03.07.2006 · Der Tankan-Bericht nährt am Montag die Erwartung, die japanische Zentralbank werde den Leitzins erhöhen. Jesper Koll, Chefökonom für Japan bei Merrill Lynch, schließt sich im Gespräch mit FAZ.NET dieser Meinung an.
Die Stimmung in den großen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes Japans ist im Juni gestiegen. Der von der Bank of Japan berechnete Tankan-Diffusionsindex stieg auf einen Stand von 21 Punkten. Für die nächste Umfrage im September rechnen die Unternehmen mit einem weiteren Anstieg auf 22 Punkte.
Deutlich gestiegen ist die Investitionsbereitschaft der großen Industrieunternehmen. Diese wollen in dem im März des Jahres 2007 endenden Fiskaljahr 11,6 Prozent mehr investieren als im Vorjahr. Das wäre ein unerwartet deutlicher Zuwachs.
Diese Investitionspläne der Unternehmen nähren die Erwartung an den Märkten, daß die japanische Zentralbank den Leitzins erhöhen wird. Jesper Koll, Chefökonom für Japan bei Merrill Lynch, schließt sich im Gespräch mit FAZ.NET dieser Meinung an.
Wie bewerten Sie den jüngsten Wirtschaftsbericht der Bank of Japan?
Er bestätigt die positive Entwicklung des Landes. Wir rechnen mit einem Wachstum des Bruttosozialproduktes über Potential von 3,5 Prozent.
Was bedeutet das für die Geldpolitik?
Da die Produktionskapazitäten stärker ausgelastet werden, dürfte die Bank of Japan die Nullzinspolitik beenden und den Leitzins in den kommenden Monaten erhöhen. Der Markt rechnet bisher mit einer Zinserhöhung um insgesamt 0,5 Prozentpunkte. Wir gehen dagegen von einer Zinserhöhung in vier Schritten um 0,25 Prozentpunkte auf ein Prozent in den kommenden Monaten aus.
Was bedeutet das für die Finanzmärkte? Wird der japanische Rentenmarkt nicht deutlich unter Druck geraten?
Die japanischen Anleihen dürften es in den kommenden Monaten schwer haben. Wir sehen die Rendite von zehnjährigen Staatsanleihen in Japan auf die drei Prozent zulaufen.
Wird die Börse in diesem Umfeld weiter steigen können?
Ich gehe davon aus, daß der Nikkei die Marke von 17.000 Punkten wieder wird überwinden können. Allerdings ist es ratsam, Aktien selektiv zu kaufen. Denn manche Unternehmen werden wegen steigender Kosten ihre Gewinne nicht wie erwartet steigern können, während andere ausgezeichnet positioniert sind.
Können Sie ein paar konkrete Ideen nennen?
Ja, Banken wie zum Beispiel die Mitsubishi UFJ Bank oder die Yokohama Bank können aufgrund der steigenden Zinsen mehr Geld verdienen als allgemein erwartet wird. Schließlich steigen ihre Ertragsmargen mit steiler werdender Zinskurve.
Setzen Sie vor allem auf Finanzwerte?
Nein. Es gibt auch Unternehmen wie die Kansai Electric Power Company, bei dem der dynamischer werdende Aufschwung in der Kansai-Region die Umsätze anregen wird. Daneben gibt es Firmen wie Toshiba oder Nikon, die vom zunehmenden japanischen Konsum profitieren und die in den kommenden Monaten viele innovative Produkte auf den Markt bringen werden.
Heißt das, Sie bauen eher auf die Entwicklung des japanischen Binnenmarktes als auf die weltwirtschaftliche Entwicklung?
In Amerika dürfte das Wachstumsmomentum in den kommenden sechs bis neun Monaten abnehmen. So würden wir in Japan eher auf binnen- als auf exportorientierte Titel setzen.
Wie erklärt sich letztlich der Wandel in Japan, wieso kommt das Land nun plötzlich in Schwung?
Die kürzeste Antwort ist: Es sind 15 Jahre seit dem letzten Boom vergangen. Das heißt, selbst wenn Sie jeden Tag nur einen Schritt machen, dann haben Sie nach so langer Zeit auch mehrere Marathons gelaufen. Konkret: Die japanischen Privatunternehmen haben in den vergangenen Jahren ihre enorme Verschuldung abgebaut, die Firmen haben restrukturiert und massiv in Innovationen, Forschung und Entwicklung investiert. Gleichzeitig hat sich der Arbeitsmarkt gelockert. Nun sehen wir die positiven Folgen dieser Prozesse, sei es in der Automobilbranche, in der Feinmechanik oder auch in der Robotik.
Sie denken, diese Unternehmen seien technologisch führend?
Ja, viele dieser Firmen können eine so moderne Produktpalette anbieten, wie es sie weltweit nicht noch einmal gibt. Sie können ihre Stärke im aktuellen Umfeld voll ausspielen.
Welche wirtschaftliche Bedeutung hat der Wechselkurs?
In den vergangenen zehn Jahren war der Export in Japan praktisch der einzige Lichtblick in der japanischen Wirtschaft. Nun zeigt der Tankan-Bericht deutlich, daß der Export in die Binnenwirtschaft ausgestrahlt hat und so die Exportabhängigkeit deutlich geringer geworden ist. Für die Gewinnentwicklung der Unternehmen spielt der Wechselkurs jedoch nach wie vor eine wichtige Rolle. Das zeigt sich am Beispiel Toyotas: 70 Prozent der Gewinne stammen aus dem Nordamerika-Geschäft und sind damit direkt vom Dollar-Yen-Kurs abhängig.
Deuten die Zinserwartungen nicht eine Aufwertung des Yen an?
Ich denke, wir sollten in denn kommenden eineinhalb Jahren mit einem schwächeren Dollar rechnen. Dollar-Yen wird nach unserer Prognose bis Ende des kommenden Jahres auf 100 steigen.
Wie erklären Sie sich, daß Euro-Yen immer weiter nach oben läuft?
Das europäische Wirtschaftswachstum und die wahrscheinlich weiter aufgehende Zinsschere zwischen Europa und Japan begründet diese Entwicklung ziemlich eindeutig.
Würde eine Zinserhöhung in Japan die Konjunktur negativ beeinflussen?
Wenn sich die japanische Wirtschaft einen Leitzins von eineinhalb oder gar zwei Prozent nicht leisten könnte, wäre sie nicht viel wert. Ich denke, eine Zinserhöhung wird überhaupt keinen Einfluß auf sie haben.
Sind Zinserhöhungen in Japan politisch durchsetzbar? Der Notenbankpräsident befindet sich schließlich ziemlich in der Diskussion.
Meiner Meinung nach ist eine Zinserhöhung auf jeden Fall durchsetzbar. Das Parlament trennt zwischen den persönlichen Investitionen Fukuis und der Notenbankpolitik. Ich denke, die Bank of Japan ist politisch unabhängig. Nicht unabhängig ist sie dagegen von der Zinspolitik der amerikanischen Zentralbank. Ich kann mir nicht vorstellen, daß in Amerika die Zinsen gesenkt werden und in Japan steigen sie.
Angenommen, die amerikanische Konjunktur verlöre an Dynamik. Was würde das für die asiatische Wirtschaft bedeuten?
Die asiatischen Volkswirtschaften haben sich schon viel stärker abgekoppelt, als allgemein angenommen wird. Das zeigt sich an der Exportleistung Japans in den vergangenen zwei Jahren: Zehn Prozent gingen an Amerika und rund 70 Prozent an Asien oder China.
Aber China selbst exportiert stark nach Amerika!
Sie glauben doch nicht im Ernst, daß die Kapazitäten in Korea, in China und in Asien nicht weiter aufgebaut werden, wenn es zu einem zyklischen Abschwung in Amerika kommen sollte.
Aber wo werden dann die hergestellten Produkte verkauft werden?
Dann wird der Export nach Europa und in den Rest der Welt erst richtig losgehen. Die Europäer können sich beispielsweise schon einmal auf das 5.000-Euro-Auto einstellen. Der wahre Wettbewerbsschub in der Automobilindustrie steht noch bevor.