12.09.2002 · Der Schweizer Vermögensverwalter Johannes Führ erwartet eine grundlegende Neubewertung der Weltwirtschaft. Mit tiefgreifenden Folgen für Anleger.
Johannes Führ, Chef der gleichnamigen Basler Vermögensverwaltung, ist bekannt für seine eigenständigen Positionen zur Entwicklung an den Kapitalmärkten.
Für den Aktienmarkt hält Führ einen langfristigen Abwärtstrend für das wahrscheinlichste Szenario, das von deflationären Tendenzen und weltweit ausufernder Staatsverschuldung begleitet wird.
Herr Führ, Sie konstatieren einen grundlegenden Umbruch der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Worin besteht dieser?
Wir erleben keine konjunkturelle Schwächephase, wie wir sie früher hatten. Wir haben den Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft erlebt, und die Globalisierung bringt eine Amerikanisierung mit sich, was wiederum eine grundlegende Umwälzung europäischer Wirtschaftskultur bedeutet. Die Globalisierung und die erhöhte Produktivität wirken tendenziell deflationär. Im Gegensatz zur Inflation, die Geldwerte zerstört und Sachwerte fördert, zerstört die Deflation Sachwerte und fördert Geldwerte. Dabei steckt insbesondere die Finanzindustrie in einer Krise, wie wir sie seit 50 Jahren nicht mehr hatten. Angesichts der Aktienbaisse und niedriger Zinsen stehen die Versicherungen vor ernsthaften Problemen, auch nur ihre gesetzliche Mindestverzinsung zu erreichen. In Japan sind die großen Lebensversicherer in dem Niedergang der vergangenen zwölf Jahre pleite gegangen. Die existenziellen Probleme der Versicherer wirken wiederum auf die Banken. Und wenn der Finanzsektor als Schlüsselindustrie im Umbruch ist, hat dies über den Kreditmarkt enorme Folgen für die gesamte Wirtschaft.
Sie erwähnen Japan, dessen deflationäre Entwicklung immer öfter als drohendes Szenario für Europa und die USA genannt wird. Sind die Gemeinsamkeiten wirklich so groß, etwa im Immobiliensektor?
Natürlich. Ähnlich wie in Japan explodiert die Staatsverschuldung, und mit niedrigen Leitzinsen und der Erhöhung indirekter Steuern wird versucht, Inflation zu bekommen, um die Staatsverschuldung billig zu halten. So haben wir heute das verwirrende Bild, dass sich Konsumgüter (letztlich angetrieben durch indirekte Steuern) verteuern, während gleichzeitig eine Pleitewelle bei gewerblichen Immobilien und stagnierende Mieten große Werte wie eben Immobilien billiger werden lassen. Deswegen sprechen wir von einer tendenziellen Deflation.
Was bedeutet das für den Aktienmarkt?
Sie wissen, dass die seit 1982 gültigen langfristigen Aufwärtstrends im Zuge dieser Baisse gebrochen wurden. Entweder war der bisherige Einbruch nur eine Korrektur in einem intakten Aufwärtstrend. Oder damit beginnt ein neuer Trend, der abwärts gerichtet ist. Wenn dies der Fall ist, hält dieser Trend in der Regel über ein Jahrzehnt an, und es findet eine Neubewertung der Weltwirtschaft statt, bei gleichzeitiger Erhöhung der Staatsverschuldung. Und genau davon gehen wir aus.
Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Portfolioallokation der Anleger?
Was den Rentenmarkt betrifft, wird dessen alte Segmentierung in Staatsanleihen, Pfandbriefe und Industrieobligationen aufgelöst. Staatsanleihen werden ein schlechteres Rating bekommen als gute Unternehmensanleihen (wie etwa bereits in Japan), gleichzeitig wird die Bonität permanent schlechter. Vor 20 Jahren waren über 80 Unternehmen in den USA mit „AAA“ bewertet, heute sind es nur noch acht. An Stelle der alten Rentenstrukturen ist somit ein Denken in „Credits“ getreten, in dem man die Renditeunterschiede innerhalb einer Ratingkategorie zu nutzen sucht. So sieht das neue Rentenportfolio aus.
Anleger mit einem kurzen Anlagehorizont, die nicht mit einer höheren Volatilität leben können, sollten auf Aktien völlig verzichten. Anleger mit einem langen Anlagehorizont und einem Vermögen, das spekulative Beimischungen vertragen kann, können bis zu 15 Prozent Aktien beimischen. Aber auch hier müssen stets die Anlageprinzipien Qualität, Liquidität und Diversifizierung berücksichtigt werden.