Stanley und Goldman eigene Herabstufungen vorgenommen, woraufhin Citigroup bislang 50 Milliarden Dollar an Kurswert einbüßte. Am vergangenen Montag schloss die Aktie bei 30,70 Dollar, was einem Tagesverlust von 3,2 Prozent und einem Rückgang von 47 Prozent seit dem 52-Wochen-Hoch bei 57 Dollar markierte. Es bleibt abzuwarten, ob sich Whitneys Weissagungen über die Dividende und Kapitalstruktur der Citigroup bewahrheiten werden. Doch bislang „wettet der Markt darauf, dass sie richtig liegt“, kommentiert ein leitender Investmentbanker.